Begriffe des Chaos, Chaos der Begriffe - Selbst‐ und Weltwahrnehmungen der Muslime

In einem Symposium hat die IGMG die muslimische Selbst- und Weltwahrnehmung diskutiert. Dabei wurde das Augenmerk auf die Begriffe in dieser Diskussion gerichtet und ihre Entstehung und ihr Gebrauch hinterfragt.

 

 

In Bonn kamen vergangenen Sonntag mehr als 200 Gäste zusammen, um über die „Begriffe des Chaos – Chaos der Begriffe“ zu diskutieren. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) hatte zahlreiche Referenten und Diskutanten zu einem internationalen Symposium im Bonner Gustav-Stresemann-Institut eingeladen.

 

„Der Islam gehört zur Wirklichkeit Deutschlands und Europas“, sagte Yavuz Çelik Karahan, Vorsitzender der IGMG, in seiner Grußrede. „Die weltweite Aufmerksamkeit richtet sich auf Muslime und wir werden immer wieder Zeuge von Debatten über den Islam. Es ist jedoch auffallend, dass selbst Muslime viele Begriffe in diesen Debatten nutzen, ohne sie je zu hinterfragen. Die Begriffe, die wir nutzen, sind jedoch ein Spiegelbild unserer Gedankenwelt. Und hier stellt sich die Frage, inwieweit unsere Begriffe unser Verständnis formulieren können. Indem wir unsere Begriffe diskutieren, diskutieren wir unsere Selbst- und Weltwahrnehmung“, stellte Karahan fest. Dies erfordere letztendlich, dass wir uns die Fragen stellen, wer wir sind und wo wir stehen. Und dies bedeute auch eine gewisse Abrechnung mit den Ideen und Praktiken, die wir bisher entwickelt haben. Weiter sagte Karahan: „Dass wir sogar die Begriffe die wir nutzen, zur Diskussion stellen, ist kein Zeichen der Schwäche und Unsicherheit. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen für Selbstsicherheit und –vertrauen. Es liegt in unserer Verantwortung, keine übereilten und fertigen Antworten zu liefern, sondern die Menschen durch das Stellen der richtigen Fragen zum Denken zu animieren.“

 

Die Fortführung und Veralltäglichung des Charismas

Die Eröffnungsrede des Symposiums hielt der seit 1993 amtierende Großmufti von Bosnien-Herzegowina Mustafa Ceric. „Ich möchte diese Möglichkeit zum Anlass nehmen, um mich bei der IGMG zu bedanken,  für alles was sie für mein Land, für Bosnien-Herzegowina getan haben. Es ist interessant, dass wir dieses Thema gerade in Bonn diskutieren. Und möglicherweise ist es ein gutes Zeichen, dass wir in Europa einige der Konzepte erstellen oder einen Teil des Durcheinanders aufklären können, das wir wohl unter unseren Gelehrten haben.“ In seinem weiteren Vortrag ging Ceric auf die Begriffe Akida, Scharia und Hilafa und deren Bedeutung für die heutige Zeit ein. Während im vorigen Jahrhundert Scheich Schaltut Islam nur als Akida und Scharia ansah, würden wir heute vom Islam als Akida, Scharia und Hilafa/Imamet ausgehen. „Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir mit Akida, Scharia und Hilafe drei Grundkonzepte haben, die wir immer wieder falsch verwenden und nicht verstehen, was sie genau bedeuten“, kritisierte Ceric.

 

Die Akida sei eine persönliche Glaubensüberzeugung. Mit der Akida hätten die meisten Muslime kein Problem, da der Islam im Grunde die einfachste Glaubensgrundlage hat, die es geben kann. Ceric verstehe es insoweit nicht, wenn manche Gelehrten die Akida verkomplizieren würden. Während die Akida eine persönliche Angelegenheit wäre, sei die Scharia eine kollektive. Die Scharia stehe immer in Verbindung mit der Moral und Moral sei keine rein individuelle Angelegenheit. Bei der Moral gehe es immer auch um die Beziehung zum Anderen. „Die Scharia regelt also wie die Akida meine persönliche Haltung, meine persönliche Weltanschauung aber auch meine gemeinschaftliche Haltung zu Anderen.“

 

„Ich will nicht ausarbeiten, die Scharia müsse wieder zurückkommen, aber was ist nun das Imamet?“, fragte Ceric weiter. „Das Imamet ist Geschichte. Dagegen sind Akida und Scharia transzendental. Die Idee von der Akida haben wir von Gott. Die Scharia ist in dem Sinne transzendental, dass wir sie im Koran, in der Thora oder in der Bibel haben. Es ist eine Art von Bund zwischen uns und Gott. Aber Imamet und Hilafet ist uns überlassen, es ist unsere Geschichte; die Geschichte unseres Verhaltens und unserer Leistung. Und wir scheitern meistens in diesem Bereich. Denn Imamet erfordert Organisation, Soziologie, erfordert Wissen darüber, wie eine Gesellschaft organisiert wird.“

 

Ceric stimme Hamid Habbashis Analyse zu, der Max Webers Theorie zum Charisma einsetzte und sagte, dass der Prophet Muhammad (saw) Charisma hatte. Die Veralltäglichung des Charismas war in der Geschichte der Weg der Sunniten, die Fortführung des lebenden Charismas war der Weg der Schiiten und die Verteilung des Charismas war der charidschitische Weg. Die Sunniten sind bei der dauerhaften Veralltäglichung des Charismas gescheitert, denn sie haben sich stark säkularisiert. Die Fortführung des Charismas unter den Schiiten hat auch als Minderheit überlebt, denn das lebende Charisma ist immer anwesend. Und die Charidschiten tauchen heute wieder auf unterschiedliche Arten wieder auf. Weil die Sunniten damit scheiterten, das Institut des Imamets in der Vergangenheiten zu etablieren, kamen die Schiiten mit ihrer Fortführung des Charismas. Weil aber auch die Schiiten nicht die Oberhand gewinnen konnten, haben wir heute die charidschitische Logik der Verteilung des Charismas. „Und ihr in Europa seid ein Beispiel dafür, denn in Europa kann euch niemand zusammenbringen. Wir sind insoweit alle Charidschiten, weil wir die Veralltäglichung des Charismas, der Sunna nicht akzeptieren“, stellte Ceric fest. „Meine Lösung ist, dass Sunniten und Schiiten zusammenkommen müssen, damit Sunniten etwas von der Fortführung des Charismas, Schiiten von der Veralltäglichung des Charismas lernen, um die charidschitische Logik, in der wir heute sind, zu überwinden.“

 

Den Begriff der Scharia diskutierte Ceric anhand der Arbeit von Asifa Quraishi, die die Scharia im Kontext der amerikanischen Verfassung untersucht habe. Ihre Arbeit zeige, wie heuchlerisch die Muslime sind, wenn sie über die Implementierung der Scharia in ihrem Alltag sprechen und wie heuchlerisch der Westen in seiner Forderung, die Scharia aufzugeben, ist. Denn selbst in den muslimischen Ländern, die behaupten, sie würden die Scharia umsetzen, werde diese nicht umgesetzt. Ceric wies darauf hin, dass der Fikh nicht die Scharia ist. Der Fikh ist nur der Versuch, die Scharia zu verstehen. Die Scharia ist transzendental, nie vollständig bestimmbar. In der Geschichte waren die Rechtsgelehrten unabhängig von der Politik. Sie waren Wissenschaftler und Gelehrte. Als sie Teil des politischen Systems wurden, verloren sie ihre Freiheit und Würde. Und das sei eines der Hauptprobleme der heutigen Zeit. Selbst wenn viele muslimische Staaten behaupten würden, dass ihre Rechtsprechung auf der Scharia beruhe, so sei dies falsch, denn die Basis sei eher die jeweilige Tagespolitik. Die Rechtsgelehrten würden abseits der Gesellschaft stehen.

 

Den Islam durch die christliche Brille betrachten

In der ersten Sitzung des Symposiums ging es um das „Überschreiten begrifflicher Grenzen und die Probleme des Übersetzens“. Prof. Syed Farid Alatas von der Universität Singapur diskutierte diese Frage anhand des Problems der Begriffsbildung in den Religionswissenschaften.

 

Sozialwissenschaftliche Konzepte würden kulturellen Begriffen der Alltagssprache entspringen. Sie bereiten als solche aber Probleme, wenn sie in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden, um über Objekte außerhalb ihres Entstehungsgebiets zu diskutieren. Die Folge ist, dass sie die Phänomene, die sie untersuchen sollten verzerren. Seit dem 18. Jahrhundert werde das Konzept der Religion zum Beispiel auch gebraucht, um auch Glaubenssysteme außerhalb des Christentums zu untersuchen. Wenn das Konzept der Religion aber für anderen Glaubenssystemen als dem Christentum, zum Beispiel beim Islam oder dem Hinduismus, angewandt wird, wird zwangsläufig ein Vergleich zum Christentum aufgebaut. Dies führe zu einer Außerachtlassung der Realität und eine Christianisierung des anderen Glaubenssystems, in dem Sinne, dass es die Eigenheiten des Christentums sind, die diesen Glaubenssystemen zugeschrieben werden. Als Beispiel brachte Alatas die Forschung über den „Hinduismus“ ein. Als die hauptsächlichen britischen und deutschen Orientalisten Indien für ihre Forschung entdeckten, brachten sie in ihrer Vorstellung das christliche Religionsmodell mit. Sie sahen unterschiedliche Kulte und Götter. Ausgehend von ihrer christlich geprägten Religionsvorstellung waren all diese Sekten und Konfessionen einer Religion, nämlich des Hinduismus. Die Inder selbst haben jedoch kein Hinduismus-Konzept als eine Religion. Al-Biruni hatte dagegen festgestellt, dass es aus der indischen Perspektive viele Religionen gab, die unterschiedlichen Götter anbeteten, so z.B. eine Religion, die an den Gott Schiwa, eine andere die an den Gott Vischnu glaubte. Für die Inder waren dies unterschiedliche Religionen. Die europäischen Orientalisten konstruierten jedoch eine umfassende Religion des Hinduismus daraus.

 

Bezogen auf die Muslime stellte Alatas fest, dass die meisten Konzepte die Muslime nutzen, nicht ihr Selbstverständnis wiedergeben. Die Orientalismuskritik müsse eigentlich auch die Kritik an den Konzepten der Soziologie beinhalten, wenn diese sich mit dem Islam beschäftigt. Es fehlt jedoch nach der Kritik an westlichen Konzepten an der Ausarbeitung von alternativen Konzepten. Aber auch Muslime hätten das Problem den Islam mit christlich begründeten Begrifflichkeiten zu betrachten. In diesem Sinne müsse der Begriff des „islamischen Protestantismus“ problematisiert werden. Es gebe zwei Ansichten darüber, was  „islamischer Protestantismus“ sei. Zum einen die Ansicht, das Aufkommen der Wahabbiten oder der Ichwan in Ägypten als dem „Protestantismus“ ähnliche Bewegungen aufzufassen, zum anderen die Ansicht, dass auch der Islam sich wie das Christentum fortentwickeln und reformieren müsse, etwa wie der Protestantismus im Christentum. Doch diese Einschätzungen würden an den tatsächlichen Entwicklungen in der muslimischen Welt vorbeigehen, aber auch fehlende Voraussetzung, wie das Nichtvorhandensein einer Institution Kirche unbeachtet lassen.

 

Auch bei der Betrachtung der eigenen Geschichte, würden Muslime mit Begriffen hantieren, die geprägt sind von der christlichen Erfahrung. Wenn Muslime über die „Kreuzzüge“ sprechen, nennen sie diese auch „Kreuzzüge“. Interessant ist aber, dass muslimische Gelehrten jener Zeit gerade nicht von Kreuzzügen sprachen. Die Muslime zum Beispiel zur Zeit Saladins hätten Europäer nicht als Christen gesehen. Sie nannten sie Franken. Aus der Perspektive der damaligen Muslime waren es nicht Christen, sondern ausländische Franken, die das Land von Muslimen, Christen und Juden besetzten. Heute ist aber unsere Terminologie und Sichtweise auf diesen Konflikt und diese Zeit geprägt von der europäischen Erfahrung. Muslime müssten eine alternative Rekonstruktion dieser Zeit beisteuern, nicht in dem sie einfach nur die Terminologie ändern, sondern eine andere Perspektive auf das Geschehene aufzeigen. 

 

Durch die wahllose Übernahme von Begriffen die keine Tradition im Islam haben, würden Muslime die eigene Terminologie ignorieren, die sie in der Vergangenheit zur Lösung ihrer Probleme genutzt haben. Dabei gehe es jedoch nicht darum, „fremde“ Konzepte abzulehnen, da sich Muslime auch „fremden“ Konzepten zugewandt haben, wenn sie sie für nützlich erachtet haben. Das muslimische Erbe sollte aber auch eine Quelle für Konzepte in der Soziologie und nicht nur eine Datenquelle sein.  Wenn wir jedoch zum Beispiel Al-Biruni oder Ibni Chaldun studieren, interessieren wir uns nur für die Fakten, die sie über das Leben in dieser Zeit liefern, nicht jedoch für ihre Konzepte, für ihre Sichtweisen.

 

Kreative Konzepte und Theorien

Dr. Amr Sabet von der Universität von Helsinki ging der Frage „Die Politik des Islams oder der Islam der Politik?“ nach. Dr. Sabet wies darauf hin, dass die Politik des Islam nicht zwangsläufig der Islam der Politik sein müsse, sie könne diesen jedoch konsolidieren oder auch aushöhlen. Für die Konsolidierung bedürfe es kreativer Konzepte und Theorien. Der Prozess der Kreativität hänge aber stark von der Problematisierung von Themen und der Suche nach Alternativen ab. „Um es in muslimischen Worten auszudrücken, mit einem authentischen Itschtihad“, sagte Sabet. Beschränkungen durch selbstauferlegte Zwänge, verbunden mit Selbstzweifeln, würden dies jedoch verhindern. „Theoretisieren bedeutet zugleich zu konzeptualisieren und damit zu verstehen“, führte Sabet weiter aus. Es bedürfe jedoch eines Rahmens des Verstehens. Konzeptualisierungen und intellektuelle Erfahrungen seien notwendige Voraussetzungen für das Verstehen und Handeln. Wo Selbstwahrnehmung und Realität sich nicht mehr decken, entstehe ein Gefühl der Krise, die einer Kultur oder Zivilisation schade.

 

Heute stehe der Islam ernsten Herausforderungen in einer sich rapide verändernden Welt gegenüber. Das resultierende Ungleichgewicht und die Verwirrung rege Muslime zu Fragen an sich selbst an, darüber, was falsch gegangen sein könnte. Mit diesen Fragen ringen sowohl muslimische Wissenschaftler als auch Laien seit dem 19. Jahrhundert. Eine einheitliche Antwort gibt es bis heute nicht, vielmehr führten diese Fragen zu einem eher zusammenhanglosen, apologetischen und abstrakten Denken. „Es war nicht ungewöhnlich, dass sozialistische oder liberal-demokratische Ideen als fundamentale Prinzipien des Islams neu verpackt worden sind.“ Die Hauptfehler des klassischen islamischen Denkens würden jedoch nicht bei den Inhalten liegen, sondern in der Methodologie. Das Ziel müsse die Integration des Wissens sein, egal ob säkular oder religiös. Die Befreiung des Geistes vom kolonialen Denken könne durch die Entwicklung eines anti-imperialistischen, multikulturellen Reformierung des Wissens, der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft geschehen; dies könne der Islam unterstützen und tragen. Heute spiegele aber die islamische Welt eher das Bild von Unordnung wieder.

 

Die Kategorie des Andersseins

Prof. Stefano Allievi von der Universität Padua ging in seinem Beitrag auf Debatten über den Islam in der Öffentlichkeit und ihre Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung der Muslime ein. Prof. Allievi stellte fest, dass sich in den letzten 30 Jahren ein Wandel in der Wahrnehmung vollzogen hat. Während man früher von Migranten sprach, spreche man heute von Muslimen. Allievi zog die Wegmarken dieses Wandels nach. „Die Migranten wurden zu Muslimen, nachdem sie sich entschieden hatten, hier zu bleiben“, sagte Allievi. Migranten wurden aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr als Muslime angesehen, immer weniger als Arbeiter, Eltern, Kinder, Studenten u.a. Dies etablierte immer mehr die Kategorie des Andersseins und eröffnete Diskussionen über Inkompatibilitäten. Es setzte eine Dämonisierung des Islams unter Zuhilfenahme von gesellschaftlich konstruierter Angst ein, als Teil einer Umwandlung unserer Gesellschaften in Risikogesellschaften. Und von dieser Angst versuchen viele politisch, aber auch finanziell zu profitieren.

 

In dieser Zeit begegnen wir dann auch reaktiven Identitäten, wenn Menschen zum Beispiel plötzlich ihr Christsein wiederentdecken, ohne wirklich religiös zu sein. Dieselbe Tendenz könne aber auch unter Muslimen ausgemacht werden. Das Dasein des Islams führe letztendlich zu Debatten über den Islam, auch zu Debatten über die Fundamente unserer Gesellschaft, über unsere Offenheit, noch ohne dass es zu einem wirklichen Zusammenstoß mit dem Islam oder den Muslimen kommen muss. Oft sind dies sogar nur interne Diskussionen in der Mehrheitsgesellschaft über den Islam und die Muslime. Muslime werden immer wieder über Konflikte definiert. „So wird der Bart des religiösen Muslims zur Uniform des Extremisten“, stellte Allievi fest.

 

Es gebe aber auch Probleme in der Wahrnehmung der Muslime ihrer Religion gegenüber. Zum einen gebe es das Problem, jede Handlung des Muslims auf den Islam zurückführen zu wollen. Es entstehe dadurch auch eine Form von Essentialismus, der von einem vorbestimmten Islambild ausgeht, und versucht die Menschen dort hineinzupressen. Dabei werden oftmals Konzepte über den Islam aus muslimischen Ländern übernommen, ohne zu bedenken, dass es sich dort um eine Mehrheits-, und hier um eine Minderheitensituation handelt. Der heutige europäische Islam finde sich eher in einer Situation ähnlich der in Mekka wieder. Er sei in einer Minderheitenposition. Auch sei die Umma viel eher in Europa sichtbar, als in den Ursprungsländern, in denen weitgehend ethnische und innerislamische Homogenität herrsche.

 

Euro-Islam als "Dehistorisierung" der Migranten

Dr. Salman Sayyid von der Universität Leeds behandelte in seinem Beitrag das Thema: „Der Begriff „Euro-Islam“ vor dem Hintergrund innerislamischer Differenzierungen“. Sayyid wies auf die Problematik in Bezeichnungen wie europäischer Islam oder Euro-Islam hin. Diese könnten weder geographisch, noch ethnologisch definiert werden. Es gehe in der öffentlichen Wahrnehmung auch weniger um die Vorstellung über den Islam, sondern vielmehr um die Vorstellung über den Immigranten. Es werde ein absolutes Anderssein zwischen den Migranten und der Mehrheitsgesellschaft konstruiert. Diese Vorstellung erwarte auch, dass die Migranten mit der Zeit in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen. Diese Annahme gehe davon aus, dass sich Integration über Generationsetappen vollziehen wird. Dabei werden die Migranten unter anderem „dehistorisiert“. Sie sollen während ihrer Integration auch die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft übernehmen. Sayyid betrachtet den „Euro-Islam“ als eine strategische Kategorie, bei der europäische und islamische Werte gegenüber gestellt werden, und von den Muslimen gefordert wird, die „europäischen“ Werte zu übernehmen. Dabei werde u.a. gefordert, die islamische Praxis zu reformieren, die islamischen Quellen neu zu interpretieren, anders zu sein, als die Muslime außerhalb Europas und ein gutes Beispiel für diese zu sein. Als Ziel des Euro-Islam Modells nannte Sayyid die Absicht, den Islam als Religion im „christlichen“ Sinne zu verstehen, und dann dem Islam gegenüber Forderungen wie Reformation und Aufklärung zu stellen. Besonders werde dies in der Diskussion um die Säkularisierung des Islams deutlich. Dabei werde unter anderem völlig außer Acht gelassen, dass die muslimische Welt zum Beispiel zu keiner Zeit die Erfahrung von Religionskriegen durchmachen musste wie in Europa. Der Euro-Islam wäre insoweit ein Islam, der unter das westliche Verständnis von Säkularismus passen würde.

 

Sayyid stellte fest, dass wir zu aller erst verstehen müssen, dass der Islam nun einmal der Islam ist, mit eigenen Besonderheiten und nicht eine göttliche Version des Christentums oder des Sozialismus. Dies würde den Begriff „Euro-Islam“ von der Diskussion ausschließen.

 

"Muslime leben in unterschiedlichen Lebensverhältnissen"

Dr. Jörn Thielmann von der Universität Mainz stellte fest, dass die Diskussion um Begriffe geführt wird, die mittlerweile stark aufgeladen sind und kritisierte die Ausführungen Dr. Sayyids insoweit, das Islam nicht einfach nur Islam sei, denn der Islam werde von Muslimen in unterschiedlichen Lebensverhältnissen gelebt. Thielmann wies darauf hin, dass Muslime, die in Deutschland aufwachsen, nun einmal in einem bestimmten soziologischen Umfeld groß werden, von der sie auch geprägt werden. Muslime seien auch konfrontiert mit öffentlichen Diskursen, die sie nicht unberührt ließen. Einer Meinung mit Salman Sayyid war  Dr. Thielmann darin, den Begriff „Euro-Islam“ als Kategorie über Bord zu werden. Als fruchtbar wertete Thielmann Sayyids Hinweis zur Etikettierung in Generationen, wobei er feststellte, dass diese Etikettierung offensichtlich nur bei Muslimen, nicht aber bei anderen Migrantengruppen vorgenommen wird. Die Ethnisierung des Islams sei besonders für junge Menschen problematisch, da diese gezwungen werden, zu Themen Stellung zu nehmen, für die sie nichts können. Thielmann kritisierte jedoch, dass im Komplex Säkularisierung zu häufig von „dem Westen“ gesprochen wurde.

 

Ungewissheit über Begriffe, Definitionen und "alternative" Lösungsansätze

In der letzten Sitzung des Symposiums sprach schließlich Oğuz Üçüncü, Generalsekretär der IGMG von der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş als Reflektionsfläche“. Üçüncü zeigte zu Anfang die enge Verknüpfung der Migrationsgeschichte mit der Verbandsgeschichte auf. „Ein Aspekt, der bei der Aufarbeitung der Migrationsgeschichte aus unserer Sicht nicht ausreichend gewürdigt wird, aber für die Entwicklung eines islamischen Gemeindelebens in Europa maßgeblich war, ist, dass der türkische Staat, der die nach Europa ausgewanderten Menschen bis in die 80er Jahre hinein in ihren religiösen Belangen sich selbst überlassen hat“, sagte Üçüncü. So ging es in der IGMG weniger darum, ein „tradiert und staatlich reglementiertes Religionsverständnis“ fortzuführen, sondern um das bewusste Praktizieren des Glaubens. „Vieles wurden hinterfragt, wobei die zentralen Fragen lauteten: Was erwartet der Schöpfer von mir?“

 

Ein „typisch türkischer“ Obrigkeitsgehorsam und die Verbannung des Religiösen in die Privatsphäre wurde nicht mehr als hinnehmbar angesehen. Es waren im damaligen Gestus weder der Westen, noch der Osten, die die Antworten „auf die brennenden Fragen dieser Zeit liefern konnten, sondern die eigenen religiösen Quellen, denen man sich „bewusster“ zuwenden musste.

 

Zur heutigen Situation sagte Üçüncü: „Bei einer nüchternen Betrachtung im Jahre 2007 kann man konstatieren, dass es nach wie vor eine tiefe, auch religiös begründete Überzeugung gibt, dass auf der Grundlage eines richtig praktizierten Islams Frieden und Gerechtigkeit hergestellt werden können. Die Frage des „wie“ ist jedoch mehr denn je mit vielen Fragezeichen und Ungewissheiten versehen. Ungewissheit über Begriffe, Definitionen und auch über konkrete Ausformungen eigener  „alternativer“ Lösungsansätze.“

 

Als Grund für diese nunmehr kritische Annäherung an diese Themen nannte Üçüncü das Fehlen von Vorzeigemodellen, die den Anspruch eines alternativen Gesellschaftsmodells untermauern könnten und letztendlich in der Praxis auch eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Konzepte.

 

Auch als „in Europa lebende Muslime“ bleibe man von diesen Auseinandersetzungen nicht unberührt. Immer wieder müsse man sich die Frage stellen, ob man den tatsächlich nur nach „neuen Antworten“ in den Quellen sucht, oder vielleicht nicht doch „gewünschte oder geforderte“ Antworten versuchen, religiös abzusegnen.

 

Die Folge seien auch innergemeindliche Spannungen. So würden  immer wieder eingeforderte Debatten um die inhaltliche und thematische Neuausrichtung in den Kontext von Schlagwörtern wie „Euro-Islam“ oder „moderater Islam“ gestellt. Letztendlich würde dies sowohl im Verband, als auch in der Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft in einem „Misstrauensdiskurs“ enden.

 

Bei allem Widerstand, „unsere Unterschrift unter vorgefertigte „eurokompatible“ Konzepte zu setzen, die man uns ohne auf unsere inhaltliche Mitwirkung überhaupt Wert zu legen, überstülpen will“, müsse es dann aber auch nicht schmerzlich sein, „sich einzugestehen, dass man auf der Suche nach vermeintlich islamischen Antworten auf gesellschaftliche Grundsatzfragen erkennt, dass bewährte Konzepte wie Demokratie oder soziale Marktwirtschaft dem eigenen Ideal von einem auf Gerechtigkeit fußendem System am nähesten kommen, ohne dass sie gemeinhin als „islamische“ Konzeptionen gelten.“ Das schmälere weder die Bedeutung des Islams, noch könne es die IGMG davon abhalten, im Lichte ihrer religiösen, kulturellen und also zivilisatorischen Wurzeln ihren gesellschaftlichen Mitgestaltungsanspruch mit Werten wie Brüderlichkeit, Solidarität, Mitgefühl und Barmherzigkeit aufrecht zu erhalten.


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