Freitag 02. November 2007

Geschichte, Kultur, Islam
Saladin - Der weise Staatsmann

Eine historische Figur, die den Versuch unternahm, die Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen, ist der muslimische Herrscher Salâhaddîn Ajjûbi. Nach bitteren Kämpfen, erreichte er schließlich eine gewaltfreie Übergabe Jerusalems und setzte damit erste Anzeichen, den Krieg der Kulturen zu unterbinden.

Ei­ne Kon­fron­ta­ti­on der Kul­tu­ren, di­e he­ut­zu­ta­ge re­gel­recht he­rauf­besc­hwo­ren wird, fand im frü­hen Mit­te­lal­ter während der 200 Jah­re an­da­uern­den Krie­ge zwisc­hen den Mus­li­men und den Chris­ten auf grausa­me Art und Wei­se statt. Dabei ging es in ers­ter Li­ni­e um di­e Vor­macht­stel­lung in Je­ru­sa­lem.

 

Die­ses dunk­le Ka­pi­tel des Mit­telal­ters lie­fert ein gu­tes Be­is­pi­el für das Vor­ge­hen der Herrs­cher, Massen für ei­nen Kri­eg zu mo­bi­li­sie­ren, si­e je­doch im Unk­la­ren über di­e tatsächlic­hen Grün­de der kri­ege­rischen Au­se­inan­der­set­zun­gen zu las­sen. Le­gi­ti­mi­ert wur­den di­e Kre­uz­zü­ge mit re­li­giö­sen Mo­ti­ven, doch heu­te wis­sen wir, dass si­e hauptsächlich aus po­li­tisc­hen und wirts­chaft­lichen Grün­den ge­macht wur­den, um zum Be­is­pi­el Mach­tpo­si­tio­nen zu sichern. Bei der Kre­uz­zugs­pro­pa­gan­da be­di­en­te man sich der Ängste der Be­völ­ke­rung, wi­e z.B. di­e Gefährdung des Chris­ten­tums durch den Is­lam, um so­mit ein Fe­ind­bild auf­zu­bau­en. Di­e po­li­tisc­hen Grün­de blie­ben selbs­tverständlich unerwähnt.

 

Ei­ne his­to­risc­he Fi­gur, di­e den Ver­such un­ter­nahm, di­e Konf­lik­te auf dip­lo­ma­tisc­hem We­ge zu lö­sen, ist der mus­li­misc­he Herrs­cher Sa­lâ­had­dîn Aj­jû­bi. Nach bit­te­ren Kämpfen, er­re­ich­te er schli­eß­lich eine ge­walt­frei­e Über­ga­be Je­ru­sa­lems und setz­te da­mit ers­te An­zeichen, den Kri­eg der Kul­tu­ren zu un­ter­bin­den. Fer­ner ri­ef se­in dip­lo­ma­tisc­hes Vor­ge­hen Be­wun­de­rung her­vor und för­der­te di­e fri­ed­lic­he Be­geg­nung der Kul­tu­ren.

 

Den Be­ginn der Kre­uz­zü­ge mar­ki­ert der Hil­fe­ruf des byzan­ti­nischen Herrs­chers, der auf­grund der Mach­tü­ber­nah­me der tür­kischen Selds­chu­ken, di­e in Ana­to­li­en im­mer mächti­ger zu wer­den droh­ten, in Bedrängnis ge­ri­et. Er bat  Papst Ur­ban II. um Un­ters­tüt­zung und erklärte sei­nen Er­such mit der an­geb­lich schlech­ten Be­hand­lung und Un­ter­drüc­kung der Chris­ten in der he­ili­gen Stadt Je­ru­sa­lem. Die­se Aus­sa­gen ents­prachen nicht der Wahr­he­it, er­fuh­ren doch di­e Chris­ten in Je­ru­sa­lem stets ei­ne ge­rech­te Be­hand­lung und wa­ren unein­geschränkt in ih­rer Re­li­gi­ons­a­usü­bung. Dem Papst kam die­ser Hil­fe­ruf, un­be­ach­tet aus welc­hen Grün­den er er­folg­te, nur recht, denn in Eu­ro­pa be­nö­tig­te man ein Fe­ind­bild um di­e Zer­würf­nis­se un­te­re­inan­der zu ver­ges­sen und di­e Rück­ge­sin­nung auf christ­lic­he Wer­te zu er­re­ic­hen. Da­rü­ber hi­naus sah der Papst da­rin ei­ne Ge­le­gen­he­it, di­e Ost- und West­kirc­he wie­der zu ve­rei­nen. Mit die­sen Hin­ter­grün­den, ri­ef Papst Ur­ban II, nach Absprac­he mit Bisc­hö­fen und Ad­li­gen, im Jah­re 1096 zum ers­ten Kreuz­zug auf, der schli­eß­lich di­e Ein­nah­me der He­ili­gen Stadt Je­ru­sa­lem zur Fol­ge hat­te. Mit dem Ge­met­zel, den di­e Kre­uz­fah­rer nach Ers­tür­mung der Stadt an­rich­te­ten, ging die­ser Kre­uz­zug als der grau­sams­te in di­e Gesc­hich­te ein. Das an­ge­rich­te­te Blut­bad fand so­wohl in is­la­misc­hen als auch in christ­lichen Chro­ni­ken Erwähnung.

 

Nach die­sem Si­eg über di­e Mus­li­me ent­stan­den vi­er Kre­uz­fah­rers­taa­ten im he­uti­gen Palästi­na und Syri­en. Aber di­e Ei­nig­ke­it zwisc­hen die­sen währte nicht lan­ge. Auf mus­li­misc­her Sei­te hin­ge­gen ve­re­in­ten sich di­e bis da­hin zers­trit­te­nen Herrs­cher, um ge­mein­sam ge­gen di­e Chris­ten vor­zu­ge­hen. 1144 ge­lang es ei­nem mus­li­misc­hen Herrs­cher  ei­nen der  Kreuz­fah­rerstaaten zu ero­bern, worauf­hin der 2. Kre­uz­zug er­folg­te- al­ler­dings we­nig er­fol­gre­ich.

 

Auf mus­li­misc­her Sei­te ve­re­in­te Sa­lâ­had­dîn Aj­jû­bi, di­e Mus­li­me um ge­me­in­sam Je­ru­sa­lem von den Chris­ten zu­rück­zu­ero­bern. 1187 rief er, in An­leh­nung an di­e christ­lic­hen Kre­uz­zü­ge, den He­ili­gen Krieg der Mus­li­me aus. Un­ter sei­ner Füh­rung ge­lang es den Mus­li­men Je­ru­sa­lem wie­der un­ter mus­li­misc­he Herrs­chaft zu brin­gen.

 

Im christ­lic­hen La­ger war die­se Nie­der­la­ge nicht hin­zu­neh­men, so for­mi­er­te sich das Kre­uz­fah­rer­herr er­ne­ut und zog gen Os­ten. Nach jah­re­lan­gen Kämpfen schlug Sa­lâ­had­dîn Aj­jû­bi ei­nen dip­lo­ma­tischen Lö­sung­sweg vor und han­del­te schli­eß­lich ei­nen Waf­fens­till­stand aus. Un­ter dem Vor­be­halt des frei­en Zu­gangs für christ­lic­he Pil­ger, ei­nig­ten sich di­e Herrs­cher da­ra­uf, dass Je­ru­sa­lem wei­ter­hin in mus­li­misc­her Hand bli­eb.

 

 

Sa­la­din-Re­zep­ti­on

 

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren stieg di­e An­zahl der wis­sens­chaft­lic­hen Ar­bei­ten über Sa­lâ­had­dîn Aj­jû­bi – im west­lic­hen Ra­um bes­ser be­kannt un­ter dem Na­men Sa­la­din –, der 1138  in Tik­rit zur Welt kam und durch sei­ne Ta­ten während der Kre­uz­zü­ge so­wohl im is­la­mischen Ra­um als auch im christ­lic­hen Ra­um zu Ruhm ge­lang. 2005 gab es ei­ne Sa­la­din Wan­de­ra­usstel­lung un­ter dem Titel „Sa­la­din und di­e Kre­uz­fah­rer“. Die­ser Ausstel­lung folg­ten Pub­li­ka­tio­nen wi­e z.B. „Sa­la­din und sei­ne Ze­it“ von Han­nes Möh­ring, di­e un­ter an­de­rem das Zi­el ver­fol­gen ak­tu­el­le Be­zü­ge zur Kon­fron­ta­ti­on und Be­geg­nung der Kul­tu­ren her­zus­tel­len.

 

Di­e unb­lu­ti­ge Ein­nah­me von Jeru­sa­lem und di­e Tat­sac­he, dass Sa­la­din Gle­ic­hes nicht mit Gle­ichem ver­gel­ten li­eß, in­dem er di­e Chris­ten in Je­ru­sa­lem vers­chon­te und sich da­mit de­ut­lich vom Ver­hal­ten der Kre­uz­fah­rer bei ih­rer Ein­nah­me von Je­ru­sa­lem un­ters­chi­ed, führ­ten zu ei­ner po­si­ti­ven Sa­la­din Re­zep­ti­on im Mit­te­lal­ter. Ihm wur­den rit­ter­lic­he Tu­gen­den zu­ge­wie­sen, so dass er oft­mals für sei­ne Mil­de, sei­ne Barm­her­zig­ke­it, Fre­ige­big­ke­it und sei­ne Ehr­lich­ke­it ge­rühmt wur­de. Sei­ne Ver­trags­treu­e An­dersgläubi­gen ge­ge­nü­ber lös­te gro­ße Be­wun­de­rung für ihn aus, da er sich da­mit de­ut­lich von den Chris­ten ab­hob, di­e ih­re Vers­prec­hen ge­ge­nü­ber Mus­li­men für un­wich­tig hi­el­ten und si­e da­her nicht ein­hi­el­ten.

 

Da sich die Persönlichkeit Saladins nicht mit dem ne­ga­ti­ven Bild, das man bis da­hin von den Mus­li­men als Re­sul­tat der Kre­uz­zugs­pro­pa­gan­da hat­te, ve­re­in­ba­ren li­eß, wur­de nach sei­nem To­de be­ha­up­tet, er ha­be eine christ­lic­he Mut­ter ge­habt und sei als ge­ta­uf­ter Christ ges­tor­ben. Ba­had­dîn ib­ni Schad­dads Sa­la­din Bi­og­rap­hi­e wi­der­leg­te die­se Be­haup­tun­gen. Kri­tik an sei­ner Per­son gab es u. A. in Be­zug auf sei­ne Feld­zü­ge, denn für vie­le war der An­tri­eb für sei­ne Feld­zü­ge ge­gen di­e Chris­ten nicht das Ge­me­in­wohl der Mus­li­me, son­dern der Wunsch sei­ne ei­ge­nen Macht­ge­bie­te zu er­wei­tern. Doch da­rü­ber hi­na­us gab es na­he­zu kei­ne ne­ga­ti­ven Be­rich­te über sei­ne Per­son. Es er­folg­te ei­ne Ver­herr­lic­hung der Per­son Sa­la­dins, di­e erst in ne­ue­rer Ze­it aus ei­nem kri­tisc­hen Blick­win­kel bet­rach­tet wird.

 

In der mit­te­lal­ter­lic­hen Li­te­ra­tur fand Sa­la­din Erwähnung in den Wer­ken Dan­tes und Boc­cac­ci­os, die sei­ne To­le­ranz An­dersgläubi­gen ge­ge­nü­ber lob­ten. In Boc­cac­cios Ring­pa­ra­bel1 wird der Ge­dan­ke der Gle­ich­stel­lung der Re­li­gio­nen aus­ge­ar­bei­tet. Vol­tai­re griff die­sen To­le­ranz­ge­dan­ken auf und schri­eb in sei­ner Ab­hand­lung über di­e Kre­uz­zü­ge in Be­zug auf Se­la­had­din: „Man sagt, daß er ein sei­nem Tes­ta­ment bestimm­te, Al­mo­sen gle­ic­her Art soll­ten un­ter di­e di­e ar­men  Mus­li­me, Ju­den und Chris­ten ver­te­ilt wer­den. Er woll­te durch die­se Bestim­mung zu vers­te­hen ge­ben, daß al­le Mens­chen Brü­der sind und man, um ih­nen zu hel­fen, nicht danach fra­gen dür­fe, was si­e glau­ben, son­dern was si­e lei­den. […] Er hat auch nie­mals um der Re­li­gi­on Wil­len je­man­den ver­folgt, er war zug­le­ich ein Bez­win­ger, ein Mensch, und ein Phi­lo­soph.“ 2 Da­mit rückt Vol­tai­re ihn in di­e Rich­tung der Frü­ha­ufklärung und si­eht in ihm ei­nen Herrs­cher, der sich über di­e Re­li­gi­on hin­weg­setz­te und di­e Gle­ich­he­it der Mens­chen in den Vor­der­grund stell­te. Les­sing über­nimmt die­se Vors­tel­lung von Sa­la­din und ar­bei­tet in sei­nem Werk „Nat­han der Wei­se“ nicht nur den ed­len Cha­rak­ter Sa­la­dins aus, son­dern rückt ihn eben­falls in di­e Nähe der Aufklärer, di­e di­e Fre­ihe­it und Gle­ich­he­it der Mens­chen jen­se­its der Re­li­gi­on an­prei­sen.


Camia - Ausgabe 17

Perspektif Mai 2013

Sabah Ülkesi April 2013

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