Mittwoch 11. August 2010

Islam, Glaubenspraxis, Ramadan, Autoren, Ali Mete
Grundlagen des Fastens im Ramadan

Der Ramadan ist für Muslime ein ganz besonderer Monat, eine Zeit vieler Segnungen. In dem Fastenmonat fasten die Gläubigen von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Dieses Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islams.

Am Ende des Monats wird das Ramadanfest gefeiert. Dies gehört mittlerweile auch in Deutschland zum Allgemeinwissen. Im Folgenden soll diesem Wissen um den Hintergrund des Fastengebots und einige Aspekte, die beim Fasten im Vordergrund stehen, dargelegt werden. Abschließend soll dem Fasten in den Sommermonaten besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

 

Hintergrund: Koran, Sunna, Fikh

 

Das arabische Wort für Fasten, „Siyâm“, bedeutet wörtlich „sich enthalten“. Das Fasten wurde für die Muslime im zweiten Jahr der Hidschra (Auswanderung von Mekka nach Medina) zur religiösen Pflicht: „O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war; vielleicht werdet ihr gottesfürchtig. (Es geht um) abgezählte Tage; wenn einer unter euch aber krank oder auf Reisen ist, der faste die gleiche Anzahl von anderen Tagen. Und die, die es nur mit größter Schwierigkeit könnten, sollen zum Ausgleich einen Armen speisen. Und wer aus freien Stücken mehr als vorgeschrieben tut, tut es zu seinem Besten. Dass ihr fastet, ist euch zum Vorteil, wenn ihr es richtig begreift.“(Sure Bakara, [2:183-184])

 

Ebenfalls gibt es zahlreiche Überlieferungen (Prophetenworte), die das Fasten als eines der Pfeiler des Islams erläutern, als auch Überlieferungen, die sich mit dem Wesen und der Bedeutung des Fastens befassen. Der folgende Hadith, der in der Sammlung des Buchârî (gest. 870) überliefert wird, fasst die Grundelemente des Islams kurz zusammen: Der Gesandte Gottes sagte: „Der Islam basiert auf fünf Pfeilern: dem Zeugnis (Schahâda), dass es keine Gottheit außer Allah gibt, dem Gebet (Salâh), der Abgabe (Zakât), der Pilgerfahrt (Hadsch) und dem Fasten(Sawm/Siyâm)im Monat Ramadan.“ (Buchârî). Insoweit ist das Fasten im Ramadan für Muslime wesentlich.

 

Im islamischen<s> </s>Recht (Fikh) bedeutet das Fasten, dass man sich von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang allem enthält, dass das Fasten bricht, sprich der Nahrungsaufnahme, dem Geschlechtsverkehr und jeglichem üblen Tun. Das Gebot des Fasten ist für alle Muslime bindend, die aus Sicht des islamischen Rechts als mündig (mukallaf) angesehen werden können, also Muslime, die erstens geistig gesund und zweitens in die Pubertät eingetreten sind.

 

Im Vordergrund: Spiritualität und gelebte Religiosität

 

Die eigentliche Spiritualität des Fastens entspringt jedoch nicht dem bloßen Entsagen von Speise und Trank, sondern der Selbstdisziplinierung und dem Sich-Fernhalten von allem Verwerflichem. Der Ramadan versinnbildlicht diese grundlegende geistige und körperliche Reinigung. Ziel des Ramadans ist es unter anderem, sich am Ende des Monats von schlechten Angewohnheiten des Alltags befreit zu haben und sich über die eigenen problematischen Wesenszüge und deren Konsequenzen klar zu werden. Die positiven Veränderungen sollen sich natürlich auch auf die Zeit nach dem Ramadan erstrecken. Der Gesandte Gottes hat diesen Aspekt des Fasten wie folgt ausgedrückt: „Für Gott hat es keine Bedeutung, dass jemand, der das Lügen und den Betrug nicht unterlässt, sich des Essens und Trinkens enthält.“(Buchârî) Im Ramadan wird der Muslim jedes Jahr von Neuem angeleitet, intensiver über den Sinn und die Bedeutung des irdischen Lebens mit Blick auf sein kommendes Leben im Jenseits bei Gott zu reflektieren (Zikr), d. h., sich Gottes jederzeit bewusst zu sein (Takwâ), woraus dann die Kraft zur Bewältigung des Alltags erwächst.

 

Neben dem schon erwähnten Verzicht auf die materiellen Lebensbedürfnisse ist demnach die Fastenzeit das wichtigste Erziehungsmoment, hin zu einer Ethik, die nicht nur dem einzelnen, sondern der Gemeinschaft zukommt. Die Familie, das Umfeld, die ganze Gemeinschaft hat Anspruch darauf, dass sich der Fastende in der Vermeidung von schädigenden Praktiken wie z. B. Spott, üble Nachrede, Gier, Geiz, Neid usw. übt. Wann wäre dafür eine bessere Zeit als der Ramadan, wo der Magen erleichtert und der Geist freier wird und beim abendlichen Fastenbrechen (Iftar) sowohl menschliche Abhängigkeit von Gottes Segnungen als auch tiefe Dankbarkeit für die (Lebens)Mittel, die uns so reichhaltig zur Verfügung stehen, tief im Inneren der menschlichen Seele gespürt wird? Gott hat das Fasten als eine Anstrengung, nicht aber eine Last und nicht für sich, sondern für den Menschen zum verbindlichen Gebot erhoben.

 

Die Muslime sind verantwortlich für ihr Glaubensbekenntnis und ihre verbindlichen Riten, wie jeder andere Gläubige in seiner Glaubenswelt auch. In vielen Religionen ist das Fasten ein Mittel der Selbstwerdung und es fällt daher den Gläubigen der meisten Konfessionen leicht, dies gegenüber den jeweils anderen Gemeinschaften anzuerkennen und zu schützen. Diese wichtige Gemeinsamkeit wird seit Jahren in den Moscheen gepflegt, indem Nachbarn und alle anderen Interessierten zum Iftar (Fastenbrechen) willkommen geheißen werden. Gemeinsames Essen verbindet.

 

Das Fasten im Sommer

 

Angesichts der Tatsache, dass Leben und Alltag komplex sind und etwa das Fasten an warmen und langen Sommertagen gewiss kein leichter Gottesdienst ist, gibt es viele Erleichterungen. Ausgenommen vom Fasten sind laut Sure Bakara Reisende, Kranke und solche, „die es nur mit größter Schwierigkeitkönnten“.

 

Als Reisender gilt allgemein, wer sich mehr als 90 km von seinem Wohnort entfernt. Aufgrund der Mühen einer Reise kann der Reisende das Fasten aussetzen und später nachholen. Eine ähnliche Erleichterung gilt während der Reise im Übrigen auch für das täglich fünfmalige Gebet: Zwei Gebete werden (das Mittags- und Nachmittagsgebet bzw. das Abend- und Nachtgebet) zusammen gelegt, so dass anstelle von fünf nur drei Gebetszeiten pro Tag anfallen. Mehr zu tun, ist nicht immer besser, denn ein Prinzip der islamischen Theologie heißt: Nimm die Erleichterungen an, und das Leichtere ist dem Schwereren vorzuziehen.

 

Zu der Gruppe von Menschen, „die es nur mit größter Schwierigkeit könnten“,werden insbesondere alte Menschen gezählt, die nicht in der Lage sind, zu fasten. Diese und chronisch Kranke, die nicht fasten können, zahlen als Ersatz die „Fidya“. Das heißt, für jeden nicht gefasteten Tag wird ein Armer gespeist bzw. ihm der dafür festgelegte Betrag gespendet.

 

Ebenfalls sind per Analogieschluss, „Kiyâs“, einer anerkannten Auslegungsmethodik im islamischen Recht, Schwangere, Stillende und Menstruierende vom Fasten ausgenommen. Sie müssen sogar erst recht darauf verzichten, wenn das Fasten dem ungeborenen oder zu stillenden Kind schaden könnte.

 

Auch Fastende, die körperlich schwere Arbeiten verrichten, können laut Ansicht zahlreicher Gelehrter das Fasten aussetzen und zu einem späteren Zeitpunkt nachholen bzw. die Fidya entrichten.

 

Bezüglich der Art und dem Grad der Hinderung bzw. Ausnahmesituation, in der man das Fasten unterlässt bzw. unterbricht, gibt es verschiedene Ansichten. Die hanafitische Rechtsschule, der die meisten türkischstämmigen und damit die Mehrheit der Muslime in Deutschland angehören, orientiert sich hier am Prinzip des „Istihsân“. Diesem Prinzip zufolge soll – grob gesagt – das Einfachere vorgezogen werden. Man geht z. B. davon aus, dass ein jeder Zustand, der zu einer Krankheit/Behinderung führen könnte oder dem Fastenden in anderer Weise schadet, als Grund gewertet wird, das Fasten zu unterbrechen. In diesem Fall werden, sofern keine dauerhafte Hinderung besteht, die nicht gefasteten Tage nachgeholt. Ansonsten gilt dasselbe wie für alte Menschen, die nicht fasten. Andere Rechtsschulen stehen dieser Argumentation allerdings skeptisch gegenüber, da sie zu subjektiv erscheint und zu Missbrauch führen könne.


Camia - Ausgabe 17

Perspektif Mai 2013

Sabah Ülkesi April 2013

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