Dienstag 26. Oktober 2010

Islam, Kultur
Theosophische Ansichten des Dschalâladdin Muhammad Rûmî

„Theosophie“ (griechisch für „göttliche Weisheit“) bezeichnet die Wissenschaft, die sich mit Erkenntnissen über Gott und Religion beschäftigt. Sie geht von einem einzigen Ursprung für alles Bestehende aus und wurde ebenfalls die „Weisheits-Religion“ genannt, die das geistige Erbe der gesamten Menschheit darstellen soll.

Dieser kurze Artikel beschäftigt sich mit einigen wichtigen theosophischen Ansichten des Dschalâladdin Muhammad Rûmî, die zumeist in seinen Werken durchscheinen, um dem Leser ein grobes Bild über sein Gottes-, Menschen- und Weltbild zu geben.

 

Rûmîs umfangreiche Werke zeigen ein vielfältiges Bild von Gott, dem Menschen, der Welt und der Beziehungen dieser drei zueinander.” All seine Ausführungen in ihrer gesamten Tiefe, so William C. Chittik, seien Abbild seines Verständnisses des Islams und könnten im Grunde auf einen Satz reduziert werden, nämlich: Es gibt keinen anderen Gott, außer Gott.“ Die Thematisierung der Einheit Gottes, ist Kern seiner Werke.

 

Die 99 Namen Gottes, die im Koran und der Sunna angeführt werden, können in zwei Gruppen unterteilt werden. Zum einen die Namen, die das Wesen Gottes beschreiben, wie „der Gerechte“, „der Erschaffende“, „der Mächtige“, usw., von denen es keine Gegenteiligen gibt und zum anderen die Namen seiner Handlung, wie „der Ehrende“, „der Vergebende“, usw., mit ihren entsprechenden Gegensätzen „der Erniedrigende“, „der Bestrafende“. Diese Namen der zweitgenannten Gruppe stellen in Rûmîs Werken zentrale Aspekte dar. Rûmî betrachtet die gesamte Schöpfung als Manifestation der „sanften“ und „strengen“ Namen, die das göttliche Handeln beschreiben. Einige Beispiele für seine sanften Namen sind: „der Nachsichtige“ (Halîm), „der Vergelter des Guten/Dankbaren“ (Schakûr), „der Großzügige“ (Karîm). Beispiele für seine strengen Eigenschaften wären: „der Unterwerfende“ (Dschabbâr) oder „der Erniedrigende“ (Châfid). Die Gleichzeitigkeit und Parallelität beider hält er für ein logisches Erfordernis und Widerspiegelung der Natur. Dies bedeutet, dass ein Ungleichgewicht entstünde, wenn die sanften oder strengen Eigenschaften gänzlich wegfielen.

 

Gleichzeitig aber lehnt er sich an die Überlieferung: „Als Allah die Lebewesen erschuf, schrieb er in sein Buch, das auf seinem Thron ist: ‚Meine Barmherzigkeit ist größer als mein Zorn.‘“ (Muslim) und geht davon aus, diese Aussage würde gleichzeitig folgende Bedeutung innehaben: „Meine sanften Namen gehen meinen strengen Namen voraus und haben Vorrang.“ Was auch daran zu sehen ist, dass Gott eine Fülle von sanften, aber nur einige wenige strenge Eigenschaften zugeschrieben werden.

 

Auf die Frage nach dem Grund der Erschaffung des Universums, führt Rûmî die eben genannte These als Antwort an, nämlich die These, dass das Universum erschaffen wurde, um den Menschen seine Namen und Eigenschaften zu offenbaren. Der Mensch, als einziges Lebewesen ausgezeichnet mit einem Verstand ist aufgefordert, ihn zu erkennen. Aber es solle nicht beim bloßen Erkennen belassen werden:

 

„Bestünde die Liebe zu Gott bloß aus Gedanken und Gefühlen,

bestünde die Form des Fastens und des Gebets nicht.” (Masnawi, 1. 2624 -27)

 

Der Mensch solle seine Demut Gott gegenüber auf zwei Ebenen ausdrücken: In sichtbarer Form, wie dem Gebet und für andere nicht sichtbarer Form, wie der Charakterreinigung. Auch nimmt er dabei Bezug auf den Koranvers: „Meinen die Menschen wohl, in Frieden gelassen zu werden, nur weil sie sagen: „Wir Glauben“ – und nicht auf die Probe gestellt zu werden?“ (Sure Ankabût,[29:2])

Der Körper ist für Rûmî der offenkundige Stützpunkt der Seele, welche darin versteckt ist. Er unterscheidet in vier fundamentale Seelenebenen:

 

1.      Die animale Seele:

Sie sorgt für den Erhaltungstrieb des Menschen. Sie existiert mit dem Körper des Menschen und endet mit ihm, wenn dieser stirbt.

 

2.      Die menschliche Seele:

Sie unterscheidet den Menschen vom Tier dahingehend, dass dieses Element dem Menschen ein eigenes Bewusstsein verschafft. Diese Seele ist mit der Eigenschaft ausgestattet, Gutes von Schlechtem, Absolutes von Relativem, Schönheit von Hässlichem, usw. zu unterscheiden. Dies ist der Intellekt. Trotzdem ist der Mensch überwiegend von der animalen Seele geleitet, da das reine Bewusstsein nur bei den „Heiligen“ (Awliyâ) vorzufinden ist.

 

 

3.      Die engelsgleiche Seele oder die Seele Gabriels:

Sie ist unvermögend Schlechtes zu tun oder zu denken und ist von Grund auf gut.

 

4.      Die muhammadanische Seele oder die Seele von „Heiligen“:

Trotz der vorhandenen Triebseele (Nafs) und dem Vermögen auch Schlechtes zu tun, entscheidet sie sich stets für das Gute.

 

Der wichtigste Punkt, auf den Rûmî durch diese Unterteilung einzugehen versucht, ist, dass der Mensch die Fähigkeit hat, eine seelisch höhere Einstufung als Engel zu erlangen.

 

Aus Erfahrung wissen wir, dass der Geist nichts anderes, als das Bewusstsein ist. Je stärker das Bewusstsein, desto stärker der Geist.” Jede Seele vermag über das Gefühl der Einsicht, die Rûmî als den Intellekt bezeichnet. Praktisch in jedem Menschen findet ein Kampf zwischen Ego und Intellekt statt.

 

Rûmî bezeichnet das Herz als das „ultimative Zentrum menschlichen Bewusstseins“,

wobei das materielle Herz im Körper des Menschen, die Oberfläche, die „Haut“, nur den „Schatten“ des eigentlichen Herzens ausmacht. Bei manchen Menschen ist das Herz von solch einem Schleier verhüllt, dass sich statt dem „Zentrum des Bewusstseins“ der Ort ihrer tierischen Seele, ihres Egos befindet.

 

Zusammenfassend geht Rûmî davon aus, dass die Erschaffung der Welt auf dem Willen Gottes beruht, der den mit Verstand ausgezeichneten Wesen, also den Menschen die Möglichkeit gibt, von ihnen entdeckt und als Gott anerkannt zu werden. Dabei gibt Gott seinen sanften Eigenschaften größeren Vorzug, als seinen strengen Namen und gibt dem Menschen so viel Potenzial, dass der Mensch durch eigenes Bestreben seine Seele so veredeln kann, dass sie selbst über den Engeln steht.

 

Rûmîs Ansichten werden vielmals in seiner Vermittlung ethisch-moralischer Werte widergespiegelt. Vor allem sein Masnawi setzt sich aus moralischen Geschichten und ebenso moralischen, philosophisch, theosophischen und spirituellen Kommentaren

zusammen, die religions- und kulturübergreifend sind.

 

 

Quellen:

- Ryan, Charles J. (1997): What is Theosophy?, California

- Chittik, William C. (o. J.): The Sufi Path of Love – The Spriritual Teachings of Rumi, New York


Camia - Ausgabe 17

Perspektif Mai 2013

Sabah Ülkesi April 2013

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