Unter den Islamwissenschaftlern gibt es nach wie vor viele aus dem westlichen Kulturkreis, die sich intensiv mit der islamischen Geschichte, Kunst und Kultur beschäftigen und sich ein breites Wissen in diesem Gebiet angeeignet haben.
Orientalisten sind zwar insbesondere nach Edward Saids kritischer Auseinandersetzung mit dem Orientalismus in Verruf geraten, doch sind ihre wissenschaftlichen Forschungsbeiträge nicht außer Acht zu lassen. Zudem gibt es Wissenschaftler in diesem Gebiet, die sich aufgrund ihrer Werke und ihrer Persönlichkeit im Westen wie im Osten Respekt und Achtung genießen.
Annemarie Schimmel, derer wir anlässlich ihres achten Todesjahrs gedenken wollen, nimmt unter den Orientalisten einen besonderen Platz ein. Annemarie Schimmel kam am 7. April 1922 in Erfurt als Tochter eines Vaters mit großem Hang zur Philosophie und Mystik und einer belesenen Mutter zur Welt. Ihre Mutter Anne Schimmel stand ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 stets unterstützend zur Seite.
Unter dem Einfluss ihrer Lehrer, die großes Interesse an der islamischen Kultur hatten, begann Schimmel bereits in jungen Jahren unermüdlich Bücher über verschiedene Religionen und ihre Geschichte zu lesen. Sie lernte neben Französisch und Latein auch die arabische Sprache. Der Zweite Weltkrieg und die Kriegsumstände stellten kein Hindernis für Annemarie Schimmels Hochschulbildung dar. Sie setzte ihr Studium der islamischen Kunstgeschichte und Arabistik fort.
Ihre Begabung in diesem Bereich blieb von ihren Professoren nicht unbemerkt. In den nächsten Jahren lernte sie neben der arabischen Sprache auch Persisch und Osmanisch. Ihre Doktorarbeit schrieb sie 1941 über „Die Stellung des Kalifen und der Qadis im spätmittelalterlichen Ägypten“. Fünf Jahre später schloss sie ihre Habilitation zum Thema „Studien zum Begriff der mystischen Liebe in der frühislamischen Mystik“ ab und begann als Dozentin an der Universität Marburg zu lehren. Sie lehrte Arabisch, Türkisch, Persisch sowie islamische Kunst- und Literaturgeschichte. Parallel schrieb sie ihre zweite Doktorarbeit in Religionsgeschichte.
In den darauf folgenden Jahren entwickelte die Islamwissenschaftlerin eine besondere Vorliebe für die Türkei. 1952 reiste sie erstmals in die Türkei, um historische Schriftstücke zu studieren. In kurzer Zeit schloss sie Freundschaften in Literaturzirkeln, zu denen auch erfolgreiche Schriftsteller wie Yahya Kemal und Samiha Ayverdi angehörten. Desweiteren schrieb sie unter dem Pseudonym Cemile Kiratli Artikel für Istanbuler Literaturzeitschriften wie “Yeditepe“ und „Hayat“. Die Reise nach Konya zum Mausoleum des Dschalaladdin Rumi stellte eine Besonderheit für Schimmel dar, da sie sich seit jungen Jahren für die Gedichte Rumis begeisterte.
Im Leben der Islamwissenschaftlerin gibt es auch eine Ankara-Periode, die Erwähnung finden sollte. Sie besetzte 1954 den neu eingerichteten Lehrstuhl für Religionsgeschichte an der neu gegründeten Theologischen Fakultät in Ankara und lehrte dort bis 1959. Parallel dazu schrieb sie das Buch „Einführung in die Religionsgeschichte“ und fertigte eine Übersetzung von Muhammad Ikbals Buch „Cavidname“ an. Darüber hinaus nutzte Annemarie Schimmel den Türkei-Aufenthalt, um die anatolische Kultur kennenzulernen. Gemeinsam mit ihrer Mutter unternahm sie abenteuerliche Reisen in Anatolien. 1959 verließ sie die Türkei und kehrte nach Marburg zurück. Ab 1961 lehrte sie an der Universität Bonn neben Arabisch, Persisch und Türkisch auch Religionsgeschichte, Mystik (Tasawwuf) und Islamische Geschichte. Aufgrund ihrer Begeisterung für die Werke Muhammad Ikbals entwickelte sie ein großes Interesse für die indo-islamische Kultur und eignete sich in diesem Gebiet tiefgründiges Wissen an. 1967 nahm sie den Auftrag an, ein Institut für indo-islamische Kultur an der Harvard Universität aufzubauen und lehrte dort bis 1992. Auch nach ihrer Pension setzte Annemarie Schimmel ihre Forschungsarbeiten fort. Sie publizierte mehrere Bücher pro Jahr. Kurz vor ihrem Tod am 26. Januar 2003 in Bonn veröffentlichte sie ihre Autobiographie „Morgenland und Abendland. Mein west-östliches Leben”. Auf ihrem Grabstein steht der Ausspruch des Propheten „Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie“ in deutscher und arabischer Sprache. Tief beeindruckt von diesem Hadith, behielt sie ihn ihr lebenslang im Gedächtnis.
Sie widmete ihr gesamtes Leben der Ergründung des Islams und beschäftigte sich insbesondere mit der islamischen Mystik und ihre Auswirkungen auf die bildende Kunst. Sie beherrschte viele Sprachen, darunter Arabisch, Persisch, Türkisch, Urdu, Sindh, Bengali, Sanskrit, Tschechisch, Hebräisch, Altgriechisch, Latein, Italienisch, Russisch, Spanisch, Niederländisch, Französisch und Englisch. So ist es nicht verwunderlich, dass sie zahlreiche Werke aus dem islamischen Raum ins Deutsche übersetzte und sie damit dem deutschsprachigen Raum zugänglich machte. Zu Lebzeiten erhielt die Islamwissenschaftlerin mehrere Auszeichnungen und Ehrungen. So bedachten mehrere Universitäten sie mit einer Ehrendoktorwürde. Darüber hinaus erhielt sie 1995 aufgrund ihres Engagements für ein besseres Verständnis zwischen den Kulturen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus”. „Rumi: Ich bin der Wind und du bist das Feuer. Leben und Werk des Mystikers”, „Die Träume des Kalifen. Träume und ihre Deutung in der islamischen Kultur”, „Und Muhammad ist sein Prophet. Die Verehrung des Propheten in der islamischen Frömmigkeit”, „Wanderungen mit Yunus Emre”.
(Aus dem Türkischen übersetzt ins Deutsche von Fatma Yılmazer)
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