Samstag 09. Juli 2011

Deutschland, Kommentar
Denn Vogel macht den bösen Muslim am besten

Pierre Vogel tritt in Hamburg auf, liest man in der Welt-Zeitung. Vielleicht ein Schaukampf des ehemaligen Boxers, inspiriert vom Klitschko-Kampf letzter Woche im Hamburger Volksparkstadion? Wie man weiß, provozieren Boxer gerne. So auch Vogel.

„Die Welt“ verbreitet genüsslich solche Ereignisse, passen sie doch am besten zur eigenen Sicht der Dinge.

 

Denn Vogel macht den bösen Muslim am besten.

 

Immer da, wo sich Vogel in letzter Zeit ankündigt,  erwarten die Verantwortlichen der Städte von den muslimischen Gemeinschaften eine geschlossene öffentliche Distanzierung, damit möglichst wenige Muslime dem Wortkrawall von Vogel beiwohnen. Dabei ist gerade dies die beste Werbung, die sich Pierre Vogel wünschen kann. Noch dazu unentgeltlich!

 

Auf diese Weise wurde nämlich Vogel erst zum heutigen Vogel aufgebaut.

 

Bekanntheit erlangte er erst durch die vielen Aufritte im Fernsehen. Auch für die meisten Muslime in Deutschland. Während viele Vertreter von islamischen Religionsgemeinschaften gemieden wurden und nach wie vor werden, spielte Vogel den Taliban für die Medien und entsprach den Klischees des Publikums, sowohl dem Outfit als auch dem intellektuellen Niveau seiner Aussagen nach. 

 

Nun hat man offensichtlich genug von der Theatralik und gibt den Vogel zum Abschuss frei.

 

Er sei jetzt ein Sicherheitsproblem.    

 

Doch die Aufmerksamkeit, die Pierre Vogel durch die Öffentlichkeit genießt, korrespondiert in keinster Weise mit seiner Bedeutung für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland. Pierre Vogel lebt von der Provokation und der medialen Verbreitung von Positionen, die ihn gerade für die allermeisten Muslime als marginale, konjunkturbedingte Figur erscheinen lässt. Im Übrigen führt dieser skandalisierende Umgang dazu, dass eine notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Positionen gar nicht stattfinden kann.

 

Gerade die Sicherheitspolitik hat mit dem Herausdrängen von grundrechtlich geschützten muslimischen Positionen und deren Vertretern aus der öffentlichen Debatte als Steigbügelhalter dazu gedient, dass sich manche Jugendliche von solchen Inszenierungen angesprochen fühlen. Die fehlende Akzeptanz der pluralistischen Gesellschaft trotz Faktum, die nicht ernsthafte Bekämpfung einer immer stärker grassierenden Islamfeindlichkeit, die Kriminalisierung muslimischen Lebens als „islamistisch“, die integrationspolitische Problematisierung von muslimischer Jugendarbeit, die beherrschende sicherheitspolitische Verortung jeglicher Debatte um die Integration der Muslime und nicht zuletzt die Abwertung der islamischen Gemeinschaften zu Hilfspolizisten sind Faktoren, die die Mühen moderater muslimischer Repräsentanten ad absurdum führen und solchen Personen Argumente an die Hand liefern.

 

Nebenbei bemerkt fällt es auf, dass die islamischen Gemeinschaften bei Sicherheitspartnerschaften und  nun für Aufrufe „gegen Vogel“ immer groß genug sind und für alle Muslime sprechen können, während jegliche Kooperation mit staatlichen Behörden zur Erfüllung religionsverfassungsrechtlicher Aufgaben immer an ihrer vermeintlich fehlenden Repräsentanz scheitert?!?

 

Kurzum; die aktuelle Präventionspolitik verschärft eher die Probleme, die man vorgibt, zu bekämpfen. Sie bekämpft nicht den religiösen Extremismus, sondern die Religiosität an sich. Durch permanente Gefahrassoziierung ermöglicht sie es, Muslime von der gesellschaftlichen Mitte zu trennen. Mitunter wird eine Diskursverschiebung gerechtfertigt und zugleich vermieden, öffentlich über eine den Menschenrechten und der demokratischen Teilhabe verpflichteten Integrationspolitik nachzudenken.

 

So wird es schwierig bleiben, solange die Sicherheitsbehörden die „Stärkung der eigenen religiösen und kulturellen Identität und Bewahrung vor einer Assimilation an die deutsche Gesellschaft“, so auch im aktuellen Bundesverfassungsschutzbericht, als „islamistisch“ brandmarken und deren Bekämpfung anordnen.

 

Von einer Politik der Anerkennung, einem ehrlichen und aufrichtigen Umgang mit den muslimischen Mitbürgern ist die gegenwärtige Politik ferner denn je …

 

Also ein leichtes Spiel für bunte Vögel?


Camia - Ausgabe 45

Perspektif September-Oktober 2014

Sabah Ülkesi Juli 2014

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