Gemeinschaft

6. KFÖ-Treffen: Muslimische Präsenz in Europa

26. September 2011

Zu Beginn des Tages lieferte Bekir Altaş, ehemaliger Verantwortlicher für die Antidiskriminierungsarbeit der IGMG, einen Überblick über die Diskriminierung von Muslimen in Deutschland. „Der Großteil, der bei der Antidiskriminierungsstelle der IGMG dokumentierten Fälle kommen aus dem staatlichen und nicht privaten Bereich“, stellte Altaş fest. Dies liege u.a. daran, dass sich viele nicht bewusst seien, dass das ihnen entgegengebrachte Verhalten eine Diskriminierung darstelle.

Erläutert wurde dies anhand einer Reihe von Diskriminierungsfällen aus ganz Deutschland. Eines der von Altaş eingebrachten Beispiele war der Fall der Einführung des Kopftuchverbots für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen. Liest man sich den Wortlaut zum Beispiel des nordrhein-westfälischen Gesetzes durch, erscheint dieser dem Leser ohne Vorkenntnisse recht neutral. Er scheint von Lehrern und Lehrerinnen zu handeln, die im Unterricht politisch, religiös und weltanschaulich neutral handeln sollen“, merkte er an. Jedoch sei in den parlamentarischen Anhörungen zu diesem Gesetz durchgehend nur vom Kopftuchverbot gesprochen worden, „ein Umstand der nicht direkt aus dem Gesetz herauszulesen ist“. Als Konsequenz der Gesetzgebung, also der Entscheidung in den Landtagen, gegen das Kopftuch, gebe es auch negative Auswirkungen im privatrechtlichen Bereich. So zitierte Altaş die niedersächsische Taekwondo Union, die mit der Begründung politisch, religiös und rassistisch neutral zu bleiben, das Tragen des Kopftuchs nicht tolerieren könnte und dieses deswegen ablehnte. „Die Handball- und Fußballverbände haben sich dieser Praxis angeschlossen und schließen solche muslimische Frauen von der Ausübung dieser Sportarten in einem Verein aus, die ein Kopftuch tragen“, informierte Bekir Altaş. Auch Schülerinnen seien mit solchen Diskriminierungen konfrontiert. Als eines der interessantesten Fälle betitelte Altaş die Aufnahme eines Kopftuchverbots in die Schulordnung einer Hauptschule in Dortmund.

Ein anderes Feld der Antidiskriminierungsarbeit seien sogenannte verdachtsunabhängige Moscheekontrollen und ihre Resultate: „Zum Freitagsgebet finden sich vor der Moschee eine Anzahl schwerbewaffneten Polizisten ein, die sich entweder direkt an die Moscheeausgänge stellen oder sich in einiger Entfernung positionieren. Nach dem Freitagsgebet werden alle Besucher der Moschee, teilweise mit der Frage, ob man aus der Moschee komme oder ob man Muslim sei, auf ihre Personalien hin kontrolliert.“ Mit derlei Aktionen würden jahrelange Bemühungen um gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zunichte gemacht, der Imageschaden der betroffenen Gemeinde sei kaum zu beheben.

Nach dem Vortrag von Bekir Altaş wurden Informationen zum Tag der offenen Moschee (TOM) 2011 gegeben. Mehmet Genç und Ali Mete stellten die angefertigten Materialien vor und wiesen auf wichtige Punkte in der Organisation hin. Die Kursteilnehmer sollen sich gemäß dem Thema ihres Workshops in der Organisation und Durchführung des TOM einbringen.

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Anschließend folgte ein kurzer Reisebericht des KFÖ-Teilnehmers Muhammed Karagöz, der für den Hilfs-und Sozialverein (HSV e.V.) nach Somalia gereist war, um humanitäre Hilfe zu leisten. Den Reisebericht begleiteten Bilder der Reisestationen, eine umfassende Darstellung der Situation und Probleme vor Ort sowie die Erfahrungen und Eindrücke in Somalia.

Der zweite große Vortrag des Tages wurde von Dr. Murad Wilfried Hofmann, Jurist, ehemaliger Diplomat sowie Autor zahlreicher Sachbücher zum Islam, über „Die historische Entwicklung der Präsenz von Muslimen in Europa“ gehalten. Hofmann warf zunächst die Frage auf, weshalb der Islam in Europa immer noch als exotisch und als Fremdkörper angesehen werde, obwohl er, genau wie das Judentum und Christentum, seinen Ursprung im Nahen bzw. Mittleren Osten habe. Dann folgte ein historischer Abriss, aus dem hervorging, dass der Islam geschichtlich ein unleugbarer Teil Europas sei. So ging Hofmann auf die ersten Kontakte Europas mit dem Islam seit 711 ein, und zwar von den nordafrikanischen Mauren über Andalusien (im 12. und 13. Jahrhundert) bis Osteuropa, vor allem Bosnien.

Nach diesem Rückblick gab Dr. Murad Hofmann einen Einblick in die Kulturgeschichte: „Im 19. Jahrhundert verstärkten sich die deutsch-islamischen Kontakte. Helmuth von Moltke, der spätere Generalissimus, leistete dem osmanischen Sultan von 1835-1839 als einfacher Hauptmann außerordentlich gute Dienste. Ein anderer zum Islam übergetretener Deutscher, Dr. Eduard Schnitzer, machte als ziviler Berater eine bemerkenswerte Karriere als osmanischer Beamter. Als Mehmet Emin Pascha fungierte er sogar als Gouverneur von Äquatorial-Afrika. Ein weiterer abenteuerlicher deutscher Konvertit, Karl Detroit aus Brandenburg, brachte es als Mehmed Ali zum Feldmarschall der osmanischen Streitkräfte.. Besonders hervorgehoben wurde von dem Referenten, dass die deutsche Islamologie im 19. Jahrhundert weltführend gewesen sei. Bisher seien 20 Koranübersetzungen ins Deutsche übertragen worden, darunter im 20. Jahrhundert auch sieben von Muslimen selbst.

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Dr. Hofmann unterteilte die meisten europäischen Muslime ihrer Herkunft nach in vier, sich teilweise überlappende Gruppen. Die erste Gruppe seien die „Gastarbeiter“. Damit sind nicht türkische oder tunesische Arbeiter gemeint, welche zur Arbeit nach Europa gekommen sind, sondern Europäer, die im Ausland arbeitend mit dem Islam in engen Kontakt gekommen sind: als Ingenieure, Architekten, Industrievertreter, Journalisten, Entwicklungshelfer, Montage-Arbeiter, Militärattachés oder Diplomaten“, erklärt Hofmann. Die Gruppe der „Ehemänner“ betitelte er als zweite Gruppe. Diese fanden über ihren Ehepartner zum Islam. „Grüne“ seien die dritte Gruppe: Dabei handelt es sich meist um junge Menschen, die aus Protest gegen die Entgleisungen der modernen Industriegesellschaft, ihren Konsumrausch und Turbo-Kapitalismus, schon seit längerem auf einer ideologischen Reise, zivilisatorisch auf der Flucht sind.“ Als letztes beschreibt er die Islamologen, eine Gruppe von Studenten, die an europäischen Universitäten Orientalistik studieren, weil sie eine Affinität zum arabo-islamischen Raum empfänden.

Dr. Murad Hofmann rundete seinen Vortrag mit der Thematisierung der Spaltungen in der islamischen Welt ab, welche auch auf Europa projiziert würden. Er beendete seinen Vortrag mit einem Zitat Goethes aus „Maxime und Reflexionen“: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Ausgehend von der langen muslimischen Präsenz in Europa wurde in einer anschließenden Fragerunde über Perspektiven für die Zukunft der Muslime in Deutschland diskutiert.

Am Sonntag suchten die Teilnehmer ihre gewohnten Workshops auf. Der „Medien-Workshop“ und der Workshop „Öffentlichkeitsarbeit in der Moschee“ bereiteten sich auf den Ablauf, die Planung und Durchführung des TOM vor, während in dem Workshop „Texte in der Öffentlichkeitsarbeit“ die von den Teilnehmern angefertigten Interviews besprochen und die Kriterien der Anfertigung eines Kommentars erlernt wurden. (sk/am)

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