Gemeinschaft

„Religion und Gesellschaft“ – 2. Treffen des Kurses für Öffentlichkeitsarbeit

06. April 2011

Nach einer kurzen Begrüßung und Einleitung seitens AyÈ™e Aslan (Frauen- Jugendorganisation) wurden die Teilnehmer durch ein Kurzreferat von Meryem Özmen in die wichtigsten Begrifflichkeiten der folgenden Vorträge eingeführt. Dabei wurden unterschiedliche Definitionsansätze bekannter Denker wie Kant, Locke, Schopenhauer, Cicero usw. angesprochen. „Die Religion bezeichnet das Zusammenwirken aller geistigen Funktionen des Menschen“ so Özmen, der zufolge ein Glaubenssystem die Sinnfragen menschlicher Gesellschaft aufgreift. Die Moderne beschrieb die Referentin als einen Zeitbegriff ohne inhaltliche Wertung und als Bezeichnung einer Zeit des Umbruchs, „wie beispielsweise die Französische Revolution oder die Industrialisierung.“ Niklas Luhmann zitierend wurde Gesellschaft als ein Sozialsystem aller kommunikativen Handlungen, laut Marx als Summe der Beziehungen und laut Rousseau als etwas durch Erziehung oder Zwang hervorgebrachtes System beschrieben.

Nach einer kleinen Pause folgte der erste Hauptvortrag. Der Soziologe Aydin Süer referierte über das Religionsverständnis in der modernen europäischen Gesellschaft. Dafür lieferte er zunächst Erklärungsansätze für das Verständnis von „Moderne„. „Moderne ist ein umstrittener Begriff, der nur schwer zu definieren ist“, bemerkte er. Merkmale der Moderne seien etwa die Veränderung und der Fortschritt und die langsame Loslösung von traditionalen Bindungen, vorangehend von der Familie und Verwandtschaft. Daraufhin verglich Süer die Merkmale der Moderne und der Tradition. „Während die Tradition mit statischen, starren Normen und Werten verbunden wird, assoziiert man die Moderne mit dynamischen und flexiblen Normen und Werten. So entsteht die Vorstellung, dass Tradition und Moderne sich ausschließen würden. Die Moderne bezeichnet den Bruch mit der Tradition und Modernisierungsprozesse schwächen das Traditionsbewusstsein – zumindest wird das so angenommen“, fuhr er fort. Moderne sei durchaus ein wertender Begriff, unabhängig davon, ob man sie befürwortet oder kritisiert. Buchtitel wie „Die Moderne, ein unvollendetes Projekt“ (Habermas), „Multiple Moderne“ (Eisenstadt) und „Wir sind nie modern gewesen“ (Latour) verdeutlichen die unterschiedlichen Auffassungen von Moderne.

Anschließend behandelte Süer zentrale Aspekte der Säkularisierungsthese und ihre Problemen. Er verdeutlichte, dass beispielsweise die Abnahme der Kirchengänger keinesfalls ein Zeichen für die Abnahme der Religiosität an sich sein müsse. Ein Grundproblem der These sei ferner die Annahme, Moderne und Tradition würden sich ausschließen. „Natürlich haben gesellschaftliche Veränderungen Auswirkungen auf die Religion. Das heißt aber nicht, dass wir einen Rückgang der Religion haben, sondern nur eine Veränderung der Religion.“ So leitete er in das Themenfeld „Neue Formen der Religiosität“ ein und beendete seinen Vortrag mit Ausführungen über die „Religion als Teil europäischer Identität“.

Nach einer großen Pause folgte der Vortrag „Muslimische „Minderheiten in nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaften“ von der Ärztin und Islamwissenschaftlerin Sabiha Erbakan-El Zayat. Zunächst machte sie auf den Begriff der „Minderheit“ aufmerksam und fragte, ob man eine Minderheit numerisch definiert oder ob es andere Unterscheidungskriterien gibt. „Ist die Mehrheit ein homogenes Gebilde und die Minderheit anders als die Mehrheit?“ fragte sie und ging dabei auf das „Othering“ ein. Es stellte sich heraus, dass es mehrere Formen der Minderheit gibt, wobei das Ausschlaggebende das Machtgefälle ist. „Frauen beispielsweise sind keine numerische Minderheit, werden aber im Berufsleben u.a. bez. des Lohnes ungleich behandelt.“ veranschaulichte die Referentin.

Weiter hieß es, dass ein rein literalistisches Verstehen des Korans zu Ungerechtigkeiten führen könne. Erbakan-El Zayat betonte, wie wichtig das kontextuale Verstehen des Korans ist. „Unsere Quelle wäre gar nicht nutzbar, wenn sie nicht auf ihren Kontext reagieren könnte. Dies würde nämlich eine Erstarrung mit sich bringen.“ Weiterhin gab die Referentin mehrere Beispiele von muslimischen Minderheit auf der Welt, wobei vor allem Südafrika ins Auge stoch: „In Südafrika machen die Muslime 2% der gesamten Bevölkerung aus. Sie haben eine lange Geschichte und auch die Mehrheitsgesellschaft hat eine andere Wahrnehmung für diese. Denn sie haben die Apartheid aus rein muslimischer Motivation heraus mitbekämpft.“ Auf diese Weise motivierte sie die Teilnehmer, aktiv an der Verbesserung der gesamten Gesellschaft teilzuhaben.

Daraufhin leitete sie in den Vortragsteil „Muslimische Präsenz in Europa“ ein und erklärte, weshalb es die Annahme gäbe, dass Scharia und Demokratie nicht kompatibel seien. Sie kritisierte diese Behauptung und fragte, weshalb jemand nicht muslimisch und ebenso deutsch sein könne. Abschließend bemerkte sie, dass es viele transnationale gemeinsame Herausforderungen gäbe, die nur gemeinsam angegangen werden könnten und gab zuletzt die Botschaft, dass man sich an Visionen wie „A home for all“ orientieren solle.

An die drei Vorträge anknüpfend wurden drei Diskussionsgruppen gebildet, um weitere bestehende Fragen seitens der Teilnehmer mit den Referenten zu diskutieren. Die erste Diskussionsgruppe, geleitet von Aydin Süer, behandelte das Thema „Zwischen Moderne und Religion?“. Sabiha Erbakan-El Zayat leitete die Diskussion mit dem Thema „Europa versus Islam?“. Der Titel der dritten Diskussionsgruppe lautete „Religionen in der Praxis“, welche von Amina Erbakan geführt wurde. Anschließend wurden die jeweiligen Diskussionsergebnisse mit der gesamten Gruppe geteilt.

Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der „Religionsfrage“ am Samstag, folgten am Sonntag die eher interaktiven Workshops, zu denen sich die Teilnehmer bereits beim ersten Treffen zusammengefunden hatten.

Dieses Wochenende gab es für die Teilnehmer des Workshops „Texte in der Öffentlichkeitsarbeit“ viel zu diskutieren sowie eine Einführung in die Internetrecherche. Die Workshop-Teilnehmer waren zuvor bereits in vier Gruppen unterteilt worden. Jede Gruppe sollte sich auf eine Darstellung der aktuellen Deutschen Islam Konferenz (DIK) vorbereiten, jeweils aus unterschiedlichen Sichten. Dabei sollte die Sicht der SPD, die der DITIB, der IGMG und des Bundesinnenministeriums vertreten sein. Dann hieß es eloquent seinen Standpunkt zu vertreten. Die Teilnehmer des Workshops „Öffentlichkeitsarbeit in der Moschee“ beschäftigten sich währenddessen mit der Ausgestaltung des vorhergehenden Treffens. Aufgabe war es, den Ist-Zustand der Gemeinde, die von den einzelnen Teilnehmern betreut wird, in anschaulicher Weise darzustellen und Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Für die Teilnehmer des Workshops „Medien in der Öffentlichkeitsarbeit“ gab es eine Unterweisung in der Dokumentation der medialen Öffentlichkeitsarbeit. Des Weiteren informierte der Workshop-Leiter Akif Şahin über die technischen und rechtlichen Grundlagen des Bloggens und sprach über die Möglichkeiten, Blogs bei der Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinden einzusetzen. (sk)

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