Gemeinschaft

„Wir können nicht ein Leben im Herzen, aber ein anderes Leben auf der Straße führen“.

11. April 2005

Im Vorbeigehen drängen einem die verschiedenen Sprachen ans Ohr, nicht eine, nicht zwei, ein halbes Dutzend schon. Eine Gruppe spricht Deutsch, eine andere Flämisch, wieder eine andere Gruppe kommuniziert auf Französisch – gemeinsame Sprache ist Türkisch. Die Sprachvielfalt zeigt es schon, es ist das Jahrestreffen des IGMG-Jugendverbands. 8000 Jugendliche, Jungen, Mädchen, aber auch „ewig Junggebliebene“ sind zu der Veranstaltung gekommen. Platz gab es in der Halle im belgischen Genk jedenfalls nicht mehr.

Genauso bunt wie die Zuschauer sind auch die Darbietungen. Gruppen aus Deutschland, Frankreich, der Türkei, Groß-Britannien, ja sogar aus Schweden treten an diesem Abend auf. Dabei reichte das Angebotene von kurzen Sketchen bis hin zu musikalischen Darbietungen. Abgeschlossen wurde das Programm von sowohl jungen Koranvirtuosen als auch gestandenen Meistern der Koranrezitation.

„Wer das Gestern nicht kennt, wird das Heute nicht verstehen können, wer das Heute aber nicht versteht, kann sich nicht dem Morgen zuwenden“, hob Mesut Gülbahar, Leiter des IGMG-Jugendverbandes, zu Anfang seiner Rede hervor. „Wir werden unsere Dasein in Europa im Lichte von Koran und Sunna als ein Teil dieser Gesellschaft weiterführen“, sagte Gülbahar weiter.

Gülbahar wies auf die Verantwortung der Jugend im Zusammenleben mit der Gesellschaft hin und forderte, dass sowohl am Positiven in der Gesellschaft teilgenommen, gleichzeitig aber auch wieder Positives an die Gesellschaft zurückgegeben werden muss. „Gegen Gefahren für unsere Gesellschaft, unsere Familie und unserer Einheit müssen wir wachsam sein und unsere Verantwortung in dieser Gesellschaft wahrnehmen“, sagte Mesut Gülbahar.

Insbesondere wies Gülbahar auf den bedrohlich hohen Anteil von Migranten an der Gesamtkriminalität hin. Während der Anteil der Migranten an der Gesamtkriminalität im Jahre 1984 noch 16,6 % betrug, sei dieser Wert im Jahre 2003 auf 23,5 % gestiegen. „Diese steigenden Zahlen müssen unsere Aufmerksamkeit wecken und uns dazu antreiben, mehr dagegen zu tun“, warnte Gülbahar.

„Wir erleben heute tagtäglich die Verletzung der menschlichen Würde. Und jeden Tag kommt neue Verletzungen dieser Würde hinzu“, warnte Yavuz Celik Karahan, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in seiner Rede. „Wir leben in einer Welt, in der die Menschen sich verurteilen, statt sich gegenseitig zu verstehen.“ Gegen jede Art von Unterdrückung müsse man sein, sagte Karahan. „Das Muslimsein legt uns eine größere Verantwortung auf, als sich nur auf verbaler Ebene gegen Unterdrückungen zu stellen“, forderte Karahan und wies auf einen Hadis unseres Propheten(saw) hin: „Muslim ist der, vor dessen Hand und dessen Zunge andere sicher sind.“

Gerade jetzt in der 4. Generation der Migration würden zwar immer häufiger Publikationen zur Migration veröffentlicht werden. Als junge Muslime könne man sich nicht einfach mit klassischen Bewertungen begnügen und sich über die Erklärungen anderer definieren. „Wir sind nicht und können nicht die fremdbestimmten Objekte einer fremdbestimmten Welt sein. Es reicht nicht aus, dass wir uns Unterdrückungen mit einem „verurteilenden Schweigen“ entgegen stellen“, sagte Karahan weiter.

„Wir können uns unserer Verantwortung nicht entledigen, indem wir nur aufzählen, wogegen wir alles sind. Der Versuch, sich mit Parolen einen Platz in der Welt zu schaffen, wird uns nur noch weiter weg von unseren Zielen entfernen.“ Karahan warnte insbesondere davor, sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen: „Außerhalb dieser Gesellschaft zu stehen, bedeutet, außerhalb des Lebens zu stehen. Allah hat in jedem Körper ein Herz erschaffen. Wir können in unserem Herzen nicht ein anderes Leben und auf der Straße aber ein anderes Leben führen.“

Weiterhin warnte Karahan vor einer glorifizierenden Betrachtungsweise der Geschichte. „Dies kann Andalusien, der Balkan oder das Osmanische Reich sein- wir können uns nicht mit Geschichten aus der Vergangenheit, die wir uns gegenseitig erzählen, begnügen. Der muslimische Jugendliche muss erwartungsvoll in die Zukunft schauen. Wir kennen die Zukunft zwar nicht, doch erahnen können wir sie.“

Weiterhin wies Karahan auf die desolate Lage im Bereich der Publikationen zum Islam hin: „Wir dürfen uns nicht wundern, dass heute in Europa zum Islam mehr Bücher von Orientalisten geschrieben werden, als von Muslimen. Mehr als die Muslime selbst sind es Politiker und Akademiker, die über den Islam sprechen. Doch sind wir es, die entscheiden müssen, wer wir sind.“

Die Veranstaltung hatte auch einen Gast aus der Türkei. Der ehemalige Ministerpräsident der Türkei, Prof. Dr. Necmeddin Erbakan nahm per Telefonverbindung an der Veranstaltung teil und hielt eine kurze Ansprache an die anwesenden Jugendlichen. Erbakan wies in seiner Rede auf die Bedeutung der Bildung hin und forderte von den Jugendlichen, dass sie ihrer Ausbildung mehr Bedeutung beimessen und ihre Möglichkeiten besser wahrnehmen sollten, um ihre Ausbildung bestmöglich abzuschließen. Gerade für die Muslime in Europa mit einem niedrigen Bildungsniveau waren diese Worte von großer Bedeutung.

Außerdem forderte Erbakan die Jugendlichen dazu auf, sich aktiv in den Gemeinden zu betätigen und sich besonders in den leitenden Funktionen einzusetzen. Gerade zu einer Zeit, in der die Muslime immer wieder, ausgehend von dem Begriff „Dschihad“, mit unzutreffenden Vorwürfen konfrontiert werden, verwies Erbakan auf den Begriff „Dschihad“. Er sagte, dass der Dschihad ein Gottesdienst ist, ein Bemühen um das Gute, das Schöne, das Gerechte und das Nützliche und erteilte damit denen, die um diesen Begriff polemisieren, eine Absage. Erbakan sprach in seiner Rede der Jugend sein Vertrauen aus und erinnerte sie an ihre Verantwortung.

Auf der Veranstaltung kam auch die Krankenwagen-Kampagne der Jugendabteilung zu einem erfreulichen Ergebnis. Schnell kam das Geld für die Spende eines Krankenwagens in die vom Tsunami verwüsteten Gebiete zusammen. (aek)

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