Frauenorganisation

„Wir müssen das uns Anvertraute achten und würdigen“

27. Februar 2013

Sie wurden vor rund einem Jahr zur Vorsitzenden der IGMG-Frauenorganisation gewählt. Waren Sie überrascht, dass Ihnen diese Aufgabe übertragen wurde?

Für mich war es zunächst recht problematisch, das Angebot anzunehmen. Ich hatte eine Menge Gründe, es abzulehnen. Ich musste Vieles aufgeben. Ich war gerade umgezogen, hatte ein Master-Studium begonnen, wollte ein Buch schreiben und da waren noch meine Seminare. Meine Schülerinnen sagten: „Du kannst nicht gehen und uns einfach zurücklassen.“ Ich wundere mich immer noch, wie ich das Angebot annehmen konnte. Mein Leben und meine Pläne wurden auf den Kopf gestellt. Aber ich habe mich Allah anvertraut. Eine Aufgabe bei der IGMG zu übernehmen, ist eine Gunst Allahs, ein Geschenk. Möge unser Herr uns nicht beschämen, möge er uns helfen.

Es gab viele personelle Änderungen – angefangen vom Zentralen Führungsausschuss der IGMG-Frauenorganisation über die Vorsitzenden der Regionalverbände bis hin zu den verschiedenen Leiterinnen der Ortsgemeinden. Worauf haben Sie während dieses Prozesses geachtet, was waren Ihre Kriterien bei der Neubesetzung?

Ich habe darauf geachtet, dass meine Mitarbeiterinnen Fachleute auf ihrem Gebiet sind – kompetent, erfahren und professionell. Insbesondere habe ich nach Personen gesucht, die Organisationserfahrung haben sowie pflichtbewusst sind. Dazu gehört auch das Streben nach Allahs Zufriedenheit. Frauen also, die ihre Aufgaben unermüdlich und mit Opferbereitschaft erfüllen. Frauen mit Weitblick, Frauen, die aus der Vergangenheit Lehren ziehen, in die Zukunft blicken und auch andere dorthin führen können.

Unsere Satzung schreibt vor, alle drei Jahre über die Vorsitzenden der Regionalverbände zu beraten. Seit meinem Antritt hat mich das Thema am meisten Zeit und Energie gekostet. Über 20 von insgesamt 34 Regionalverbandsvorsitzenden haben wir bereits beraten. In den meisten Fällen gab es einen Personalwechsel. Das war erforderlich, um ein dynamischeres Team zusammenzustellen. Es wurden unterschiedliche Kommissionen gegründet, wie zum Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit, Hadsch und Umra, Organisationentwicklung oder Irschad (Religöse Wegweisung).

Gleichzeitig hat die IGMG-Frauenorganisation neue Projekte initiiert. Würden Sie uns darüber berichten?

Wir bemühen uns, unsere Projekte nicht nur auf Themen zu beschränken, die nur Frauen interessieren, sondern sich an die Allgemeinheit richten. Frauen können nicht nur zu frauenspezifischen Themen ihre Meinung äußern und eine aktive Rolle übernehmen, sondern auch zu allen anderen Themen. Unsere Projekte und die mit ihnen verbundenen Zielsetzungen würde ich folgendermaßen zusammenfassen: Um die IGMG-Frauenorganisation zu professionalisieren, bauen wir unsere Innenstruktur neu auf. Ob Frauen oder Männer, Kinder oder Jugendliche, Erwachsene oder Alte: Wir wünschen uns Menschen, die Eigenschaften wie Bildung, Moral, Tugendhaftigkeit, Gottgefälligkeit, Aufrichtigkeit und Selbstbewusstsein besitzen. Dazu fahren wir an den Wochenenden zu den Regionalverbänden und halten dort Seminare über organisationsinterne Weiterbildung, Familienbildung, Jugendbildung oder Erzieherausbildung.

Ferner planen wir, die IGMG-Frauenorganisation auf internationalen Plattformen zu repräsentieren, bekannt zu machen und uns dort zu etablieren. Zum Beispiel haben wir in Bosnien die erste Kopftuch tragende Bürgermeisterin besucht. Dort haben wir an der Internationalen Universität Sarajewo eine Konferenz abgehalten. Auch die Vorsitzende der Plattform Muslimischer Frauen in Europa hat unsere Organisation besucht.

Die IGMG ist eine Religionsgemeinschaft, die dem Wohl aller Menschen dient. Wir müssen mit unseren Dienstleistungen zeigen, dass wir ein untrennbarer Bestandteil der Gesellschaft sind, in der wir leben. Für uns gilt es nicht nur den Türken und Muslimen zu dienen, sondern der ganzen Menschheit. Wir müssen für die Probleme in der Gesellschaft, die alle betreffen, islamkonforme Lösungen anbieten. Wir müssen auf Europa ausgerichtete soziale Projekte entwickeln und aufbauen, wie zum Beispiel Heime (für Frauen und junge Mädchen), Altersheime (mit sämtlichen Dienstleistungen) und Waisenheime. Wir müssen ein System für Pflegefamilien entwickeln, aufbauen und fördern. Es muss etwas für die Hungernden und Obdachlosen in Europa unternommen werden. Wir müssen für die Muslime in Europa spezielle Ausbildungsangebote bereitstellen.

Zudem müssen wir den Dialog zu anderen Organisationen verstärken. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit nichtmuslimischen Organisationen zu Themen wie „Jugend und Ethik“, „Arbeitsethik“ und „Wirtschaft und Religion“ Podiumsdiskussionen und gemeinsame Programme auszurichten. Die Einbeziehung von Frauen bei der Verteilung von Opfertierspenden, Fitra und Zakat gehört ebenfalls zu unseren neuen Projekten.

Wie weit sind diese Projekte im Laufe des vergangenen Jahres fortgeschritten und welche Veränderungen haben stattgefunden?

Dieses Jahr waren in den Teams zur Verteilung der Ramadan-Hilfspakete erstmals auch Frauen dabei. 40 weibliche Freiwillige sind als Beauftragte in den Balkan, in die Türkei und Länder wie Nigeria gereist. Die Beteiligung der Frauen bei diesen Arbeiten wurde mit großer Zufriedenheit aufgenommen.

Ein weiteres Ziel war, dass Frauen auch an der Verteilung der Kurban-Hilfe teilnehmen. So haben wir in diesem Jahr fünf Frauen als Kurban-Beauftragte entsandt. Ich selbst habe auch an der Kurban-Aktion teilgenommen.

Im Fastenmonat Ramadan 2012 haben die Leiterinnen der IGMG-Frauenorganisation in 29 Tagen 29 unserer Regionalverbände besucht. Es haben etwa 5.300 Personen an diesen Veranstaltungen teilgenommen, davon mehr als die Hälfte Personen in leitender Funktion. Vor dem Iftar-Essen fanden Seminare statt, in denen die Besonderheit des Monats Ramadan, Fitra sowie Zakat und Sadaka oder das Teilen besprochen wurden. Das Schönste an diesen Veranstaltungen war, dass die ehemaligen und jetzigen Leiterinnen zusammengekommen sind.

Außerdem haben Frauen, die als Beauftragte der IGMG-Frauenorganisation zur Hadsch fahren sollten, im September in der IGMG-Zentrale unter der Leitung der Irschadabteilung und der Hadsch-Kommission eine Fortbildung gemacht mit positiven Reaktionen.

Am 6. Oktober wurde in Bielefeld der 9. Europäische Koranrezitationswettbewerb mit Koranlesung (Maide-i-Kur’an) veranstaltet. Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und wurde von 2.500 Menschen besucht. Parallel dazu fand am gleichen Tag und gleichem Ort erstmals eine Bildungsmesse statt. Dort wurden die Dienste der Regionalverbände bekannt gemacht.

Für unsere Lehrerinnen und Erzieherinnen wurde vom 21. bis 30. Dezember in Wesel ein Berufsbildungskurs durchgeführt. Daran nahmen 83 Lehrerinnen aus 29 Regionalverbänden teil.

Des weiteren haben wir in den Schulferien Kurse durchgeführt. Die zunächst für zwei Regionalverbände vorgesehenen Kurse konnten durch unsere Unterstützung in 16 Regionalverbänden stattfinden. Auf diese Weise wird erreicht, dass die Kinder sowohl eine Ausbildung erhalten als auch ihre Ferien sinnvoll verbringen und dabei eine positive Sozialisation erfahren. Wir bemühen uns bei diesen Kursen, den Kindern ein natürliches Umfeld mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten anzubieten.

In einem weiteren Projekt ist vorgesehen, Lehrerinnen, die nicht mehr aktiv sind, wieder zur Mitarbeit zu motivieren. Mit einem für Ende Mai geplanten speziellen Kurs wollen wir diese Lehrerinnen erneut in unsere Arbeiten einbinden. Sie sollen neue Aufgaben übernehmen.

Beschränken sich Ihre Projekte nur auf Deutschland? Oder werden diese auch in anderen europäischen Ländern durchgeführt?

Unsere Projekte sind grundsätzlich auf Europa, Australien und für Kanada ausgelegt. Spezielle Programme, die nur auf Deutschland ausgerichtet sind, gibt es nicht. Unsere Beziehungen zu allen Regionalverbänden sind gleich, jeder Regionalverband ist uns wichtig.

Was sind Ihrer Meinung nach die Probleme, denen sich die IGMG-Frauenorganisation am raschesten zuwenden sollte?

Im Grunde sind alle Themen akut, aber der erste Punkt, mit dem wir uns beschäftigen wollen, ist der eines Imagewechsels der IGMG-Frauenorganisation. Unsere Organisation darf Ziele und Mittel nicht miteinander vermischen. Das wichtigste Programm, das Hauptziel eines Jahres sollte nicht der Wohltätigkeitsbasar sein! Wir werden die Professionalisierung, die Strukturierung der Belegschaft und die Institutionalisierung der Organisationsbereiche in den Vordergrund stellen. Wir werden die Büros, Einrichtungen und sonstigen Räumlichkeiten der Frauenorganisation in einen für sie repräsentablen Zustand bringen.

Seit der Arbeitsmigration in den 1970’er Jahren ist auch die Zahl muslimischer Frauen in diesem Land angestiegen. Allerdings hat erst in den letzten 15-20 Jahren der Trend eingesetzt, dass diese Frauen auch von einer universitären Ausbildung profitieren oder als Ärztinnen oder Anwältinnen gehobenere Positionen in der Gesellschaft einnehmen. Worauf führen Sie das zurück?

Dieser Zustand ist eine notwendige Folge der Migration. Wenn wir den Migrationsprozess von Spaniern und Italienern betrachten, sehen wir ebenfalls, dass die folgenden Generationen sich beruflich spezialisieren. Berufe wie Arzt oder Anwalt gehörten schon immer zu den Wunschberufen der Eltern. In der Regel werden diese Berufe dann von den Kindern auch tatsächlich ergriffen. Zum Beispiel wurde der Anwaltsberuf als ein ehrbarer Beruf angesehen, weil er geeignet war, die Rechte der Minderheiten zu verteidigen. Mit der dritten Generation ist schließlich das Bedürfnis entstanden, den Blick auf sich selbst zu richten, unsere Identität zu hinterfragen und eine Selbstanalyse durchzuführen. Dieses Bedürfnis wiederum hat Psychologen, Soziologen und Pädagogen hervorgebracht.

Im Grunde ist das kein Phänomen, das nur mit der Migration nach Europa zusammenhängt. In der Türkei hatte die Landflucht und Migration in die Städte zur Folge, dass ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Ausbildung von Mädchen entstand, weshalb in den letzten 20 Jahren die Zahl studierender und berufstätiger Frauen stark anstieg. Die Situation in Europa ist auch eine Folge der Ausstrahlung dieser innertürkischen Entwicklung über die Türkei hinaus, sodass man diese Entwicklungen als parallele Entwicklungen ansehen kann.

Würde ein starkes Engagement muslimischer Frauen im Arbeits- und Sozialleben deren Aufgaben als Mutter und Ehepartnerin behindern?

Frauen, die planvoll arbeiten, müssen ihre Aufgaben als Mutter und Ehepartnerin nicht vernachlässigen, sie können im Gegenteil ihr Leben geordneter und disziplinierter führen. Das soziale Engagement der Frau kann sehr positive Auswirkungen auf ihr Privatleben haben. Die Zusammenkunft mit Menschen unterschiedlicher Nationen und Gesellschaften bereichert das Leben einer Frau. Die soziale Aktivität einer Mutter bewirkt eine einfachere Sozialisation der nachfolgenden Generation. Die Frau erwirbt Selbstvertrauen, wodurch auch die Familie glücklicher und zufriedener wird. Damit sich die Lebensumstände in dieser Weise entwickeln können, ist es natürlich wichtig, dass sich die Frau mit einer Aufgabe beschäftigt, die sie gerne macht.

Man sagt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht. So ist der Anteil der Arbeit und des Engagements der IGMG-Frauenorganisation an dem, was die IGMG heute erreicht hat, unumstritten. Was würden Sie diesbezüglich noch sagen wollen?

Ebenso steht hinter jeder erfolgreichen Frau ein Mann, der sie unterstützt, der sie nicht behindert, sondern ihr die Gelegenheit zu diesem Engagement gibt. Die IGMG hilft sich selbst, wenn sie die Arbeiten der Frauenorganisation unterstützt. Die IGMG hat dies sehr gut verstanden und von diesem Potenzial profitieren können. Ich glaube, dass unser Unterscheidungsmerkmal und unser Erfolg im Unterschied zu anderen Organisationen gerade hierin liegt. Die Frauen sind das Rückgrat unserer Organisation, der wichtigste tragende Pfeiler. Davon bin ich überzeugt. Der materielle und ideelle Beitrag, den die Frauenorganisation geleistet hat und dessen Anteil an dem, was die IGMG bis heute erreicht hat, ist unbestreitbar.

Unser Prophet hat der Arbeit der Frauen immer hohen Wert beigemessen und ihnen die Möglichkeit gegeben. Jeder, der ihm folgt, ihn liebt und ein gewisses Verständnis besitzt, wird die Arbeiten der Frauen unter Berücksichtigung ihrer Eigenheiten und Besonderheiten unterstützen.

Was möchten Sie den Frauen, die mit der IGMG einen Herzensbund geschlossen haben, sagen?

Allah möge mit euch allen zufrieden sein. Ich möchte an den 139. Vers der Sure Âli Imraân erinnern, wo es heißt: „Und seid nicht verzagt und traurig. Wenn ihr gläubig seid, werdet ihr obsiegen.“ Unser Herr lässt keine Mühe verloren gehen. Wenn nur eure Absicht rein ist und die Zufriedenheit Allahs ihr Ziel, ist Allah zu allem imstande. Ich empfehle euch hierzu, über die Verse 24, 38, 41 der Sure Tawba und den Vers 54 der Sure Mâida nachzudenken. Mein Herr lässt diejenigen seiner Geschöpfe, die er liebt, auf seinem Wege Dienst tun. Ich sehe diese Aufgaben, die wir übernehmen, als ein uns anvertrautes, wertvolles Gut an. Wir haben die Pflicht, auf das uns Anvertraute zu achten und es in angemessener Weise zu würdigen. Aus diesem Grund solltet ihr ein Angebot, das euch gemacht wird, nicht ablehnen, aber dann, wenn es notwendig ist, das Banner weiterzureichen, dies in schönster Weise tun. Achtet in eurem Tun auf Ausgewogenheit, berücksichtigt das Recht aller. Möge Allah uns gemeinsam noch viele Gelegenheiten bieten, noch viele gesegnete, nützliche und schöne Dienste für die Menschheit, für das Diesseits und das Jenseits zu leisten.

Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben.