Gemeinschaft

Auf auf die Komoren

14. Dezember 2007

„Wo liegen die denn, die Komoren?“

Diese Frage stellte mir so ziemlich jeder, dem ich erzählte, dass ich dieses Jahr auf die Komoren fliegen werde. Als „Komoren“ werden die vier Inseln Grande Comore (Ngazidja), Anjouan (Ndzuani), Mohéli (Mwali) und Mayotte (Maoré) bezeichnet, welche im Indischen Ozean zwischen Mosambik und Madagaskar liegen. Das Land, das eine Bevölkerungszahl von 614.000 Einwohnern hat, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Zuletzt erlangten die Komoren aufgrund eines Vulkanausbruchs die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. 17. April 2005 brach der Karthala, einer der höchsten Vulkane der Erde nahe der Hauptstadt Moroni, aus und zwang 40 000 Menschen zur Umsiedlung.

Als einer der mehr als 180 Helfer der Opfertierkampagne der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) durfte ich, zusammen mit einem Gemeindemitglied aus Frankreich, an der diesjährigen Kampagne teilnehmen.

Nicht nur Spenden

Warum bemüht sich insbesondere die IGMG um die Organisation einer solchen Kampagne, wo es aus islamisch-rechtlicher Sicht doch ausreichen würde, das Fleisch der Opfertiere den nächsten, eventuell ärmeren Freunde und Verwandten zukommen zu lassen? Dabei müssen diese nicht einmal arm sein. Die Form der weltweit organisierten Opfertierkampagne ist sowieso noch relativ neu und wurde erst durch die Entwicklung von Kommunikations- und Transportmitteln ermöglicht. Man kann also hier auch von einer Globalisierung sprechen. Doch weshalb sehen sich Muslime, insbesondere in Europa, verpflichtet, diese Errungenschaften für diesen Zweck einzusetzen? Weshalb versuchen sie die ihnen vom islamischen Recht eingeräumte Freiheit, den Umständen gemäß zu handeln, voll auszuschöpfen?

Der Gedanke, den Hunger auf der Welt, insbesondere der islamischen Welt, zu bekämpfen, ja sogar abzuschaffen, kann es nicht sein. Denn einerseits wäre das ein utopisches Ziel, andererseits ist die IGMG keine Hilfsorganisation, auch wenn sie humanitäre Hilfe leistet. Viel wichtiger als die Spenden in Form von Geld oder Nahrungsmitteln ist die Solidarität unter den Muslimen weltweit. Mit der IGMG-Opfertierkampagne wird die Botschaft in die Welt hinausgetragen, dass die Muslime Geschwister sind [49:10], dass sie eine Umma bilden, die einem Körper gleicht, wie der Gesandte Gottes in folgendem Hadîth sagte: „Die Gläubigen sind wie ein Körper. Wenn ein Glied des Körpers schmerzt, verspürt dies auch der Rest des Körpers.“ (Buchârî, Âdâb, 27) Allerdings umfasst die Opfertierkampagne nicht nur Muslime, sondern auch Nichtmuslime. In vielen Gebieten wird auch der nichtmuslimischen Bevölkerung die Hand gereicht wird, womit dem Gedanken, dass die Armut keine Religion hat, Ausdruck verliehen wird.

Laut dem Vers „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Allah, jedoch erreicht Ihn eure Frömmigkeit“¦“ [22:37] hat das Fleisch auch keine Bedeutung für Allah. Ihm geht es um die Haltung und Einstellung des Opfernden. Nur wenn dieser Takwâ besitzt, nimmt Allah sein Opfer an. Aus diesem Grund werden wir alles Mögliche unternehmen, um die Opfertierspenden, die wir stellvertretend für tausende Muslime aus Europa an uns genommen haben, in Aufrichtigkeit und mit Gottesfurcht ihrem Bestimmungsort zukommen zu lassen.

„Ich wusste nicht, dass das so viel Arbeit ist.“

Dies sagte ein Freund, dem ich vom Vorbereitungsseminar in Kerpen, der Kontaktaufnahme unter den Helfern und Partnerorganisationen vor Ort, den Visaangelegenheiten, den Flugvorbereitungen und den medizinischen Maßnahmen erzählte. In der Tat ist schon die Vorbereitung auf die Kampagne eine ernsthafte Angelegenheit, die für deren Erfolg ausschlaggebend ist. Damit soll nicht vor der ehrenamtlichen Arbeit als Helfer abgeschreckt, sondern auf die Ernsthaftigkeit der Organisation und die Arbeit, die jeden Helfer erwartet, hingewiesen und deren Einsatz gewürdigt werden.

Nachdem wir etwa einen Monat vor Reisebeginn das Vorbereitungsseminar hinter uns, die Visaangelegenheiten geklärt, die Impfungen begonnen und das Flugticket erhalten hatten, machte ich mich mit meinem Begleiter aus Paris, Bruder Ahmet Özkan daran, die Vorbereitungen für die Durchführung der Kampagne auf den Komoren zu organisieren. Bruder Ahmet nahm Kontakt mit unserem Partner in Uganda, einem komorischen Studenten, auf und versuchte vorab einige Informationen zu erhalten. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die IGMG-Opfertierkampagne auf den Komoren zum ersten Mal durchgeführt wird, wir also eine besondere Verantwortung tragen.

Wir wissen nicht genau, was uns erwartet. Uns wurde von vielen Geschichten und Erfahrungen berichtet, teils witzige, teils traurige. Doch zum größten Teil hat man uns die ausweglose Armut und Hoffnungslosigkeit geschildert. Ich war schon immer der Ansicht, dass man sich als europäischer Muslim „Hunger“ nicht vorstellen kann, auch wenn wir unsere Kinder stets dazu auffordern, sich doch die Situation der Kinder beispielsweise in Afrika vor Augen zu führen. Wir haben von Helfern gehört, die ihre Opfertierspenden in den Dörfern verteilten, doch sich schämten in das nächste Dorf zu gehen, weil sie wussten, dass die Armut dort noch größer ist und sie nicht genug Mittel hatten, mehr Opfertiere herbeizubringen. Was können wir, zwei europäische Muslime mit unseren begrenzten finanziellen Möglichkeiten, der komorischen Bevölkerung, eines der ärmsten Völker der Welt,  geben? Werden unsere Opfertierspenden überhaupt etwas bewirken? Was erwartet uns also?

Mit diesen Fragen im Kopf treffen wir uns etwa eine Woche vor dem Opfertierfest mit unseren Freunden, die nach Uganda fliegen. Bruder Ahmet und ich werden mit ihnen fliegen, um von dort aus auf die Komoren zu gelangen.

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