Gemeinschaft

Aus dem gesegneten Land-Briefe aus Mekka und Medina

15. Januar 2006

Heute haben wir das Morgengebet in der Rawza-i mutahhara verrichtet. Anschließend besichtigten wir die historischen Grenzen der Rawza-i mutahhara, die durch an Säulen hängende Tafeln gekennzeichnet sind. Bei den Restaurationen, die vor allem von den Osmanen durchgeführt waren, entstanden in wunderschöne Arabeske eingefasste Tafeln, die den Umriss der Moschee zu Muhammads Zeiten darstellten. Insbesondere mache ich auf die Säulen aufmerksam, die noch aus der damaligen Zeit stammen. Man wird durch diese historischen Erkundungen in die damalige Zeit versetzt. Es waren die inneren Gefühle, die aus den Augen unserer Pilger abzulesen waren.

Nach dem Besuch der Mescid-i nabawi besuchen wir den Baki Friedhof. Es liegt nur 200 m nördlich in unmittelbarer Nähe der Moschee.

Da der Besuch eines Friedhofes in Saudi Arabien Frauen nicht gestattet ist, besuchen wir mit der ganzen Gruppe den Baki Friedhof zunächst von außen. Den Überlieferungen zufolge, wissen wir, dass ungefähr 10.000 Sahabe aus der Zeit des Asr-i Saadets hier begraben sind. Unter ihnen ruhen vor allem Osman, der dritte Khalif, Hasan, das Enkelkind des Propheten, unsere Mutter Aischa und die anderen Frauen unseres Propheten außer Hatice, Fatima, die Tochter des Propheten und seine Töchter, sowie einige aus der Aschere-i mubaschara und viele andere Sahabis und andere bedeutende Personen. Friede sei mit ihnen allen. Die Asere-i mubaschara sind die Sahaba, die noch zu Lebenszeiten mit dem Paradies beschenkt wurden.

Der erste Sahabi, der hier begraben wurde, war Esat b. Zürare. Er hatte große Dienste für die Verbreitung des Islams in Medina geleistet und gehörte der Ensar, der Muslime aus Medina, an. Aus der Muhacirun, die aus Mekka ausgewanderten Sahabis, ruht hier der erste Sahabi Osman b. Maz’un.

In den Herrschaftszeiten der Amawiden, Abbasiden und der Osmanen wurden auf einigen dieser Gräber Mausoleen errichtet. Auf dem Grab von Hasan (Friede sei mit ihm) beispielsweise hatte man sogar Sitz- und Gebetsmöglichkeiten. Im Jahre 1806 wurden diese Bauten zunächst von Suud b. Abdulaziz vernichtet, um den Gräbern ihre ursprüngliche, einfache Form wiederzugeben. Nachdem Sultan Abdelhamit diese wieder neu errichten ließ, wurden diese Mausoleen erneut im Jahre 1926 abgerissen. Lediglich einige dieser Gräber wurden mit Steinen am Kopf und am Fuß gekennzeichnet. Wer aber nun dort ruht, ist leider nicht mehr zu erkennen. Es ist gewiss im Islam nicht erwünscht, zu übertreiben; solch eine Untertreibung ist aber auch nicht im Sinne des Islam. Man sollte danach streben, einen Mittelweg zu finden.

Nach einer Überlieferung unserer Mutter Aischa pflegte Muhammad (saw) von Zeit zu Zeit, Gebete für die im Baki Friedhof Ruhenden auszusprechen. Daher rate ich hier unseren Pilgern auch zu beten und die Sure Fatiha zu rezitieren. Ich erzähle von der Opferbereitschaft der Muslime aus Medina, die den Muhacirun gegenüber erbracht wurden. Wie die Ensar sie mit Liebe aufnahmen und wie dadurch die Islambrüderschaft entstand und dessen Funktion. Ich erklärte unseren Pilgern aber auch die Fitna, wodurch diese Brüderschaft verletzt wurde. Ich versuche ihnen ans Herz zu legen, aus diesen Tatsachen Lehren zu ziehen und nach dem Guten zu streben.

Da Frauen nicht in den Innenbereich des Friedhofs gehen dürfen, treten wir ohne sie ein. Er bietet nicht den Anblick, den wir von den Friedhöfen in unserer Heimat gewohnt sind. Er erinnert uns an eine große Weidelandschaft. Wir werden auf einige Gräber aufmerksam, die von Ruinen umgeben sind. Im Halbkreis um diese Gräber herum beten Menschen. Sie sind persische Hadschis, die an den Gräbern der Ehl-i beyt beten und Klagerufe von sich hervorbringen. Durch die laut zitierten Koranverse und von den wunderbaren Stimmen gelesene na’t, die die Liebe zum Propheten beteuern, werden die Herzen weicher und die Tränen fließen wie Bäche.

Wir schließen uns den Betenden an, die die verschiedene Familienangehörige des Propheten besuchen und kehren anschließend in unser Hotel zurück.

Ich erläutere dann unser Programm, das heute und morgen stattfinden wird. Die Ereignisse, die man bisher nur aus Büchern kennt, an ihren historischen Plätzen in Erinnerung zu rufen, erweckt ein großes Interesse und gefühlvolle Momente bei den Pilgern.

In der Zeit zwischen dem Abend und Nachtgebet werden die so genannten „Grüne Kuppel Gespräche“ abgehalten, womit das Programm im Vormittag und Mittag abgerundet wird. In diesen Sitzungen vermittle ich Informationen aus der islamischen Geschichte und dem Siyer, vor allem aber rede ich über die Rituale in Hadsch.

Sowohl bei den Spaziergängen um dem Mescid-i nabawi herum, als auch bei solchen Gesprächen entstehen Fragen wie zum Beispiel, warum nur zehntausend Sahabi in diesem Friedhof begraben liegen, obwohl ihre Zahl ungefähr eine halbe Million beträgt, wo die anderen beerdigt wurden und wieso so wenige in Medina zurückgeblieben waren. Dann erinnern wir uns an Ebu Eyyup el-Ensari (Friede sei mit ihm). Er war einer von den ersten Sahabi in Medina, der zum Islam konvertierte. Er hatte die Ehre, unseren Propheten sechs Monate lang bei sich zu Hause willkommen zu heißen. Er stand dem Propheten in allen Situationen zur Seite und zog sich auch zu Zeiten der Kalifen nicht zurück. Als er das Alter von neunzig Jahren weit überschritten hatte, ritt er mit den Kriegstruppen bis nach Istanbul vor, wo er dann vor dessen Toren seine Ruhe fand. Keiner würde es ihm übel nehmen, falls er wie folgt gedacht und gehandelt hätte: „Ich bin einer der ersten Muslime. Ich stand mein Leben lang immer dem Propheten (saw) zur Seite und öffnete ihm mein Haus. Ich habe für meine Religion getan was in meiner Macht stand. Nun habe ich das fortgeschrittene Alter erreicht und habe es verdient, nach dem Tod in der Nähe von Rasulallah begraben zu liegen.“

Keiner hätte irgendeine Einwendungen gehabt. Er entschied sich aber für die selbstlose Aufopferung seiner für den Islam und wurde zu einer Leitfigur für die späteren Generation.

Es gibt Zehntausende Sahabis wie Ebu Eyyup el-Ensari, die ein Vorbild darstellen. Da ist zum Beispiel die Tante des Propheten Hala (Friede sei mit ihr), die in Zypern beigesetz wurde. In Anatolien verstreut ruhen in fast jeder Stadt Freunde des Propheten Muhammed (saw) „Meine Ummah sind wie die Sterne, egal welchen ihr auswählt, um seine Tugend anzunehmen, seid ihr gerettet“, waren die treffenden Worte unseres Propheten.(Ahmed bin Hanbel, Tirmizi)

Morgen werden wir inschaallah unseren Ausflug fortsetzen.

M. Hulusi Ünye

29.12.2005

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