Gemeinschaft

Begriffe des Chaos -Chaos der Begriffe

01. November 2007

Dabei ist die Verbandsgeschichte natürlich eng verwoben mit der Migrationsgeschichte

türkischer Arbeitskräfte, die zunächst für einen begrenzten Zeitraum aus ökonomischen Gründen nach Europa kamen. Es war nicht die „Bildungselite“ der Türkei die ihr Glück in Europa versuchen wollte, nein, es waren vor allem Angehörige so genannter „bildungsferner Schichten“, die dem Ruf europäischer Arbeitgeber gefolgt sind. Das bei ihrer Selektion, ihre körperliche Statur mehr als ihr geistiges Potential als Auswahlkriterium diente, ist ein Faktum, das die erste Einwanderer-Generation mit einem bittersüßen Lächeln bestätigt.

Die diversen Entwicklungsstufen, also zunächst befristete Bleibeabsicht, Familiennachzug und dann dauerhafte Bleibeabsicht, die dem Anwerbeabkommen mit der Türkei folgten, sind bekannt und wurden an verschiedener Stelle wissenschaftlich beschrieben. Ein Aspekt, der bei der Aufarbeitung der Migrationsgeschichte aus unserer Sicht nicht ausreichend gewürdigt wird, aber für die Entwicklung eines islamischen Gemeindelebens in Europa maßgeblich war, ist, dass der türkische Staat, der die nach Europa ausgewanderten Menschen bis in die 80´er Jahre hinein in ihren religiösen Belangen sich selbst überlassen hat. Was auf den ersten Blick im europäischen Kontext selbstverständlich erscheint, nämlich, dass Religion von Religionsgemeinschaften organisiert wird, ist es, mit Blick auf die institutionelle Verwurzelung des Islam in den Staatsstrukturen der Türkei, dann doch nicht mehr.

So spielte in unserer eigenen Verbandsgeschichte bei der Gründung der ersten Moscheevereine und Dachverbände die religiöse Grundversorgung der muslimischen Zuwanderer zwar eine wichtige Rolle, dennoch galt von Anfang an hinsichtlich der inhaltlichen Ausgestaltung der Anspruch, „die alten Zöpfe“ im Sinne eines als tradiert und staatlich reglementiert empfundenen Religionsverständnisses abzuschneiden. Stattdessen sollte immer mehr der türkische Begriff „Suur“, also das bewusste

Praktizieren des Glaubens, in den Mittelpunkt der Glaubens- und Lebenspraxis treten.

Vieles wurden hinterfragt, wobei die zentralen Fragen lauteten: Was erwartet der Schöpfer von mir? Welche Verantwortung resultiert hieraus für mich und für meine Rolle in der Gesellschaft? Wie werde ich dieser Verantwortung gerecht?

Im Lichte dieser Fragen galt der für die türkische Gesellschaft typische unbedingte Obrigkeitsgehorsam und die Verbannung des Religiösen in die Privatsphäre als nicht länger hinnehmbar. Nein, „der Islam war mehr als nur Privatsache“ zwischen Schöpfer und Geschöpf, er hatte eine gesellschaftliche Dimension und der galt es Gehör zu verschaffen. Das sagte man nicht nur in Deutschland und Europa, sondern natürlich auch in der Türkei.

Der beschriebene grundsätzliche Gestus ist wichtig, um unser Selbstverständnis in der Gründungsphase unseres Verbandes nachzuvollziehen. In einer Zeit, in der es scheinbar nur die Wahl zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten gab, schickte sich eine neue Generation von Muslimen an, eine Alternative zu diesen Systemen aufzuzeigen. Weder der Westen, noch der Osten allein konnte nach diesem Verständnis die Antworten auf die brennenden Fragen dieser Zeit liefern. nein es waren die eigenen religiösen Quellen denen man sich „bewusster“ zuwenden musste.

Mit dem Untergang der Sowjetunion und der Kapitulation des Kommunismus als ideologische Alternative vergrößerte sich die Gewissheit für den eigenen Ansatz. Der Islam war nun die einzige Alternative zu all den Konzepten und Werten, die uns der über den Kommunismus obsiegende Westen zu bieten hatte.

Dabei speiste sich die Ablehnung dieser Werte nicht vornehmlich aus einer religiös fundierten Auseinandersetzung mit den selbigen, sondern vor allem aus der in der politischen Praxis an den Tag gelegten „Doppelmoral“ in puncto Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte. Dieser Doppelmoral entzog der Islam mit dem ihm ureigenen Grundprinzip der „Gerechtigkeit“ den Boden. Dementsprechend galt es als gewiss, dass Muslime im Lichte eines „gerechten“ Ansatzes dauerhaft wahre Demokratie, eine gerechte Marktwirtschaft und die Wahrung von Menschenrechten als Quell von Frieden und Wohlstand für die Menschheit gewährleisten können.

Bei einer nüchternen Betrachtung im Jahre 2007 kann man konstatieren, dass es nach wie vor eine tiefe, auch religiös begründete Überzeugung gibt, dass auf der Grundlage eines richtig praktizierten Islam Frieden und Gerechtigkeit hergestellt werden können. Die Frage des „wie“ ist jedoch mehr denn je mit vielen Fragezeichen und Ungewissheiten versehen. Ungewissheit über Begriffe, Definitionen und auch über konkrete Ausformungen eigener „alternativer“ Lösungsansätze.

Warum eigentlich?

Was genau ist in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des Ostblocks passiert, dass uns veranlasst, unsere bisherigen Ansätze kritisch zu reflektieren?

Zunächst einmal gilt wohl, dass es weltweit nach wie vor kein Vorzeigemodell gab und gibt, dass den eigenen Anspruch hinsichtlich eines alternativen Gesellschaftsmodells ausreichend untermauert. Selbst da, wo Gestaltungsmöglichkeiten, insbesondere in Form von Regierungsverantwortung möglich wurden, offenbarte sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Konzepte.

Darüberhinaus hat der unaufhaltsame Siegeszug des als „Globalisierung“ daherkommenden ungezügelten Kapitalismus, auch am Selbstverständnis der Muslime gerüttelt.

Was bis Mitte der neunziger Jahre noch als Auseinandersetzung auf Augenhöhe verstanden wurde, geriert sich aus Sicht der Muslime, im Lichte eines als maßlos empfundenen Überlegenheitsanspruches insbesondere mit dem ausgerufenen weltweiten Krieg gegen den sogenannten „islamisch“ motivierten Terrorismus immer mehr als Kampf einer „überlegenen“ Zivilisation gegenüber „rückständigen“ Zivilisationen.

Als in Europa lebende Muslime bleiben auch wir von den Folgen dieser weltweiten Auseinandersetzungen nicht verschont. Immer mehr und lauter fragen wir uns, ob wir tatsächlich“neue Antworten“ in unseren Quellen suchen oder vielmehr als Folge unserer Sozialisation im europäischen Kontext, aber auch aufgrund des gesellschaftlichen Anpassungsdruckes der auf Muslimen in Europa besonders lastet, die Antworten, die von uns gewünscht oder gefordert werden, schon längst wissen und versuchen diese „religiös“ abzusegnen.

Egal um welche Themenstellung es geht, ob Demokratie, Menschenrechte, Verfassung, Marktwirtschaft, Freiheit, Geschlechtergleichheit, wie selbstverständlich spulen wir Muslime „Bekenntnisformeln“ ab und sehen natürlich auch keinen Widerspruch zu den uns eigenen Quellen.

Die Liste kann dann auch beliebig fortgeführt werden. Gegen dieses veränderte Religionsverständnis, das seinen Niederschlag natürlich auch in unserem Verband findet, regt sich in der eigenen Gemeinschaft, aber auch unter muslimischen Intellektuellen außerhalb Europas natürlich auch teilweise erbitterter Widerstand.

Widerstand gegen ein als allzu unterwürfig empfundenes Islamverständnis. Dabei gilt jedes neue Bekenntnis zu westlichen Konzepten und die quasi religiöse Absegnung derselbigen als verzweifelter Versuch dem obsiegenden westlichen Wertesystem eine islamische Legitimation zu verschaffen.

Innergemeindliche Spannungen sind bei den aufeinanderprallenden Vorstellungen vorprogrammiert. Und schnell fallen dann auch Begriffe wie „Euro-Islam“ oder „Moderater Islam“, die Inbegriffe „imperialistischerUnterwerfungskonzeptionen“, die zum Ziel haben, dem Islam seinen  Gestaltungsanspruch als gesellschaftliche Alternative auszutreiben.

Entsprechend groß ist die Skepsis, die insbesondere der jungen Funktionärsgeneration in unserem Verband entgegen schlägt.

Schnell werden die immer wieder eingeforderten Debatten um die inhaltliche und thematische Neuausrichtung in den Kontext oder vorgenannten Schlagwörter und Auseinandersetzungen gestellt.

Der Schlüsselbegriff der wohl die Situation, in der wir uns als Verantwortliche befinden, am besten zusammenfasst, lautet „Misstrauensdiskurs“. Und als ob der „Misstrauensdiskurs“ aus den eigenen Reihen nicht reichen würde, macht uns darüberhinaus die s.g. „Mehrheitsgesellschaft“ mit ihrer vom globalen Terrorismus geprägten Erwartungshaltung gegenüber Muslimen das Leben schwer. Was wir nicht alles machen müssen um unseren Platz in der Gesellschaft als gleicher unter gleichen einzunehmen. Den Koran historisieren, sich vom Dschihad distanzieren, das Kopftuch ablegen, jeglicher Politisierung des Glaubens abschwören usw“¦

Viele Dinge sind ins Schwimmen geraten und sie sind nicht einfach in die Kategorien „schwarz“ und „weiß“ einzuordnen, wie ich das zugegebener Maßen mit einem gewissen Hang zur Überspitzung getan habe.

In einem solchen Spannungsfeld kann es eine ernsthafte Verbandsführung nicht allen gleichermaßen Recht machen. Was wir auf jeden Fall nicht machen werden, ist unsere Unterschrift unter vorgefertigte “ eurokompatible“ Konzepte zu setzen, die man uns ohne auf unsere inhaltliche Mitwirkung überhaupt Wert zu legen, überstülpen will.

Genauso wenig lassen wir uns Diffamierungen unseres Ansatzes, unsere bisherigen Konzepte auf den Prüfstand zu stellen, gefallen, weil die Würdigung eines sich verändernden Lebensrahmens oder gesellschaftlichen Kontextes zu den ureigenen Dynamiken islamischer Theologie gehört.

Es muss dann eben nicht schmerzlich sein, sich einzugestehen, dass man auf der Suche nach vermeintlich islamischen Antworten auf gesellschaftliche Grundsatzfragen erkennt, dass bewährte Konzepte wie Demokratie oder soziale Marktwirtschaft dem eigenen Ideal von einem auf Gerechtigkeit fußendem System am nähesten kommen, ohne dass sie gemeinhin als „islamische“ Konzeptionen gelten.

Das schmälert weder die Bedeutung unserer Religion, noch kann es uns davon abhalten, im Lichte unserer religiösen, kulturellen und also zivilisatorischen Wurzeln unseren gesellschaftlichen Mitgestaltungsanspruch mit Werten wie Brüderlichkeit, Solidarität, Mitgefühl und Barmherzigkeit aufrecht zu erhalten.

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