Gemeinschaft

Das Opferfest In Nigeria II

21. Dezember 2009

Weit weg von zu Hause in Afrika, dort wo die Zeit langsamer zu vergehen scheint, machte sich manch einer von uns Gedanken darüber, was es eigentlich heute bedeutet zu Opfern. Was es für den europäischen Muslim bedeutet, der die Opfertiergabe aus Solidarität mit seinen Geschwistern in Afrika, Asien und sonst wo teilt und was es für denjenigen bedeutet, der in irgendwelcher Form in den Zielländern der Opfertierkampagne, hier in Nigeria, mit diesem Akt des Teilens in Berührung kommt, ungeachtet der Religion, ethnischen Zugehörigkeit und des Geschlechts.

Eigentlich kann man es oft den Gesichtern der Menschen ablesen, welchen tiefgreifenden Sinn die Opfertierkampagne der IGMG dem Opfern und dem Opferfest zusätzlich verleiht; und zwar jenes des Zusammentreffens der Umma. Wir durften in Kano dieses Gefühl, ja diese Gewissheit erleben. Unsere Delegation wurde stellvertretend für die Muslime in Europa sehr herzlich empfangen. Es schien fast so, als würden wir aufgrund der vielen Empfänge, zu denen wir allesamt eingeladen wurden, gar nicht zu der Durchführung der Kampagne kommen. Doch unsere Delegation wurde von so vielen ehrenamtlichen Helfern tatkräftig unterstützt, deren Namen wir noch nicht mal alle haben erfahren können. Aber zunächst zurück zum Festtagsgebet am Vorplatz des Fußballstadions.

Märchenhafte Feierlichkeiten zum Opferfest

Die Menschen standen schon in den Gebetsreihen, den Saf, als wir auf das Gelände gefahren wurden. Zusammen mit dem Gouverneur von Kano, Ibrahim Shekarau und den Ministern nahmen wir als Ehrengäste in den ersten Reihen Platz. Aus den Lautsprechern hörte man Koranrezitationen und Ansprachen in der Volkssprache haussa. Wir warteten auf das Eintreffen des Emirs von Kano, um mit dem Gebet anzufangen. Rings um uns herum saßen Männer in wunderschönen Gewändern. Es war wie eine zum Leben erweckte Geschichte aus 1001 Nacht.

Nach dem Gebet fuhren wir zusammen mit dem Gouverneur und den Ministern durch die Straßen. Am Straßenrand standen tausende fröhlicher Menschen in bunten Gewändern, sie winkten, lachten, tanzten, sangen und klatschten. Wir durften schließlich als einzige Ausländer den Palast des Emirs betreten und nahmen wieder neben den Ministern auf einer Terrasse Platz und sahen uns die Reiterspiele, die Durbar, an. Unten auf dem Gelände hatten sich wieder Zehntausende versammelt. Es scheint so, als hätten wir für einen Moment vergessen, dass das Leben hier alles andere als leicht ist. Doch auf dem Weg zu unserer Dependance, unweit vom Emirs Palast entfernt, holte uns die Wirklichkeit wieder ein. Am Straßenrand versuchten Verkäufer selbst am Festtag mit dem Verkauf von Telefonkarten, Obst und Süßigkeiten den täglichen Bedarf ihrer Familien abzudecken. 6000 Naira, also rund 25 Euro ist das durchschnittliche Monatseinkommen einer Familie in Kano.

Bildung ist für die allermeisten Familien nicht bezahlbar

Unsere Partnerorganisation hatte schon vor unserer Ankunft in Kano eine Vielzahl von Opfertieren gekauft und sie auf einem Regierungsgelände weiden lassen. Die Nebenkosten der Kampagne, wie Transport und Tiernahrung, hat der Gouverneur von Kano übernommen und somit die Einkäufe der benötigten Anzahl von Tieren gesichert. Es ist nämlich nicht ganz einfach in wenigen Tagen hunderte Opfertiere zu einem angemessenen Preis zu finden. Diese Erfahrung mussten wir noch machen, als am Festtag in Deutschland eine große Anzahl von Opfertierspenden einging und die Opfertierkommission in Kerpen uns anfragte, ob wir nicht weitere Tausend Opfertieranteile schächten können.

Nach dem Festtagsgebet hat sich unsere Delegation in zwei Gruppen aufgeteilt, um die Schächtungen und die ordnungsgemäße Verteilung des Opfertierfleischs zu beaufsichtigen. Ein Schwerpunkt der Kampagne an diesem Freitag waren die staatlichen Schulen in Kano. Dort konnten wir uns nebenbei ein Bild über die Bildungssituation machen. Eine Grundschule, die wir besuchen durften, hatte rund 2800 Schüler, die von nur 48 Lehrern unterrichtet werden. In den Klassen standen weder Stühle noch Tische. Die Kinder sitzen auf dem Boden aus Beton, nur für den Lehrer steht ein Hocker aus Holz. Die Kinder lernen in der Grundschule hauptsächlich Englisch, Mathematik und die Volkssprache. Die allermeisten Eltern können sich die weiterführende Schule nicht leisten, erzählt uns der Schuldirektor. Deshalb sei die Grundschule für viele Kinder die einzige Möglichkeit sie auf das Leben vorzubereiten.

Die zweite Gruppe hatte unter anderem auch das staatliche Zentrum für behinderte Kinder besucht. Sie berichteten davon, wie einige von Ihnen kalligraphisch Bücher ausschmückten. Ein anderes Mitglied unserer Delegation verteilte vor unserem Büro das Opfertierfleisch an bedürftige Menschen, die durch das Sozialministerium festgelegt wurden. Die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen einerseits und dem Sozialministerium andererseits ermöglichte uns eine sehr breitflächige Verteilung der Opfertiergaben aus Europa. An den nächsten beiden Festtagen hat unsere Delegation ihre Arbeit in drei weiteren Bundestaaten und in den Dörfern fortgeführt. Dazu und über weitere Empfänge werden wir in Teil 2 berichten.

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