Gemeinschaft

Dekadenz versus Fanatismus?

17. Februar 2006

Die Formel scheint einfach zu sein: auf der einen Seite ist die aufgeklärte westliche Welt der Gutmenschen, die glaubt, in der evolutionären Entwicklung des Menschen die Phase der Religion überwunden zu haben und stattdessen „Ersatzreligionen“ wie Demokratie, Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit geschaffen zu haben, die jetzt von einem rückständigen, engstirnigen, intoleranten, humorlosen und fanatisierten Kulturkreis bedroht wird und die es gilt zu verteidigen. Es wäre so schön einfach zu begreifen, wenn alles schwarz oder weiß wäre.

Die aktuelle eskalierende Auseinandersetzung um die sog. „Muhammad-Karikaturen“ hat verschiedene Ebenen aber auch unterschiedliche Gründe. Da spielen Religion, Nationalität, Politik, Kultur und schlichtweg Kommunikationsprobleme unter den Kulturen eine große Rolle. In erster Linie entlädt sich eine latente, hoch aufgestaute Aversion gegenüber der Arroganz des Westens gegenüber dem Rest der Welt, insbesondere aber der muslimischen. Und hierzulande fragt man sich, wie man wegen einiger „harmloser“ Karikaturen so einen Aufstand machen kann. Mir will scheinen, dass wir es auf beiden Seiten darauf angelegt haben, uns bewusst nicht zu verstehen oder zumindest nicht verstehen zu wollen.

Zunächst einmal mag es viele Europäer im Jahre 2006 noch verwundern, dass wir Muslime immer noch eine unermesslich große Liebe zu unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) empfinden und eine unerschütterliche emotionale Bindung für ihn hegen. Er ist Teil unseres (Glaubens)bekenntnisses. Denn die Glaubensformel im Islam lautet: „Ich bezeuge, dass es keine andere Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist!“ Wer dieses ausspricht und beherzigt, wird Muslim; so einfach ist es. Muhammad (Friede sei mit ihm) genießt also eine zentrale Rolle in unserer Religion. Ihm zu Liebe ist das Universum erschaffen worden und wir können nur dann wahre Gläubige werden, wenn wir ihn mehr verehren und lieben als unsere Eltern, Ehepartner, Kinder und all unseren Besitz. Er ist unser Vorbild in allen Lebenslagen und er ist der Koran in praxi. Er hat uns die Botschaft Gottes übermittelt und vorgelebt. Vor allem aber lieben wir ihn, weil er ein Mensch war wie du und ich, mit Emotionen, Humor und einem unveräußerlichen Glauben, aber dennoch übermenschliche Eigenschaften besaß.

Dieses vorausgeschickt müsste es jedem einsichtigen Menschen einleuchten, dass man diese zentrale Persönlichkeit unserer Religion nicht unwidersprochen karikieren kann, wo wir ihn nicht einmal abbilden dürfen, um ihn eben wegen seiner menschlichen Natur nicht mit Gott gleichsetzen dürfen. Nach Erscheinen dieser Karikaturen sind nahezu alle Muslime zutiefst bestürzt und verletzt, unabhängig davon, wie religiös sie sind. Sogar ein säkularer Muslim, der es mit den Eß- und Trinkgeboten im Islam nicht so ernst nimmt, ist zutiefst beleidigt, weil der Kern seiner Überzeugung angegriffen wurde. Mit Humor und Satire haben die Karikaturen wenig zutun, weil z.B. in einem Bild unser Prophet vom Gesicht her eine Symbiose von Saddam Hussein und Usama bin Laden darzustellen scheint und mit der Lunte im Turban quasi einen „Terrorpropheten“ assoziieren soll. Man denke an den „Stürmer“ in der Nazi-Zeit, in der in ähnlicher Form ein subtiler Rassismus gegenüber Juden propagiert wurde; abgesehen davon, dass die „Avantgardisten“ der so geheiligten Pressefreiheit z.B. mit den Symbolen der Juden nicht so umzugehen wagen würden, aber uns Muslimen scheint man mittlerweile eine Menge zuzumuten.

In der Schule haben wir gelernt, dass Gewaltenaufteilung zu den Wesenszügen einer Demokratie gehört und die Medien unabhängig von politischer Intervention berichten dürfen. Insofern ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum ein Ministerpräsident sich für das Schandmaul bestimmter Journalisten in seinem Land entschuldigen soll, aber wenn wir ehrlich sind, so ist die Trennlinie zwischen medialer und politischer Macht nicht scharf von einander zu trennen. Oder wie frei und unabhängig ist die Presse denn in Berlusconis Italien? Wie viel Pressefreiheit gibt es in Deutschland, wenn der Springer-Verlag quasi per Ministererlass noch mehr Macht bekommt und bestrebt ist, eine Monopolstellung aufzubauen, weil jeder Politiker befürchten muss, andernfalls durch die Bild-Zeitung auseinander genommen zu werden? Oder wie sollen wir es deuten, wenn viele gute Projekte und Initiativen im Bereich der Dialog- und Sozialarbeit in Hamburg unter maßgeblicher Beteiligung der Muslime durch die Springer-Presse notorisch ausgeblendet werden. Sind wir nicht in den letzen Jahren nach dem 11.9. all zu oft zuerst von den Medien verurteilt und anschließend von Politikern bevormundet worden, die sich teilweise in Islam-Fragen zu Muftis hochstilisiert haben und uns „ihren europäischen aufgeklärten“ Islam nahe gelegt haben? Genauso wenig wie Guantanamo und Abu Ghraib dazu beigetragen haben, dass wir Muslime Folterverbot und Menschenrechte nach westlichem Modell lieben gelernt haben, genauso hilfreich ist der Beitrag vieler selbstherrlicher Redakteure, die ihr Position nur einseitig, und dann leider anti-islamisch, missbrauchen. Wir erwarten keine pro-islamische Propaganda, aber wenn sie Kritik an uns üben, was erwünscht und legitim ist, dann bitte auch über gute Dinge berichten, die die Muslime ja nun im letzten halben Jahrhundert zum Gelingen des Wohlstandstaates Deutschland mit beigetragen haben, ohne dabei unsere Werte zu verhöhnen.

Angesichts der Jahrhunderte währenden Konflikte und Despotien in Europa hat man einen positiven Weg eingeschlagen und sich eine nachhaltige demokratische und freiheitliche Grundordnung gegeben. Wir Muslime wollen nicht die Presse-, Kunst-, Meinungs- sowie Religionsfreiheit abschaffen, denn wir sind eine der Gruppen, die von dieser freiheitlichdemokratischen Grundordnung womöglich den größten Nutzen hat. Die meisten Muslime in Deutschland kommen aus Staaten, in denen diese Werte unterdrückt werden. Wir wissen um den Wert der Freiheit. Dass ich in dieser Zeitung schreiben darf, ohne zu befürchten, dass ich zensiert oder gar anschließend verhört werde, ist ein hohes und zu schützendes Gut. Was wir wollen ist ein Mindestmaß an Respekt und Toleranz im Umgang mit unseren Heiligkeiten.

Sie werden keinen Muslim finden, der die zentralen Persönlichkeiten des Juden- und Christentums in einer ähnlichen Form beleidigen oder karikieren würde. Denn nach unserem Glaubensverständnis, sind Moses, Jesus, Maria u. v. m. hoch verehrte Persönlichkeiten auch des Islam. Die Verhöhnung von ihnen verletzt uns genau so wie im Falle Muhammads. Es ist für uns Muslime schwer vorstellbar, womit man noch Europäer beleidigen kann. Es scheint nichts Spirituelles mehr in Europa zu geben, dessen Verhöhnung die Menschen hier auf die „Palme“ bringen würde. Exemplarisch für diesen Mentalitätsunterschied in der Wahrnehmung des „Anderen“ ist der Film von Martin Scorsese „die letzte Versuchung Jesu“, der die europäischen Muslime mehr verärgert hat als die Christen oder das Theaterstück „Corpus Christi“, in dem die verehrte Jungfrau Maria als Hure und die 12 Jünger als homosexuelle Brüder von Jesus dargestellt wurden. Abgesehen von einer fanatischen christlichen Gruppierung, die eine Bombe in einem Pariser Kino explodieren ließ, in dem der Film gezeigt worden ist, kam ein spürbarer Protest doch nur von Muslimen. Und als ein Künstler in England das christliche Kreuz aus Kuhmist goss und dieses als sein „Kunstwerk“ bezeichnete, konnte ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Die Assoziation von Fäkalien mit dem Glauben ist für uns Muslime unvorstellbar und schlichtweg geschmacklos.

Wie viele Ereignisse müssen noch in der Welt passieren, bis auch der letzte Mensch in Untertutzingen merkt, dass die Muslime anders reagieren, wenn die zentralen Figuren und Symbole ihrer Religion verhöhnt werden. Spätestens nach den Reaktionen der Muslime weltweit in der Rushdie-Affäre; nach dem Auftritt von Claudia Schiffer mit einem aus Koran- Versen dekorierten Kleid in einer Modenshow; der Nike-Werbung um Schuhe, die den Namen „Allah“ an ihren Sohlen trugen sowie der Coca-Cola-Werbung mit sich niederwerfenden Muslimen vor Cola-Flaschen usw. müsste es jedem zu Ohren gekommen sein, dass wir das beschützen, was für uns wertvoll ist. Wir Muslime nehmen unseren Gott und Seine Propheten ernst und es ist Bestandteil des Ehrgefühls, jegliche Verunglimpfung von ihnen fernzuhalten. Es ist schwer zu begreifen, warum jemand trotzdem diese unsäglichen Karikaturen veröffentlichen muss. Noch weniger zu verstehen ist, warum andere Zeitungen in vielen europäischen Staaten darin wetteifern, diesen Fehler zu kopieren und glauben, uns Muslime auf diese Art und Weise zur Fortschrittlichkeit, Moderne und Liberalität erziehen zu können.

Auf der anderen Seite ist die islamische Welt, die sich darin bestätigt fühlt, wie dekadent und moralisch verkommen der Westen bereits ist, in dem es keine Tabus mehr zu geben scheint und unter dem Deckmantel der Meinungs- und Pressefreiheit nahezu alles verhöhnbar, karikierbar oder beleidigbar ist. Die islamische Welt ist in Aufruhr und gereizt. Solche Anlässe wie die Karikaturen sind ein gefundenes Fressen für die „Nepper, Schlepper und Bauernfänger“ der Seelen und Emotionen von den jungen oft perspektivlosen Muslimen, um die Spannungen und den Unmut im eigenen Lande Richtung Westen zu kanalisieren. Dabei sind es nicht die muslimischen Geistlichen, die die Situation anheizen – man erinnere sich an die Bilder, wo ein Imam verzweifelt randalisierende Jugendliche zurück zu drängen versucht – , sondern die oft säkularen, despotischen und korrupten Usurpatoren der islamischen Welt, die den Willen ihres eigenen Volkes nach mehr Demokratie und Freiheit oft und gerne blutig in den Wind schlagen. Sie instrumentalisieren die Empfindungen der Massen und lenken von ihren eigenen Problemen im Lande ab. Sie stricken eifrig an der Prophezeiung von Huntingtons „clash of civilizations“, genauso wie ein Teil der Journalisten in Europa. Und die friedliebenden breiten Massen auf beiden Seiten schauen hilflos zu, wohin die Welt driftet.

Ich möchte klarstellen, dass ich sicherlich Verständnis für die Verärgerung der Muslime habe und dass sogar eine zivilisierte Form der Kritik an dänischen Medien erlaubt ist, die bis hin zur persönlichen Entscheidung gehen darf, bestimmte Produkte zu boykottieren. Denn ich würde auch nicht in einem Kiosk meine Zeitung kaufen, in der ich bereits nach dem Eintritt mit wüsten Beschimpfungen konfrontiert werde. Aber die rote Linie ist dort, wo Botschaften zerstört, Journalisten mit dem Tode bedroht oder Zivilisten, nur weil sie Europäer sind, entführt werden. Mein Verständnis hört aber da auf, wo der Mob auf die Provokation reinfällt und auf diese Weise die weltweite Entstellung meiner Religion, die im wahrsten Sinne des Wortes „Frieden“ bedeutet, vorantreibt. Ich bin der Meinung, dass wir Muslime erst die Feinde des Islam zu Helden machen, weil wir unangemessen und überzogen reagieren. Wenn wir Salman Rushdie ignoriert hätten, wäre er in die Menschheitsgeschichte eingegangen als eine literarische Eintagsfliege und niemand hätte ihn gekannt. Und über 40 Muslime wären wahrscheinlich noch am Leben, wenn sie nicht weltweit in Anti-Rushdie-Demonstrationen von Sicherheitskräften erschossen worden wären. Auch die Karikaturen wären drauf und dran gewesen, begraben zu werden, wenn nicht die Trommeln geschlagen worden wären. Dennoch ist es aber auch symptomatisch für den Westen, immer diejenigen „Kronzeugen“ gegen den Islam in Schutz zu nehmen, die am lautesten gegen den Islam wettern: Salman Rushdie, Ayan Hirsi Ali, Necla Kelek, Seyran Ates, etc. Unbestritten ist, dass diese Personen bedauerliche Einzelschicksale darstellen, aber sie entziehen einer sachlichen Auseinandersetzung mit der muslimischen Community auch gleichzeitig den Boden, so dass ein Großteil der Medien und Politik im Westen gerade deshalb an Glaubwürdigkeit verliert, weil er sich einseitig und tendenziös mit denen solidarisiert, die ja nun beim besten Willen keine objektive Position gegenüber ihrem ursprünglichen Kulturkreis vertreten können.

Dennoch bleibt die Frage: wie gehen wir Muslime künftig mit Exzessen dieser Art um? Wie hätte Muhammad (Fsmi) auf diese Verhöhnungen reagiert? Aus den Überlieferungen wissen wir, dass er von seinen Gegnern, verhöhnt, belächelt, gemobbt, sanktioniert, geschlagen und gedemütigt worden ist. Man hat Gedärme von Tieren auf sein Haupt geschüttet, als er sich vor Gott verneigte. Wenn er zur Ka’aba ging, hat man ihm Dornen auf den Weg gelegt und ihn mit Steinen beworfen. Diese Demütigungen müssen sogar für Gott so herzzerreißend gewesen sein, dass er unserem Propheten bot, die Bewohner der Stadt Taif dem Erdboden gleich zu machen, aber er entgegnete nach dem Prinzip Jesu „..denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Nach der friedlichen Eroberung Mekkas, hat er keine Rache an seinen Peinigern geübt. Wir lieben ihn, weil wir fehlbar sind und er uns eine übermenschliche Güte dargeboten hat.

Wir können so weiter machen wie bisher und die Gräben vertiefen, für Hass und Gewalt den Nährboden bereiten und am „Kampf der Kulturen“ weiterstricken, um den Endkampf womöglich bis hin zu einem Atomkrieg auszufechten, wonach die Erde wohl für alle Menschen keine Heimstätte mehr sein dürfte. Oder wir werden unserer Verantwortung als Stellvertreter Gottes auf Erden bewusst und besiegen unseren Groll gegeneinander. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Eiferer in unseren eigenen Reihen in die Schranken zu verweisen und das Gespräch miteinander zu suchen, uns zusammen- aber auch in und mit manchen unangenehmen Fragen auseinander zu setzen. Denn „vielleicht wird Allah Liebe setzen zwischen euch und denen unter ihnen, mit denen ihr in Feindschaft lebt; denn Allah ist allmächtig und Allah ist allverzeihend, barmherzig. Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gnädig zu sein und gütig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt diejenigen, die Güte zeigen“. (der heilige Qur’an, Kapitel 60, Vers 7-8)

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Der Autor ist Vorsitzender der Schura, des Rates der islamischen Gemeinschaften in Hamburg und Geschäftsführer des seit einem Jahr bestehenden Prozesses der „Einheit der Muslime in Deutschland“, der eine neue föderale Neustrukturierung der islamischen Gemeinden auf Bundesebene beabsichtigt.

Mustafa Yoldas

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