Pressemitteilung

Ehrlicher Dialog !?!

03. Dezember 2003

Vertreter aller islamischen Dachverbände und Vereinigungen nehmen seit geraumer Zeit mit Erstaunen Kommentare und öffentliche Äußerungen ihrer vermeintlichen Dialog-Partner im interreligiösen Dialog zur Kenntnis und wahren meistens Stillschweigen darüber. Doch insbesondere Themen wie das Kopftuch im Lehramt oder der neue EU-Verfassungsentwurf und die ständigen Vorwürfe selbsternannter „Islam-Experten“, die ihnen vorwerfen, blauäugig bis blind im Gespräch mit den muslimischen Partnern zu sein, fördern Ansichten zu Tage, die so in den direkten Gesprächen nicht thematisiert werden.

Und so kennt jeder das Prozedere. Man organisiert Veranstaltungen, die dem Dialog der Religionen dienen sollen. Auf diesen in andächtiger Stimmung abgehaltenen Treffen versichert man sich gegenseitig die Wertschätzung und hofft auf eine fruchtbare Zusammenarbeit für die Zukunft. Für das Protokoll werden diese Veranstaltungen dann noch mit Hinweisen auf die eingeforderte Verfassungstreue und die Aufforderung sich schärfer von Gewalt und Extremismus abzugrenzen und insgesamt transparenter in den Strukturen zu sein, ausgeschmückt. Allesamt Forderungen, die bei den Muslimen ohnehin offene Türen einrennen. Doch sei es drum, wichtig ist das Gespräch. Aber sobald in der Medien- oder Wissenschaftslandschaft diese Veranstaltungen ein Echo hervorrufen, werden die freundlichen Bekundungen zumeist relativiert. Mal wird darauf verwiesen, dass man keinen Dialog führt, sondern nur miteinander spricht. Ein anderes Mal spricht man den muslimischen Gesprächspartnern die Vertretungsberechtigung ab oder verweist mit freundlichem Nachdruck darauf, dass man mit den „politisch Korrekten“ Muslimen spricht und nicht mit den vom Verfassungsschutz beobachteten.

Diese Aussagen führen auf muslimischer Seite zwar zu Kopfschütteln und Frust. Dennoch wird um der weiteren Zusammenarbeit Willen, meist gute Miene zum zumindest „unhöflichem“ Spiel gemacht. Hauptsache man hat die Gelegenheit im direkten Gespräch zu bleiben, um eventuelle Meinungsumschwünge zu bewirken. Ein schmaler Grat zwischen unbedingtem Gesprächswillen und Anbiederung, wenn man manche öffentlichen Äußerungen von Spitzenvertretern der Muslime kritisch betrachtet.

Noch interessanter wird es, wenn unsere Partner im interreligiösen Dialog sich zu gesellschaftspolitisch brisanten Themen äußern, ohne das Muslime dabei sind. Ausgewählte Beispiele zur Verdeutlichung: So fand es ein deutscher Kardinal unerträglich, dass man aus Rücksicht auf Muslime keine vernünftigen Weihnachtsfeiern mehr in den Kindergärten abhalten könne. Ein anderer Bischof erklärt zur Frage des Kopftuches, dass das dahinter stehende Verständnis vom Verhältnis der Geschlechter unvereinbar mit der deutschen Rechtsordnung sei. Eine prominente Vertreterin einer christlich-islamischen Organisation schlägt vor, nur mit Menschen und nicht mit Vereinigungen zu sprechen. Wieder ein anderer Kardinal verlangt einen expliziten Bezug auf den christlichen Gott in der neuen EU-Verfassung und wirft dem Verfassungskonvent vor, mit Blick auf einen möglichen Türkei-Beitritt sogar gänzlich auf den Gottes-Bezug verzichtet zu haben. Ganz zu schweigen von dem Sturm der Entrüstung, den das Kruzifix-Verbot in Italien ausgelöst hat und die in Zusammenhang mit Muslimen seitens der Kirchenvertreter geäußerten haltlosen Vorwürfe. Diese Liste ließe sich ohne weiteres verlängern. Und so kommt man sich als Vertreter eines muslimischen Spitzenverbandes vor wie Sisyphos aus der griechischen Mythologie. Kaum ist man davor zu glauben, wichtige Schritte für die Integration der Muslime geleistet zu haben, kehrt man an den Anfangspunkt der Arbeit zurück und fängt von vorne an.

Eine ernsthafte Bilanz muss gezogen werden, natürlich ohne die Dialogbemühungen gänzlich in Frage zu stellen. Aber letztlich ist der Zeitpunkt längst gekommen, zu fragen, ob man diese Probleme nicht zum Thema der Gespräche mit unseren „Dialog-Partnern“ machen will. Auch der Streit gehört zum Gespräch und im Übrigen gilt das türkische Sprichwort, dass tiefe Freundschaften aus einem innigen Streit erwachsen. Weder die Unterteilung von Muslimen in gute und schlechte, noch die ständige Infrage-Stellung der bestehenden muslimischen Strukturen sind geeignet, die Integrationsbemühungen zu einem Erfolg zu führen. Der kritische Umgang miteinander ist eine Vorraussetzung für einen aufrichtigen Dialog. Die Muslime sind emanzipiert und selbstbewusst genug, sich dieser Kritik zu stellen. Von den Gesprächspartnern erwarten die Muslime eine entsprechende Aufgeschlossenheit. 40 Jahre sind im Zusammenleben der Religionen verstrichen, ohne das die erforderlichen Fortschritte in Bezug auf Anerkennung und Respekt voreinander zu verzeichnen sind. So kann es nicht weiter gehen und es liegt innerhalb unserer Möglichkeiten, dies zu ändern und aus dem Gespräch einen Dialog oder gar eine Partnerschaft zu machen.

Oguz Ücüncü

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