Gemeinschaft

Gedanken zum Opfern

25. Oktober 2007

Das Opfern (Kurbân) am Tage des Opferfestes ist eines der wichtigsten Gebote des Islams. Auch wenn es unterschiedliche Auffassungen unter Rechtsschulen und -gelehrten hinsichtlich der Verpflichtung zum Opfern gibt, behauptet keiner von niemand, dass dies ein völlig freigestellter Gottesdienst (Ibâda) sei.

Die Hanafiten betrachten das Opfern als eine Verpflichtung (wâdschib), während die anderen Rechtsschulen dieses als Sunna ansehen. Aber auch für die anderen Rechtsschulen ist dies kein Gottesdienst, der völlig auf freiwilliger Basis ohne jegliche Verpflichtung erbracht wird. So spielt das Opfern am Opferfesttag eine bedeutende Rolle in der muslimischen Gemeinschaft.

Das Opfern ist für uns ein Erbe des Propheten Ibrâhîm (as), dem Stammvater von Mûsâ (as), İsâ (as) und Muhammad (saw), dem Vater Ismâîls (as) und Ishâks (as), dem Großvater Jâkûbs (as) und Jûsufs (as) und dem Verkünder der Einheit des Schöpfers auf Erden.

Diese Andenken ist zugleich eines der Zeichen unserer Religion (Dîn). Das Opfern ist die innigste Art der Ergebenheit an den Schöpfer der Welten, an Allah. Um diese Ergebenheit verstehen zu können, muss man sich die Zeit von Ibrâhîm (as) und seinem Sohn Ismâîl (as) vor Augen halten und die Zeit des Propheten Muhammad (saw) verstehen, der diesen alten Brauch wiederbelebte.

Mag sein, dass es aus heutiger Perspektive schwer fällt, den Sinn des Opferns zu verstehen. Ohne die Bedeutung des Vater-Sohn Verhältnisses und der Familienverhältnisse zur Zeit Ibrâhîms (as) und Ismâîls (as) zu kennen, ohne das Gottesverständnis und die Vorstellung von der Erschaffung dieser Zeit zu verstehen, kann man den Sinn des opfern und des geopfert werden nicht verstehen. Und wir können dies auch nicht verstehen, wenn wir nicht berücksichtigen, was es unter den wirtschaftlichen Bedingungen zur Zeit des Propheten Muhammad (saw) bedeutete, einen wertvolles Eigentum wie das zu opfernde Ti­er, zum Woh­le an­de­rer her­zu­ge­ben.

Das Opfern repräsentiert die Verantwortung (Takwâ) und Aufrichtigkeit (Ichlâs) im Glauben, unsere Hingabe bei den Gottesdiensten und die Ergebenheit in den Schöpfer. Beispiele für dieses Gottvertrauen und für diese Ergebenheit werden uns der Koran in der Sure Saffât gezeigt. Nach der Überlieferung betete Ibrâhîm (as) zu Gott, damit dieser ihm einen Sohn gebe und sagte zu, getreu den Sitten der damaligen Zeit, diesen dann auch wieder dem Herrn zu opfern. Als die Zeit dafür gekommen war, sah Ibrâhîm (as) in einem Traum, wie er seinen Sohn Ismâîl (as) opferte und deutete ihn als Aufforderung zum Opfern seines Sohnes. Wenn dies ein Gebot des Herrn ist, so würde er ihm bei der Erfüllung dieses Gebotes helfen, sagte Ismâîl (as). Für diese Ergebenheit von Vater und Sohn sandte ihnen der Herr ein Schaf, das ihm dann als Opfer dargebracht worden ist.

Im Koran wird dies folgendermaßen erzählt. Ibrâhîm (as) sagte zu seinem Herrn: „O mein Herr! Gib mir einen rechtschaffenen (Sohn).“ Daraufhin kündigten Wir ihm einen gutmütigen Sohn an. Als dieser nun alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach er: „O mein Sohn! Siehe, ich sah im Traum, dass ich dich opfern müsste. Schau, was meinst du dazu?“ Er sprach: „O mein Vater! Tu, was dir befohlen wird. Du wirst mich, so Allah will, standhaft finden.“ Sobald beide sich (Allah) ergeben hatten und er ihn mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gelegt hatte, riefen Wir ihm zu: „O Abraham! Du hast das Traumgesicht bereits erfüllt!“ Wahrlich, so belohnen Wir die Rechtschaffenen. Fürwahr, dies war eine offensichtliche Prüfung! So lösten Wir ihn durch ein großes Schlachtopfer aus und bewahrten sein Ansehen unter den nachfolgenden (Generationen). „Friede sei mit Abraham!“ So belohnen Wir die Rechtschaffenen.“ [37:100] [37:101] [37:102] [37:103] [37:104] [37:105] [37:106] [37:107] [37:108] [37:109] [37:110]

Diese Verse erklären die Geschehnisse auf eindrucksvolle Weise. Sowohl die Ergebenheit des opfernden Ibrâhîm (as)  als auch des zu opfernden Ismâîl (as) treten in all ihrer Reinheit auf. Und diese Ergebenheit wird auch nicht nur sogleich belohnt, sie wird sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu einem dauerhaften Lohn.

Das Opfern ist auch ein Symbol des Widerstands gegen den Teufel (Schajtân), der die Menschheit durch seine Eingebungen zweifeln und straucheln lässt. Ebenfalls ist es ein Symbol des Widerstandes gegen den Teufel. Es wird überliefert, dass nachdem Ibrâhîm (as) den Traum, den er gesehen hatte und als Aufforderung zur Opferung seines Sohnes verstand, der Teufel in Panik fiel und versuchte ihn davon abzubringen. Doch der Teufel sah, dass er gegen das Gottvertrauen Ibrâhîms (as) nichts bewirken konnte und stellte sich in Mina, wo die Opferung geschehen sollte, vor den zu opfernden Ismâîl (as). Ismâîl (as) lehnte ihn nicht nur mit Worten ab, nein er warf gar mit Steinen nach ihm.

Wie es auch die Koranverse nahe legen, war dies alles eine große Last und große Prüfung für Ibrâhîm (as). Doch er und Ismâîl (as) bewältigten diese Sorgen mit ihrer Ergebenheit gegenüber Allah und der Reinheit ihrer Herzen. Sie steinigten den Teufel und verjagten ihn und wurden mit dem Schönsten dieser Welt belohnt. Das Opfer während des Opferfestes ist eine Erinnerung an diese große Prüfung, jedoch eine, die nach einer gewissen Zeit nur zu einer Feier unter Reichen verkam, von unserem Propheten Muhammad (saw) jedoch wieder ihren eigentlichen Sinn zurückbekam. Und dies mit der Bedingung, dass von dem Opfertier in erster Linie die Armen und Bedürftigen ihren Nutzen ziehen sollen.

Wie sicherlich bekannt ist, sahen es die führenden Persönlichkeiten in Mekka als eine erforderliche Aufgabe an, Muhammad (saw) zu beleidigen und sich über ihn lustig zu machen. In diesem Sinne verjagten sie den Propheten aus seiner Heimatstadt, ermordeten seine Freunde, boykottierten seine ganze Sippe und schnitten ihnen jeglichen Weg zu Lebensmitteln ab. Dazu behaupteten sie, dass seine Linie aussterben werde und er ein nutzloser Mensch sei. Daraufhin offenbarte der Herr die Sure Kawsar, um seinem Gesandten Mut zuzusprechen und die Armen und Bedürftigen zu erfreuen: „Wahrlich, Wir haben dir (Gutes) im Überfluss gegeben. Darum bete zu deinem Herrn und opfere! Wahrlich, dein Hasser, er soll abgeschnitten (ohne Nachkommen) sein.“ [108:1] [108:2] [108:3]

Dieser Vers weist auf den Zusammenhang zwischen dem Opfern und der Dienerschaft des Menschen hin: „Darum bete zu deinem Herrn und opfere!“ [108:2] Nach diesen Versen zeigte der Prophet seinen Gefährten, wie zu opfern sei. Die Reichen und Wohlhabenden sollen demnach für das Wohlwollen des Herrn in erster Linie für die Bedürftigen opfern. Obwohl der Prophet selbst nicht reich war, opferte er sowohl selbst, als auch für seine Familie und für diejenigen unter seinen Gefährten, die es sich selbst nicht leisten konnten und füllte den Tag des Opferfestes mit Leben.

In Hadîth-Büchern wird die Praxis des Opferns des Propheten folgendermaßen überliefert: Am Tag des Opferfestes schlachtete der Prophet zwei gefleckte, gehörnte und kastrierte Schafe. Er legte sie auf den Boden in Richtung der Kibla, sagte „Zweifellos wende ich mich als Muwahhid (Monotheist) Allah, dem Erschaffer von Himmeln und Erde. Ich bin nicht von den Glaubensverweigerern.“, rezitierte die Verse „Siehe, mein Gebet, mein Gottesdienst, mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten. Er hat keine Teilhaber. So ist es mir geboten worden, und ich bin der erste der Gottergebenen“ [6:162] und sprach folgendes Gebet, wonach er das Opfertier schlachtete: „O Herr, dieses Opfertier ist von dir, für deine Zufriedenheit opfern wir es und zu dir wird es kommen. O Herr, nimm dies von Muhammad und seiner Gemeinschaft an. Bismillâh Allahu akbar.“

Das Opfern ist auch ein Symbol des Dankes für die Gaben, die uns Allah gegeben hat und ein Symbol der Aufopferung für die Bedürftigen und Notleidenden. Dieses Opfer wird nur aus den besten und gesündesten Tieren ausgewählt. In diesem Sinne sollten wir das Opferfest feiern und das Opfern begehen.

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