Freitagspredigt

Hutba – Das Prinzip der Gerechtigkeit im Islam

29. Februar 2008

Verehrte Muslime,

das Prinzip der Gerechtigkeit ist eines der Werte, die den Menschen ausmachen und ihn zu seiner wahren Bestimmung führen. Die Praktizierung der Gerechtigkeit hat es Völkern ermöglicht, ihre Staaten über Jahrhunderte aufrecht zu erhalten. Gerechtigkeit ist, jedem sein Recht zu geben und mit gesundem Menschenverstand, Vernunft, Weisheit (Hikma) und gemäß dem Allgemeinwohl zu handeln. Das Gegenteil von Gerechtigkeit ist Ungerechtigkeit (Zulm), worunter die Vorenthaltung des Rechts gemeint ist. So wie ungerechte Menschen ihre Würde und Ehre verlieren, so gibt es in einer von ungerechten Menschen bestehenden Gesellschafte oder einem Staat weder Frieden und Sicherheit, noch werden sie für lange Zeit fortbestehen. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Staaten, die zusammengebrochen sind, da die Menschen das Prinzip der Gerechtigkeit nicht eingehalten haben.

Verehrte Geschwister,

unserer Religion (Dîn) zufolge ist Gerechtigkeit, die Menschen gleich zu behandeln und nicht zwischen Religion, Sprache, Kultur, Bildung oder sozialem Stand zu unterscheiden. Dieses Prinzip hat Gültigkeit sowohl zwischen einzelnen Menschen als auch zwischen verschiedenen Gesellschaften. In diesem Sinne wird im Islam bei der Umsetzung der Gerechtigkeit nicht auf persönliche Wünsche der Menschen, etwaige Freund- oder Feindschaften, verwandtschaftliche Beziehungen oder reich und arm geachtet. Da der Islam aufgrund dieser Vorstellung in der Lage war jedem sein Recht zuzugestehen, hat die islamische Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg in Sicherheit fortbestehen können. Das Prinzip der Gerechtigkeit ist in den Quellen unserer Religion klar erläutert und von muslimischen Herrschern eingehalten worden. Als Beispiele können folgende Verse und Hadîthe genannt werden: „O ihr, die ihr glaubt! Tretet für die Gerechtigkeit ein, wenn ihr vor Gott Zeugnis ablegt, und sei es gegen euch selber oder eure Eltern und Verwandten. Handele es sich um arm oder reich, Allah steht euch näher als beide. Und überlasst euch nicht der Leidenschaft, damit ihr nicht vom Recht abweicht. Wenn ihr (das Recht) verdreht oder euch (von ihm) abkehrt, siehe, Allah weiß, was ihr tut.“ [4:135] „Siehe, Allah gebietet euch, die euch anvertrauten Güter ihren Eigentümern zurückzugeben, und wenn ihr unter den Leuten richtet, nach Gerechtigkeit zu richten. Siehe, wie trefflich ist das, wozu Er euch mahnt! Siehe, Allah hört und sieht.“ [4:58] „Siehe, Allah gebietet, Gerechtigkeit zu üben, Gutes zu tun und die Nahestehenden zu beschenken. Und Er verbietet das Schändliche und Unrechte und Gewalttätige. Er ermahnt euch, euch dies zu Herzen zu nehmen.“ [16:90] „Diejenigen, die gerecht herrschen und zu denen, für die sie die Verantwortung tragen, gerecht sind, werden bei Allah auf einem Podest aus Licht stehen.“ (Muslim, Imâra, 18) „Gerechte Staatsmänner und Beamte werden am Tag der Abrechnung die Führer derer sein, die Allahs Gnade und Schutz genießen.“ (Buchârî, Adab, 36)

Verehrte Geschwister,

wie man aus den Versen und Hadîthen entnehmen kann, gebietet uns der Islam, die Menschen um Allahs Willen gerecht zu behandeln, bei unseren zwischenmenschlichen Beziehungen dem Wohlwollen (Rizâ) Allahs entsprechend zu handeln und wieder um Allahs Willen wahre Zeugen zu sein. Diese Religion hat der Menschheit vollkommene Prinzipien beschert und gewährleistet, dass jeder, ob gläubig oder nicht, von der Gerechtigkeit profitiert. Ihr Rechtsverständnis ist ein Vorbild für die ganze Menschheit. Wir erfahren ebenfalls, dass die Umsetzung dieses Prinzips eine Aufgabe für die Muslime darstellt und dass, sobald die islamische Gemeinschaft (Umma) dieses göttliche Gebot erfüllt, Gerechtigkeit auf der Welt herrschen wird. Doch leider sehen wir auch, dass in unseren Tagen, was die Erfüllung dieses Gebotes betrifft, bei den Muslimen noch viele Mängel bestehen. Leider kann auch nicht immer behauptet werden, dass wir sowohl unter uns als auch in der Gesellschaft, in der wir Leben, Gerechtigkeit walten lassen. Falsches Verhalten wie die Begünstigung bestimmter Personen, die Missachtung des Rechts oder auch die Unzufriedenheit mit dem, was einem zusteht, können – auch wenn es viele Ausnahmen gibt – auch von Muslimen an den Tag gelegt werden. Aus diesem Grund sind die Muslime heute nicht diejenigen, von denen Gerechtigkeit ausgeht, sondern meistens diejenigen, denen Gerechtigkeit empfohlen wird. So möchten auch wir alle dazu aufrufen, die Erfordernisse der Gerechtigkeit zu erfüllen. Insbesondere möchten wir uns an diejenigen Führer der westlichen Staaten richten, die die Menschenrechte besonders betonen und sie darauf hinweisen Abstand von diskriminierenden Handlungen und Aussagen zu halten. Der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie den Wertvorstellungen der Menschen muss mit Respekt begegnet werden. All unseren muslimischen Geschwistern möchten wir raten, folgenden Vers nicht zu vergessen und seiner Aufforderung nachzukommen: „O ihr, die ihr glaubt! Steht in Gerechtigkeit fest, wenn ihr vor Allah bezeugt. Der Hass gegen (bestimmte) Leute verführe euch nicht zu Ungerechtigkeit. Seid gerecht, das entspricht mehr der Gottesfurcht. Und fürchtet Allah. Siehe, Allah kennt euer Tun.“ [5:8]

IGMG – Irschad-Abteilung

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