Freitagspredigt

Hutba – Recht und Gerechtigkeit im Islam

15. Februar 2008

Verehrte Muslime,

Islam heißt Frieden und Eintracht und bedeutet, den Geboten Allahs und seines Gesandten zu folgen, auf einem sicheren Weg die Errettung zu erlangen, jedem Menschen und sogar den anderen Lebewesen Sicherheit zu geben und niemandem ein Leid zuzufügen. Die Grundlagen des Islams basieren auf der Botschaft Allahs, die uns sein Gesandter Muhammad (saw) mitgeteilt und vorgelebt hat. Jeder, der diese Botschaft akzeptiert und danach lebt, ist ein Muslim.

Das Wort „Hak“, dass viele Bedeutungen beinhaltet, heißt soviel wie das Wahre, das Rechte und die Gerechtigkeit. Außerdem wird mit Hak, dem Gegenteil von Unrecht, auch das Verfügungsrecht eines Menschen über seinen Besitz ausgedrückt. Ebenso wird das Recht, sich um sein Recht einzusetzen, von erlaubten Dingen zu profitieren, um seine materiellen und geistigen Bedürfnisse zu decken, als „Hak“ bezeichnet. Gerechtigkeit ist, ausgewogen und recht zu handeln, das Recht zu wahren und jedem das ihm Zustehende zu geben. Das Gegenteil von Gerechtigkeit ist Ungerechtigkeit und bedeutet die Missachtung des Rechtes.

Verehrte Geschwister,

Recht und Gerechtigkeit sind verwandte Begriffe und stellen die Grundlagen unserer Religion dar. Aus diesem Grund wird sowohl im Koran als auch in der Sunna dazu aufgerufen, das Recht und die Gerechtigkeit, manchmal durch ein Gebot und manchmal in der Form einer Warnung vor den Konsequenzen, zu wahren. Als Beispiele für die Gebote und Warnungen können folgende Verse herangezogen werden: „Siehe, Allah gebietet, Gerechtigkeit zu üben, Gutes zu tun und die Nahestehenden zu beschenken. Und Er verbietet das Schändliche und Unrechte und Gewalttätige…“ [16:90] „Siehe, Allah gebietet euch die anvertrauten Güter ihren Eigentümern zurückzugeben, und wenn ihr unter den Leute richtet, nach Gerechtigkeit zu richten.“ [4:58] „Und wie viele sündige Städte vertilgten Wir! Jetzt liegen sie auf ihren Fundamenten in Trümmern da! Wie viele Brunnen sind verlassen und wie viele stattliche Schlösser!“ [22:45] „Und wie viele Städte, die sündig waren, zerstörten Wir von Grund aus und beriefen nach ihnen ein anderes Volk!“ [21:11] „Und neigt euch nicht denen zu, die Unrecht begehen, sonst erfasst euch das Feuer.“ [11:113]

Im letztgenannten Vers wird darauf hingewiesen, wie gefährlich es ist, nicht nur auf der Seite der Seite der Ungerechten zu sein, sondern sich auch nur zu ihnen hingezogen zu fühlen oder ihre Taten gutzuheißen. Unser Prophet indes hat nicht nur darauf bestanden, das Recht der Muslime zu wahren. Vielmehr hat er geboten, auch das Recht andersgläubiger Menschen zu achten. Denn ihr Recht steht auf derselben Stufe wie das eines Muslims. Vor diesem Hintergrund ist die klare Aussage des Propheten in folgender Überlieferung zu verstehen: „Ich bin der Feind desjenigen, der einem Zimmî (Schutzbefohlener in einem muslimischen Staat) Unrecht widerfahren lässt. Im Jenseits werde ich denjenigen am Kragen packen, dessen Feind ich bin.“ (Kaschful Chafâ, Bd. II, S. 218, Hadîth Nr. 2341)

Verehrte Geschwister,

laut unserer Religion wird jeder Mensch in Freiheit geboren und hat dieselben Rechte und denselben Wert wie die anderen Menschen. Die Meinungs- und Gewissensfreiheit ist eines der unverzichtbaren Rechte der Menschheit. Im Islam darf keine Beurteilung aufgrund der Rasse, des Geschlechts, der Hautfarbe, der Sprache oder Religion vorgenommen werden. Jedem stehen die Rechte und Möglichkeiten zu, um all seine materiellen und geistigen Bedürfnisse befriedigen zu können. Dies gilt für alle Rechte sowohl heute als auch in der Zukunft. Die Muslime haben, insbesondere wenn sie die Machthaber waren, gemäß diesen zwei Prinzipien gehandelt und somit ein gutes Vorbild für die Menschheit. Sogar Kritiker des Islams geben zu, dass unser Prophet sich haargenau an den Vertrag gehalten hat, den er mit Menschen verschiedenen Glaubens und anderer Herkunft in Medina abgeschlossen hatte. Egal welcher Religion, Rasse und sozialen Schicht er angehörte, der Prophet hat jedem sein Recht gegeben und aus Medina eine Stadt des Friedens geformt. Mit den Worten „O Ihr Menschen! Euer Herr ist derselbe. Ihr alle stammt von Âdam ab und Âdam war aus Erde.“ (aus der Abschiedspredigt) hat er auf ein Problem verwiesen, mit dem wir auch heute noch zu kämpfen haben.

In einer Zeit, vor etwa vierzehn Jahrhunderten, als Menschenrechte größtenteils noch unbekannt waren, hat der Islam in aller Deutlichkeit klargestellt, dass niemand zu Unrecht bestraft oder sogar gefoltert werden darf, dass jeder Mensch Würde besitzt und alle Rechte gleich viel wert sind, dass die Macht dem Recht untergeordnet sein muss und niemals das Recht der Macht ausgeliefert werden darf. Der Islam gebietet, jedem sein Recht einzuräumen. Die Muslime, die sich dieser Tatsachen bewusst sind, akzeptieren nicht, dass ihnen ihre Rechte in der Gegenwart nicht zugestanden werden. Mit einem klaren Verstand muss nochmal darüber nachgedacht werden, inwieweit es mit den Menschenrechten vereinbar ist, dass in Europa, der sogenannten Wiege der Menschenrechte, unter dem Mantel der Meinungsfreiheit von Zeit zu Zeit das Leben, das Eigentum oder die Religion der Muslime angegriffen wird. Jedem Menschen steht es zu in Frieden zu leben. Dies ist aber nur möglich, wenn Recht und Gerechtigkeit herrscht.

IGMG – Irschad-Abteilung