Freitagspredigt

Hutba – Tag der offenen Moschee: „Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben“

01. Oktober 2010

Verehrte Muslime,

das Wort „Dîn“ (Religion) bedeutet „schulden“ und bezeichnet alles, was der Mensch Allah und der Schöpfung schuldig ist. Der Islam strebt eine Lebensweise an, die auf dieses Bewusstsein aufbaut. Jemandem etwas schuldig zu sein bedeutet aber Verantwortung zu tragen. Und kein anderes Geschöpf Gottes ist mit der Fähigkeit ausgestattet, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Im Koran heißt es: „Siehe, wir boten die Verantwortung den Himmeln und der Erde und den Bergen an, doch weigerten sie sich, sie zu tragen, und schreckten davor zurück. Der Mensch lud sie sich jedoch auf [„¦].“ (Sure Ahzâb, [33:72])

Als Muslime sind wir nicht nur verantwortlich für uns selbst, sondern auch für unsere Familie, unsere Verwandten, die gesamte Gesellschaft und die Umwelt. Dieses Bewusstsein ist für uns urislamisch. Der Koran und der Prophet fordern von uns den Einsatz für das Gute sowie Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Die Muslime werden dazu angehalten, sich gegen alles Schlechte und Ungerechte zu wenden – und sei es nur mit dem Herzen.

Verehrte Geschwister,

dieses auf dem Koran basierende Verständnis von Verantwortung ist nur ein Teil der Rechtleitung (Hidaya) des Korans. Der Koran ist für uns ein umfassender Wegweiser. Er leitet uns in allen Lebensbereichen. Dass wir in diesem Jahr das 1400. Jahr seit Beginn der Offenbarung des Korans feiern, bietet die Möglichkeit, zu zeigen, wie der Koran unser Leben und Denken bereichert und uns Orientierung gibt. Deshalb lautet das Motto des Tages der offenen Moschee in diesem Jahr „Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben“.

Verehrte Muslime,

der Tag der offenen Moschee bietet die Möglichkeit, dem Interesse

am Islam und den Muslimen, aber auch dem Misstrauen gegenüber Muslimen zu begegnen. An diesem Tag sollen die Besucher vor allem die Möglichkeit des persönlichen Kontakts zu Muslimen bekommen. Sie sollen einen Einblick in das Gemeindeleben erhalten. Denn das allgemein verzerrte Bild des Islams kann man oftmals nur auf dieser persönlichen Ebene ein Stück weit korrigieren.

Der Tag der offenen Moschee ist für uns auch ein Weg, grundlegende Kenntnisse über den Islam zu vermitteln. Denn nach wie vor herrscht ein großer Informationsbedarf. Die authentische Vermittlung der Religion kann Vertrauen zwischen den Menschen herstellen. Mehr als die theologisch fundierte Diskussion steht hierbei jedoch das gegenseitige Kennenlernen und eine daraus resultierende Veränderung der Wahrnehmung des Anderen im Vordergrund. Denn Jeder Mensch kann vor „Fremden“ Angst haben, unbewusst Vorurteile schüren oder Misstrauen gegen andere pflegen. Diese Vorbehalte können nur durch Begegnung mit dem Anderen abgebaut werden.

Ein weiterer Aspekt des Tages der offenen Moschee ist die Anerkennung. Viele Menschen (selbst manche Muslime) haben keine Vorstellungen von den unverzichtbaren Beiträgen einer Moscheegemeinde. Die Aktivitäten der Gemeinde sind für viele nicht auf Anhieb sichtbar. Je mehr sich die Gemeinden nach „Außen“ präsentieren, desto mehr wird die Gemeindearbeit erkannt, anerkannt und gewürdigt werden.

In diesem Sinne sollten wir unsere Besucher am Tag der offenen Moschee in gewohnter Gastfreundlichkeit empfangen und ihnen nicht nur unsere Türen, sondern auch unsere Herzen öffnen. Möge uns Allah zu denen zählen, die ihrer Verantwortung in bester Weise nachkommen. Möge er uns die Fähigkeit geben, alle Hindernisse zwischen den Menschen und dem Koran zu beseitigen.

IGMG-Irschadabteilung

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