Freitagspredigt

Hutba – Was ist Brüderlichkeit?

18. Mai 2007

Verehrte Muslime!

Es gibt zwei Arten von Brüderlichkeit: Eine davon ist die Brüderlichkeit, die sich durch Familienzugehörigkeit und Verwandtschaft ergibt. Die zweite Art ist die Brüderlichkeit, die durch die Religion und den Glauben entsteht. Diese Verbrüderung wird im Islam besonders stark betont und ist ein wichtiger Bestandteil unseres Glaubens, was von unserem Herrn in vielen Koranversen andeutet wird: „Die Gläubigen sind Brüder.“ (Sure Hudschurât [49:10]) Der Islam verbindet alle gläubigen Frauen und Männer durch den Bund des Glaubens. Mit diesem Glaubensbund werden die Muslime, ganz gleich auf welchem Erdteil sie sich befinden, niemals vergessen, dass sie Brüder sind. So werden sie ihr Leid, ihre Schmerzen sowie ihr Glück und ihre Freude miteinander teilen.

Ein Gefährte des Gesandten Gottes Muhammad (saw) überliefert folgendes: „Wir mussten in drei Punkten einen Eid ablegen. Für das Gebet, für die Zakat und, dass die Muslime füreinander Gutes wünschen.“ (Buchârî, Kitabu’l-İmân)

In anderen Überlieferung heißt es: „Ein Muslim ist des Muslims Bruder. Er tut ihm kein Unrecht an, kündigt nicht seine Freundschaft und erniedrigt ihn nicht. Es gibt nichts Schlimmeres, als das ein Muslim seinen Bruder verachtet.“ (Ahmad, Musnad) „Das Leben, das Vermögen und die Würde eines Muslims sind dem Muslim verboten.“ (Muslim, Tirmizî)

Die Gläubigen ähneln in ihrer Fürsorge, ihrer Barmherzigkeit und ihrer Zuneigung einem einzigen Leib. Wenn ein Körperteil Schaden erleidet, stört dies den ganzen Körper.“ (Buchârî, Muslim)

Verehrte Geschwister!

Diese Prinzipien der Brüderlichkeit haben keinen Sinn, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden. Das beste Beispiel für Brüderlichkeit und Solidarität waren die Gefährten und Freunde des Gesandten Gottes. Der Koran beschreibt deren Selbstlosigkeit und Solidarität folgendermaßen: „Diejenigen, die vor ihnen hier (in Medina) im Glauben zu Hause waren, lieben die, welche zu ihnen auswanderten, und fühlen in sich kein Verlangen nach dem, was ihnen gegeben wurde. Sie ziehen (die Flüchtlinge) sich selber vor, auch wenn sie selber bedürftig sind. Wer so vor seiner eigenen Habsucht bewahrt ist – denen ergeht es wohl.“ [59:9]

Diejenigen, die in diesem Vers als die, die Flüchtligen sich selber vorziehen, beschrieben werden, waren die Ansâr. Sie teilten ihre Häuser, Grundstücke, ihr ganzes Hab und Gut und jedes Stück Brot mit ihren Brüdern und Schwestern, die aus Mekka geflohen waren, um ihr Leid zu lindern. Deshalb sind sie in jeder Hinsicht in ihren Handlungen ein Vorbild der Menschlichkeit. Diese Werte müssen wir Aufrecht halten und sie gleichermaßen in die Tat umsetzten.

Liebe Brüder und Schwestern,

ein anderer Grundsatz der Brüderlichkeit ist es, über eine Person nicht voreilig zu urteilen, so dass, wenn wir ihn zu einem späteren Zeitpunkt wieder treffen, nicht wegen unseres Vorurteils in Verlegenheit geraten müssen.

Auch für diese Situationen hat Muhammad (saw) Belehrungen gemacht, die aus Sicht der zeitgenössischen Soziologie oder Psychologie nur bestätigt werden können: „Liebe deine Freunde gemäßigt, denn es kann sein, dass du dich eines Tages mit ihm verfeindest. Beherrsche deine Anfeindungen, denn es kann sein, dass du eines Tages deine Feinde lieben wirst.“ (Tirmizî)

Deshalb liebe Geschwister,

lasst uns nicht unsere eigenen Geschwister mit Vorurteilen und groben Auftritten, die wir nicht mal unseren Feinden zumuten würden, verletzten. Wir beobachten täglich in der islamischen Welt, wohin diese Streitigkeiten und Anfeindungen hinführen. Dieser Zustand hat der muslimischen Welt in der Vergangenheit sehr tiefe Wunden geöffnet, unter denen wir noch heute leiden. Wir sehen in Europa, dass die muslimischen Verbände, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsame Lösungsansätzen für die Probleme zu finden, massiv unter Druck gesetzt werden. Man versucht sie mit allen Mitteln wieder zu trennen. Lasst uns nicht dieser Täuschung verfallen, lasst uns unsere Brüderlichkeit weiterhin verfestigen.

IGMG – Irschad-Abteilung

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