Freitagspredigt

Hutba: Ist die Zakat nur ein Almosen?

04. Juli 2014

Verehrte Geschwister,

im Koran heißt es: „Und verrichtet das Gebet und entrichtet die Zakat und beugt euch mit den sich Beugenden (im Gebet).“[1] Es gibt noch viele andere Verse, die eine ähnliche Botschaft haben. In diesen Versen werden der geistige und der materielle Aspekt im Leben des Menschen gemeinsam erwähnt. Ziel ist es, die Mitte zwischen dem vergänglichen, weltlichen Leben und dem ewigen, jenseitigen Leben zu finden.

Im Islam wird kein Bereich des Lebens außer Acht gelassen, alles hat seine Ordnung. Aus dieser Perspektive ist die Zakat kein freiwilliges finanzielles Opfer, das erbracht wird, um den Armen eine Freude zu machen. Sie ist vielmehr ein finanzieller Gottesdienst, dessen Erfüllung Pflicht ist. Somit macht der Islam aus etwas Weltlichem etwas Ethisches und verankert es fest im Bewusstsein der Menschen. Die Zakat ist keine Verpflichtung gegenüber Menschen, sondern eine Verbindlichkeit bei Allah, eine religiöse Pflicht.

Liebe Geschwister,

wenn es um die Zakat, Fitra und Spenden geht, rückt unsere Religion bedürftige Menschen in den Vordergrund. Tatsächlich aber geht es um Glauben (İmân) und Moral (Ahlâk). Der Islam möchte, dass diese beiden Aspekte aufhören, als Problem verstanden zu werden. Denn das Fehlen von Glauben und Moral ist für den Menschen die größte aller Katastrophen. Die Befreiung des Menschen von diesen beiden Mängeln ist die primäre Absicht unserer Religion.

Auch heute sehen wir ganz deutlich, dass der moralische Verfall, angestoßen durch die Krise des Glaubens, dieser wiederum hervorgerufen durch Armut und Not, die Menschen in soziale Katastrophen führt, zu schlechten Gewohnheiten verleitet, und einen rasanten Anstieg gesetzeswidriger Handlungen mit sich bringt. Kinder aus ehrbaren Familien, die auf schlechte Wege geraten, junge Menschen, die ihr Leben vergeuden, unwissende Generationen, die in den Sumpf der Gewalt gesunken sind. Alle sie sind Menschen, die in der Regel in ökonomischen Schwierigkeiten stecken und keinerlei Perspektiven haben.

Verehrte Muslime,

alles das ist der Grund dafür, dass unser Prophet bereits in Mekka mit Nachdruck nach Möglichkeiten der Unterstützung von Armen und Notleidenden gesucht hat. Er brachte eine Schicht von Gelehrten aus eben diesen Armen und Mittellosen hervor, die in Zukunft die Probleme der Umma lösen sollten. Die Gefährten des Prophten haben ihre Hilfsnetzwerke untereinander immer lebendig gehalten. Unsere Aufgabe als Muslime in Europa ist es, Selbstlosigkeit und Verantwortungsbewusstsein zu verbreiten und unsere Nachkommen gut auf die Zukunft vorzubereiten. Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, damit die Menschen weiterhin mit ihrem Glauben und ihren moralischen Prinzipien in Europa leben können.

In diesem Sinne ist es wichtig, dass wir die Zakat nicht als Almosen ansehen, mit dem nur ein vorübergehendes Bedürfnis von Armen befriedigt wird. Wir müssen sie auch zahlen, um damit Einrichtungen aufzubauen, die dabei helfen, dass die Nachkommen der Umma in diesem Land ihre Existenz fortführen können. Wir sollten wissen, dass wohltätige Leistungen in dieser Region einen sehr hohen Stellenwert als finanzieller Gottesdienst haben und Allah sie sehr hoch belohnen wird.


[1] Sure Bakara, 2:43

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