Freitagspredigt

Hutba: „Menschen machen Heimat/en“

26. September 2019 Takka Tasbih Holz
Takka Tasbih Holz

Verehrte Muslime!

Ein Bedürfnis aller Menschen ist es, eine Heimat zu haben. Diese Heimat kann der Ort sein, an dem man geboren, seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Sie kann aber auch ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit sein, das mit Traditionen und Erinnerungen zusammenhängt. Heimat ist an keinen bestimmten Ort und auch keine bestimmte Ethnie gebunden. Im Grunde gilt: Wo man frei leben kann, fühlt man sich heimisch; dort ist man zuhause.

Liebe Geschwister!

Die Heimat kann sich im Laufe des Lebens ändern. Man kann auch mehrere Heimaten haben. In jedem Fall ist es aber unsere Aufgabe, die Heimat positiv mitzugestalten. Das beste Vorbild hierbei sind die Propheten. Viele von ihnen wurden verfolgt und aus ihrer Heimat vertrieben. Trotzdem sind ihre Lebensgeschichten „Erfolgsgeschichten“. Denn sie zeigen uns, wie es trotz schwieriger Umstände gelingen kann, an einem anderen als dem Herkunftsort eine neue Heimat zu finden und diesen in einer positiven Weise mitzugestalten.

Der Prophet Ismâîl (a) und seine Mutter Hadschar (r) kamen aus ihrer Heimat in ein unfruchtbares Tal mitten in der Wüste. Mit Allahs Hilfe gründeten sie dort einen Ort, den wir alle kennen, nämlich die „Mutter aller Städte“, Mekka. Hier legten Ismâîl (a) und sein Vater Ibrâhîm (a) später den Grundstein für die Kaaba. [1]

Der Prophet Îsâ (a) befindet sich während seines ganzen Lebens auf Wanderschaft. Mit seiner Botschaft des Tawhîd stößt er immer wieder auf heftige Ablehnung. Vor allem sein Beispiel zeigt uns, dass die Propheten mehrere Heimaten hatten.

Gleichzeitig waren sie aber fest verankert in ihrer „spirituellen Heimat“, dem unerschütterlichen Vertrauen in Allah.

Auch der Gesandte Allahs (s) hat seine ursprüngliche Heimat Mekka verlassen, um in Medina ein neues Leben und eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Dieser neuen Heimat blieb er sein Leben lang treu, auch nachdem er Frieden mit den Kuraysch in Mekka geschlossen hatte. Unser Prophet ließ sich nicht in seiner Geburtsstadt Mekka bestatten, sondern in der neuen Heimat Medina. Trotzdem behielt Mekka immer einen besonderen Platz in seinem Herzen. Laut einer Überlieferung sagte er einmal: „O Mekka! Du bist bei Allah der beste und beliebteste Ort. Wäre ich nicht aus dir vertrieben worden, hätte ich dich niemals verlassen.“ [2]

Verehrte Muslime!

Wie wir sehen, stehen die Propheten für einen universalen Heimatbegriff. Eine Heimat findet der Gläubige überall dort, wo er seinen Glauben frei praktizieren und seine religiöse Identität bewahren kann. Ein solcher Ort ist nicht an ein bestimmtes Gebiet gebunden. In einem Koranvers heißt es: „Und Allahs ist der Westen und der Osten. Daher: Wohin ihr euch auch wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist allumfassend und wissend.“ [3]

Liebe Geschwister!

Wir Muslime in Europa wissen aus eigener Erfahrung, was es heißt eine neue Heimat zu haben. Dieser fühlen wir uns verbunden, hier sehen wir unsere Zukunft. Jedoch schließt das nicht aus, auch eine andere Heimat zu haben. Mehrere Heimaten sind nicht nur möglich, sondern vor allem in unserer heutigen Zeit etwas

Normales. Diese ausgewogene Sichtweise, die auf unserem Glauben basiert, möchten wir vor allem mit unseren nichtmuslimischen Mitmenschen teilen. Deshalb lautet das Thema des Tages der offenen Moschee am 3. Oktober: „Menschen machen Heimat/en“. [4]

Möge Allah uns dabei helfen, unsere Religion in bester Weise zu leben und lehren, ganz gleich an welchem Ort und zu welcher Zeit. Âmîn.

[1] Sure Bakara, 2:127
[2] Tirmizî, Manâkib, Hadith Nr. 3925
[3] Sure Bakara, 2:115
[4] Der Tag der offenen Moschee wird nur in Deutschland organisiert. In Österreich und der Schweiz sollte dieser Satz ausgelassen werden.

Hutba-Menschen machen Heimat

Hutba-Arabisch