Freitagspredigt

Hutba: Muslimische Pflegefamilien

07. Dezember 2012

Verehrte Muslime,

in einer behüteten und liebevollen Familie, die einem Wärme, Geborgenheit, Schutz, Vertrauen schenkt, können Kinder eine ausgewogene Persönlichkeit entwickeln. Jedes Kind benötigt ein solches familiäres Umfeld. Umso trauriger ist es, dass manche Kinder aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihrer eigenen Familie aufwachsen können, sondern in Pflegefamilien gegeben werden müssen. Da es nicht genügend muslimische Pflegeeltern gibt, werden in Europa zehntausende muslimische Kinder Pflegefamilien übergeben, die nicht dieselben religiösen und kulturellen Werte teilen wie die Kinder.

Dabei legt uns der Islam deutlich nahe, verwaisten und schutzlosen Kindern zu helfen. Es liegt vollkommen in der Verantwortung der muslimischen Gemeinschaft und jedes einzelnen von uns, sich um diese Kinder zu kümmern und ihre Bildung und Entwicklung zu fördern.

Liebe Geschwister,

in einem Koranvers heißt es: „Und sie befragen dich über die Waisen. Sprich: „šSie zu fördern ist gut. Und wenn ihr das Leben mit ihnen teilt, sind sie eure Geschwister.‘ Und Allah unterscheidet den Missetäter vom Gerechten, [„¦].“ (Sure Bakara, 2:220) Der Ausdruck „wenn ihr das Leben mit ihnen teilt“ meint, gemeinsam mit ihnen unter einem Dach zu leben.

In vielen Überlieferungen, die von der Sorge um Waisen handeln, ist zudem die Rede nicht nur von finanzieller Unterstützung, sondern auch davon, diesen Kindern ein Leben in einer richtigen Familien-atmosphäre zu ermöglichen. Der Gesandte Allahs sagte beispielsweise: „Wer einen Waisen bei sich aufnimmt, ihn von dem essen lässt, wovon er selbst isst und trinken lässt, wovon er selbst trinkt, den wird Allah in sein Paradies eintreten lassen, solange er keine Sünde begeht, die nicht zu verzeihen ist.“ (Tirmizî, Bir, 14) „Das beste Haus unter den Häusern der Muslime ist das Haus, in dem Waisen aufgenommen und gut behandelt werden. Das schlechteste Haus ist das, in dem Waisen schlecht behandelt werden.“ (Ibni Mâdschâ, Adab, 6)

Verehrte Muslime,

ausgehend von diesen und vielen anderen Grundsätzen wurden, zum Beispiel im Osmanischen Reich, Kinder in Pflegefamilien gegeben. Deshalb gab es bis in das 19. Jahrhundert in der osmanischen Gesellschaft keine Waisenhäuser. Zum Beispiel wurden Kinder von armen Familien, die sich nicht mehr um sie kümmern konnten, unter Aufsicht der Behörden in die Obhut von Pflegefamilien gegeben. Dort wurden sie nicht nur gut versorgt, sondern bekamen auch eine gute Bildung.

Verehrte Muslime,

wir gehören zu der Gemeinschaft eines Propheten, der selbst ein Waise war. Diese Kinder sind uns von Allah anvertraut worden. „Ich und eine Person, die einen Waisen aufnimmt und schützt, werden uns im Paradies so nah sein.“ (Muslim, Zuhd, 42), sagte unser Prophet. Wie nah man beim Propheten sein wird, zeigte er, indem er seinen Zeigefinger und Mittelfinger aneinanderlegte. In diesem Sinne möchten wir jeden Einzelnen und die Gemeinschaft der Muslime an ihre Verantwortung gegenüber diesen Kindern erinnern. Möge Allah uns zu denen zählen, die dem Propheten nahe sein dürfen.

IGMG Irschadabteilung

Anmerkung: Das Thema Pflegefamilien wird in der aktuellen Dezember-Ausgabe unserer Zeitschrift „Perspektif“ ausführlich behandelt. Wer mehr erfahren möchte, kann sich dort informieren.

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