Freitagspredigt

Hutba: Zwischen Ehrfurcht und Hoffnung

25. September 2020 Minbar
Minbar

Verehrte Muslime!

Unsere Beziehung zu Allah ist geprägt von Hawf und Radscha, also Ehrfurcht und Hoffnung. Wir bleiben allen Sünden fern, weil wir die Konsequenzen fürchten, und hoffen auf Allahs Barmherzigkeit. Einmal fragte unser Prophet ﷺ einen sterbenden Jugendlichen, wie es ihm gehe. Der Junge antwortete: „O Gesandter Allahs! Ich hoffe auf die Barmherzigkeit Allahs, doch ich habe Angst vor (den Konsequenzen) meiner Sünden.“ Daraufhin sagte unser Prophet ﷺ: „In wessen Herzen sich beides (Ehrfurcht und Hoffnung) in diesem Zustand befindet, dem wird Allah das geben, was er sich erhofft und Allah wird ihn davor schützen, was er fürchtete.“[1]

Liebe Geschwister!

Im Koran heißt es über die Gläubigen: „Sie rufen ihren Erhalter in Furcht und Hoffung an und spenden von unseren Gaben.“[2] An einer anderen Stelle heißt es: „Warne damit (also dem Koran) jene, die sich davor fürchten, bei ihrem Erhalter versammelt zu werden, außer dem sie keinen Beschützer und Fürsprecher haben; vielleicht werden sie gottesfürchtig.“[3] Eine Warnung wird also nur denjenigen nützen, die Allah wirklich ehrfürchtig sind.

Allerdings dürfen Ehrfurcht und Angst vor Allah nicht zu Hoffnungslosigkeit führen. Deshalb heißt es im Koran: „Siehe, die, welche glauben und für Allahs Sache auswandern und sich bemühen, sie hoffen wirklich auf Allahs Barmherzigkeit; und Allah ist verzeihend und barmherzig.“[4]

Verehrte Muslime!

In diesem und vielen anderen Versen stellt sich Allah als verzeihend und äußerst barmherzig vor. Obwohl Allahs Barmherzigkeit alles Erschaffene umfassen könnte, wird sie im Jenseits nur denen gewährt, die im Diesseits sein Wohlwollen erlangt haben.

Wir danken Allah für unseren Îmân und unsere Ibâdas, und hoffen auf seine Barmherzigkeit. Doch Allah ist auch der Gerechte und der sich Rächende. Wie es im Koran heißt, werden diejenigen, die sich selbst und anderen durch Sünden Unrecht tun, eine heftige Strafe erfahren. Ein Grund mehr, dem Willen Allahs gemäß zu handeln. Dabei sollten wir uns nicht selbst durch die Ausrede „Mein Herz ist aber rein.“ In die Irre führen. Schließlich sagte unser Prophet ﷺ, welcher das reinste Herz hatte: „Keiner der Gläubigen würde sich Hoffnung auf das Paradies machen, wenn sie um wüssten, wie stark Allahs Zorn ist. Und die Ungläubigen würden ihre Hoffnung auf die Barmherzigkeit Allahs nicht aufgeben, wenn sie wüssten, wie groß seine Barmherzigkeit ist.[5]

Liebe Geschwister!

Wenn wir das Maß verlieren, schaden wir unserem Îmân. Die Gelehrten vergleichen den Gläubigen mit einem Vogel: der rechte Flügel stellt die Furcht gegenüber Allah dar, der linke hingegen die Hoffnung und der Körper die Liebe zu Allah. Wenn eines dieser Körperteile fehlt oder ein Flügel größer ist als der andere, kann er nicht leben, geschweige denn fliegen. Imam Tahawi sagte: „Sich sicher zu fühlen oder in Hoffnungslosigkeit zu sein, bringt von der Religion des Islams ab. Der richtige Weg für die Ahl al-Kibla liegt zwischen diesen beiden.“[6] Wir sollten also weder davon ausgehen, dass unser Îmân allein ausreicht, um ins Paradies einzutreten, noch dürfen wir wegen unseren Sünden die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit verlieren.

Mögen wir zu jenen gehören, die zwischen Ehrfurcht und Hoffnung leben. Möge Allah unsere guten Taten annehmen. Âmîn.

[1] Tirmizî, Dschanâiz, 11, Hadith Nr. 983; Ibn Mâdscha, Zuhd, Hadith Nr. 4402
[2] Sure Sadschda, 32:16
[3] Sure An’âm, 6:51
[4] Sure Bakara, 2:218
[5] Muslim, Tawba, 23, Hadith Nr. 2755
[6] Ebubekir Sifil, Ehl-i Sünnet Akâidi (Muhtasar Tahâvî Akidesi Şerhi), 2016, S. 210

Hutba-Zwischen Ehrfurcht und Hoffnung

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