Gemeinschaft

Islamische Gemeinschaft Milli Görüs und die Identität

26. Juni 2010

IGMG-Generalsekretär Oğuz Üçüncü hielt einen Vortrag am Internationalen Symposium „Kontextwandel und Bedeutungsverschiebungen – Die Ambivalenz neuer und alter Identitäten“ in Wuppertal. Er sprach über das Thema “Islamische Gemeinschaft Milli Görüş und die Identität“. Vor dem Hintergrund der muslimischen Präsenz in Europa bewertete Oğuz Üçüncü die neue Identitätspolitik in den europäischen Staaten und benannte die charakteristischen Eigenschaften der IGMG.

Bereits der Einstieg in das Thema meines Vortrages konfrontiert uns mit einem Dilemma, auf das uns İbrahim Kalın wohl eher unbewusst aufmerksam gemacht hat. Mit dem Hinweis darauf, dass alle Redner in der Sprache ihres Landes sprechen würden, setzte er seinen Vortrag in türkischer Sprache fort. Nun musste ich mich unweigerlich fragen, welche Sprache in diesem Kontext überhaupt meine Sprache ist. Ist es die Sprache des Landes, dessen Staatsbürger ich bin oder die Sprache des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und die auch Ausdruck meiner Identität ist? Nun, ich werde meinen Beitrag einfach in deutscher Sprache fortführen.

Mit großem Interesse habe ich die Vorträge und Diskussionen rund um unser Symposium verfolgt, und insbesondere bei den Diskursen um die theoretischen Grundlagen des Begriffs Identität stellte sich ein mir im Zusammenhang mit der deutschen Grammatik bekanntes Gefühl ein. Gefragt was denn z. B. das Plusquamperfekt ist, antworte ich zumeist, dass ich mir nicht ganz sicher bin was es ist, aber das ich mir sicher bin, es richtig anzuwenden.

Ähnlich ist es auch mit der Frage der Identität. Es ist immer wieder interessant festzustellen, dass das eigene Verständnis von Identität seine Entsprechung in den theoretischen Auseinandersetzungen um diesen Begriff findet. Aber genauso interessant ist es zu sehen, dass im eigenen Kontext diese Theorien quasi keine Rolle spielen, sondern wir ganz im Gegenteil sicher sind, dass sich unser Verständnis von Identität an der Gemeinderealität, unserem Migrationshintergrund und unserem Glauben orientiert, und somit zu den Fundamenten unserer Identität gehört.

Jetzt könnte man fragen, warum man als IGMG überhaupt so eine Veranstaltung macht, wenn die Dinge scheinbar eindeutig geklärt sind? Die IGMG führt diese Veranstaltung durch, um zu einen den Ansatz von Identität wissenschaftlich auf den Prüfstand zu stellen und darüber hinaus den Konflikt zwischen den sich wiederstreitenden Identitätsansätzen deutlich zu machen. Ferner möchten wir Diskussionen anstoßen, die teilweise als desillusionierend daherkommen, um die als Gewissheit wahrgenommen Denkmuster auf den Prüfstand zu stellen. Und natürlich möchten wir uns mit dem auseinander setzen, was uns eigentlich ausmacht.

Bevor ich nun die Teilnehmer des Symposiums davon überzeuge, dass ich mich in der Vorbereitung auf meinen Vortrag auch mit den theoretischen Erwägungen zur Thematik auseinandergesetzt habe, möchte ich zu Beginn doch noch auf einen Umstand hinweisen: Ich bin erstaunt, dass die Schlagwörter Globalisierung und Internet im Kontext der Diskussion um den Begriff Identität in den gesamten zwei Tagen nur einmal gefallen sind.

Nun zu meinen Erwägungen zur Thematik. Bei der Lektüre entsprechender Fachliteratur musste ich feststellen, dass unsere Vorstellung von Identität der modernen Definition des Begriffes entspricht. Die Moderne definiert Identität als ein einheitliches, eindeutiges, lebenslang gültiges Selbstbild bzw. als einen einheitlichen, eindeutigen, lebenslang gültigen inneren Besitzstand. Dieser Definition von Identität und Identitätsverständnis würden wohl viele hier im Saal im Bezug auf die IGMG zustimmen, wenn, ja wenn die Wissenschaft nicht sagen würde, es sei schon längst überholt. Denn inzwischen schickt sich die Postmoderne an, den Begriff Identität neu zu definieren. Unter der Überschrift „Individualisierung des Menschen“ soll das Individuum von Traditionen befreit werden und Festsetzungen im Bereich des Sexuallebens, der Ehegestaltung oder der Rollenzuweisung des Geschlechts sollen aufgehoben werden. Die Wissenschaft spricht von einem „Kurzfristigkeitsregime“, in dem vertraute Haltepunkte wie Familie, Stand, Religion, Kultur entschwinden und jeder gezwungen ist, sein Lebensentwurf und damit seine Identität in die eigenen Hände zu nehmen.

An dieser Stelle  möchte ich auf die praktischen Fragen im Bezug auf die Identitätsbildung innerhalb unserer Gemeinschaft, insbesondere im Wiederstreit der modernen und postmodernen Definitionen, eingehen, muss aber vorher noch Grundsätzliches anmerken.

Muslimische Aspekte konstruieren die Identität der europäischen Länder

Tatsächlich findet unser Symposium zum Thema Identität in einer sehr interessanten, wenn nicht sogar beängstigenden Zeit statt. Dass nicht nur Muslime sich mit der Bewältigung des Themas Identitätsbildung schwer tun, zeigt ein Blick auf die aktuellen Debatten in unserem Land und in den umliegenden europäischen Nachbarländern.

Genannt seien hier ein Paar Beispiele wie etwa das Minarettverbot in der Schweiz. Der Streit drehte sich um den Neubau von zwei Minaretten, die die Gesamtzahl der schweizer Moscheen mit Minarett auf insgesamt sechs erhöht hätte. Bei insgesamt 150 Moscheen bestand also nie die Gefahr, dass Minarette wie z. B. Windkrafträder aus dem Boden schießen würden. Dennoch mutierte eine scheinbar harmlosen Debatte um den Neubau von Minaretten, mit dem angestrengten Volksentscheid zum Minarettbau, zu einer Generaldebatte hinsichtlich der Identität der Schweiz. Die größte Ablehnung des Minarettbaus ist in den Kantonen und Dörfern zustande gekommen, in denen kaum Muslime leben. Den Rekord hat ein Dorf mit einem Anteil von 80 Prozent an Minarettgegnern gebrochen, ein Dorf, in dem keine Muslime leben. Allem Anschein nach, gilt auch bei Mehrheitsgesellschaften, dass Identität und Identitätsbildung in der Abgrenzung zum vermeintlichen „Anderen“ nach wie vor ein tiefgreifendes Phänomen darstellt und nicht als ein Problem der Vergangenheit daherkommt. Es muss tiefer verwurzelt sein. Prof. Dr. Rommelspacher stellte in diesem Zusammenhang auch zu Recht fest, dass die islamskeptische und islamfeindliche Einstellung kein europäischer Einzelfall ist. Man müsse teilweise davon ausgehen, dass dies in allen europäischen, insbesondere westeuropäischen Staaten verwurzelt ist, wenn es um die Frage der Muslime und des Islam geht.

Nehmen wir als weiteres Beispiel das sogenannte Burkaverbot in Belgien. Belgien ist ein zutiefst zerstrittenes Land, das sich schon längst auseinander dividiert hat in flämische und walonische Interessen und kurz davor ist, in seine Atome zu zerfallen. Trotzdem hat es mit der Begründung, dass die Burka gegen belgische Werte verstoßen würde, geschafft, in seinem Parlament nahezu einstimmig ein entsprechendes Verbot zu verabschieden. Nun müsste man doch fragen dürfen, was denn genau diese belgischen Werte sind und ob es sie tatsächlich auch gibt. Oder wird hier eine belgische Identität konstruiert, die sich einfach als das genaue Gegenteil dessen definiert, wofür die Burka oder der Schador oder der Ganzkörperschleier vermeintlich steht. Hier stiftet ein Kleidungsstück Einheit und Identität, obwohl es mit der belgischen gesellschaftlichen Realität im Alltag nichts gemein hat.

Ein anderes Beispiel ist das Burkaverbot in Frankreich. In diesem Land wurden die Polizisten aufgefordert zu zählen, wie viele Frauen sich entsprechend kleiden. Die intensivste Zählung hat ergeben, dass 2000 Frauen von fünfeinhalb bis sechs Millionen Muslimen, eine Burka tragen. Dennoch ist eine Debatte vom Zaun gebrochen worden die letztlich in der Frage mündete: Was macht die französische Identität aus? Die Antwort auf diese Frage war, was sie eben nicht ausmacht, nämlich das Kopftuch, der Ganzkörperschleier oder eine sichtbare Religiosität der vermeintlich „Anderen“ im Lande.

In Deutschland lassen die Gesetze zum Verbot des Kopftuches in Schule und öffentlichen Einrichtungen erahnen, wie sich in diesem Land Identitätsbildung vollzieht. Begründet wurden die Verbote zumeist mit der „hehren“ Absicht die deutschen Werte vor Menschen schützen zu wollen, die mit dem Tragen des Kopftuchs zum Ausdruck bringen würden, dass sie eben diese, innerlich ablehnen.

Bei näherer Betrachtung aller hier genannten Beispiele kann man feststellen, dass es nicht einmal mehr um den Widerstreit von Moderne und Postmoderne in puncto Identität geht, sondern die politisch Verantwortlichen in Denkmuster verfallen sind, die man als wohl ohne Vorbehalte als postkolonial bezeichnen kann.

Identität im Spannungsfeld der Tagespolitik

In einer Zeit tiefster gesellschaftlicher Verunsicherungen und Umbrüche zeigen sowohl Mehrheits- als auch Minderheitsgesellschaft Reflexe, die weder neu noch einzigartig sind. Dennoch verdienen sie eine nähere Betrachtung. Verfolgt man die eben erwähnten gesellschaftlichen Debatten, erkennt man Handlungs- und Sprachmuster postkolonialer Debatten, wobei der Begriff Rasse durch den Begriff Kultur ersetzt wird und aus dem vormals genetischen Mangel jetzt ein Kulturdefizit wird.

Dies kann man etwa am Beispiel der Aussagen Thilo Sarrazins festmachen. Er unterscheidet nicht mehr zwischen Kultur und Rasse, was zwei Drittel der Deutschen inhaltlich als hart aber richtig empfinden. Vielmehr betreibt er eine Muslimschelte in einer beispiellos rabiaten Art und Weise, indem er Dinge sagt wie z. B.: „Menschliche Begabung ist nur zu einem Teil sozial bedingt, der andere Teil ist erblich“ oder „Ich muss niemanden anerkennen und respektieren, der dieses Land nicht achtet, für die Erziehung seiner Kinder nicht sorgt und ständig neue Kopftuchmädchen produziert. Dies gilt für 70% der türkischen und 90% der arabischen Bevölkerung.“ Das ist seine Meinung über die muslimische Minderheit in diesem Land. Doch wurde diese von der Mehrheitsgesellschaft nicht als rassistisch empfunden.

Nur weil der Begriff Rasse durch Ethnie oder kulturelle Identität ersetzt wird, ist die Debatte nicht harmloser und sind die Begriffe nicht unverfänglicher. Im Gegenteil, hier bilden die Begrifflichkeiten den Deckmantel für einen hegemonialen Herrschaftsanspruch, wobei die „Mächtigen“ immer wissen, wer sie nicht sind. In diesem Kontext hat der „Andere“ nur vorgeblich auch eine „Kultur“. Blickt man jedoch ein wenig schärfer in die Debatte, gilt er als kulturlos und primitiv.

Und auch dieser Aspekt ist mir in diesen zwei Tagen zu kurz gekommen. Wie haben noch nicht über die Frage der Macht und der Definitionshoheit von Begriffen gesprochen: Wer erklärt jemanden zu einer Kultur und wer erklärt jemanden als primitiv? Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir zugeben, dass der Diskurs, der zur Zeit stattfindet, keiner ist, der auf Augenhöhe geführt wird. Ganz im Gegenteil erklärt eine Kulturnation einer anderen Gemeinschaft, dass sie primitiv sei, noch bestimmte Denkmuster zu überspringen und gewisse geistige Entwicklungsprozesse hinter sich zu bringen habe. Bis dahin hat sie einen Status, den man normalerweise Eingeborenen in irgendwelchen Ländern der dritten Welt zuschreibt. Das klingt hart, klingt wieder nach Sätzen des beleidigten Muslims, der wieder die Gelegenheit wahrnehmen will, sich in der Opferrolle zu stilisieren. Doch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Situation, sollten wir uns nichts vormachen. Wenn man weiß, dass Dinge in dieser Art und Weise funktionieren, ist es auch nicht falsch, diese vermeintlich islamkritischen Debatten als Leit(d)kulturdebatten darzustellen, zumal sie auch als solche entlarvt werden können.

Ein kleiner Einschub aus gegebenem Anlass: Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was für ein Problem denn die Offiziellen, sprich politisch Verantwortlichen, mit der IGMG hätten. Irgendetwas müsse es doch geben? Auch mit Bezug auf die Erwägungen von gerade kann ich nur sagen: Ja, es gibt etwas, und zwar sind wir als IGMG der „Spiegel“ beim Deutschlandmärchen: Spieglein, Spieglein an der Wand, wie Plural ist unser Land? Wir sind der Spiegel, der die Antwort gibt. Und die Antwort ist der Grund, warum wir so behandelt werden, wie wir derzeit in der Öffentlichkeit behandelt werden. Sie lautet: „Plural? Ja, vor 60 Jahren, als wir noch unter uns waren, da waren wir Plural. Aber seit zehn Jahren, weil sich die Muslime nicht betragen, ist es vorbei mit der Pluralitätsliebelei.“

Tatsächlich halten wir einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich selbst und ihre Verfassungsordnung immer als „pluralistisch“ definiert hat und es sich nicht nehmen ließ, mit diesem „hohen“ Wert auch viel für sich und für die Verbesserung des öffentlichen Ansehens Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg zu werben. Wir verdeutlichen die Diskrepanz einer auf dem Papier gewollten aber im Angesicht der Präsenz einer „anderen“ Minderheit zunehmend in Frage gestellten Pluralität. Denn insbesondere in der praktischen Umsetzung von Pluralität, insbesondere nach den Brüchen und Umbrüchen verursacht durch den 11. September 2001, dem Mord an Theo Van Gogh 2004 oder den Bombenanschlägen in London 2005, ist es doch so, dass es von Seiten der Mehrheitsgesellschaft immer mehr heißt, Pluralität gefährde den sozialen Frieden unseres Landes. Sie gefährde unsere gemeinschaftliche Zukunft, die angesichts von Finanzkrise, Klimakatastrophe, Globalisierung, dem Aufstieg anderer Wirtschaftsnationen immer mehr fragwürdig erscheint. Man müsse aufpassen, dass die Konflikte der Zukunft nicht in unserer Gesellschaft selbst geschürt werden, indem man versäumt, die Gesellschaft zu homogenisieren.

Dieses geänderte Paradigma, also aufgrund von Zukunftsszenarien auf die Identitätsbildung der Minderheit Einfluss nehmen zu wollen, ist nichts weiter als das, was die Wissenschaft als Identitätspolitik bezeichnet. Man überlässt es nicht mehr dem Subjekt oder der Gemeinschaft, Identität selbst zu bilden. Man formuliert sie prophylaktisch für das Individuum, damit es in Zukunft keine Probleme gibt. Wer das nicht glaubt, sollte sich mit den aktuellen Sicherheitsdebatten in diesem Land, aber auch in anderen Ländern Europas, vertraut machen und sich mit den zugrunde liegenden Radikalisierungsszenarien auseinandersetzen.

Mit welchen Assoziationsketten arbeiten die Sicherheitsbehörden, Geheimdienste, Innenministerien dieser Länder, mit welchen Szenarien? Welche Identitätspolitik gerät hier in einen Widerstreit mit anderen Identitätsdefinitionen? Die zugrunde liegende Logik ist folgende: Anstatt mir zuzubilligen, mich selbst zu gestalten, möchte man verhindern, dass ich mit meinen Werten und meiner Kultur, die sowieso eine „Unter-Kultur“ sei, eine eigene Identität entwickle. Man möchte mir diesen „Ballast“ einer eigenen Identität abnehmen. Am besten sollte ich mich gleichzeitig auch des geschlechtlichen und religiösen Ballastes entledigen, damit ich ohne anzuecken und aufzufallen meinen Platz in der Gesellschaft finde. Nur so könne man sicher sein, dass es in Zukunft keine Probleme in unseren Vierteln, Städten oder auch im ganzen Land gibt.

Meine hier dargelegte Argumentation wird oft als übertrieben und überzogen wahrgenommen. Doch reicht manchmal schon ein Blick auf aktuelle Publikationen der betroffenen Innenbehörden, beispielsweise sei hier eine Veröffentlichung des Bundesinnenministeriums mit dem Titel „Integration als Terrorismus- und Extremismusprävention“ genannt, um zu verdeutlichen, dass die beschriebene Identitätspolitik maßgeblich das Denken und Handeln der Verantwortlichen bestimmt.

Der Preis dieses neuen Paradigmas sind Menschenrechtseinschränkungen und -verletzungen, ständig neue Sicherheitsgesetzgebungen, Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen auf die wir uns alle einlassen und bei denen man uns suggeriert, dass sie Pries unserer Freiheit wären. Die Argumentation ist, dass, wenn man Sicherheit will, man ein wenig auf Freiheit verzichten müsse. Dazu hat ein kluger amerikanischer Präsident mal diese weisen Worte gesprochen: „Wer die Leute wählen lässt zwischen Freiheit und Sicherheit, verdient beides nicht.“

Im Sinne dieser gefährlichen gesellschaftlichen Entwicklungen sind wir als Islamische Gemeinschaft Milli Görüş tatsächlich ein Spiegel, der dieser Gesellschaft ihre Widersprüche vor Augen führt, und vor allen Dingen deutlich macht, dass sie bei der Bewährungsprobe der Integration einer nicht-christlichen und nicht-abendländischen Minderheit drauf und dran ist, ihre gesellschaftlichen Errungenschaften bis hin zur Verfassungsordnung in Frage zu stellen oder sogar über Bord zu werfen. Und dies insbesondere zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns genau mit den Errungenschaften einer pluralistischen Gesellschaftsordnung und der damit einhergehenden spezifischen Anerkennung des „Anders-Sein“ immer mehr identifiziert haben.

Ähnliches gilt ja im Übrigen auch für die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Hier, so der Augenschein, werden die Regeln immer dann geändert, wenn sie Muslime in Anspruch nehmen wollen. Anstatt aber Pluralität auf den Prüfstand zu stellen, sollte sich die Mehrheitsgesellschaft noch einmal die Grundfeste der hiesigen Verfassungsordnung, auf die man zurecht seit 60 Jahren so stolz ist, vor Augen führen, um zu sehen, dass die Vielfalt der Lebensentwürfe und auch eine im öffentlichen Raum sichtbare Religiosität eben ausdrücklich gewünscht war und auch in Zukunft gewünscht sein sollte.

Aufgezwungene und eigene Identität

Wo wir schon denn Spiegel metaphorisch Bemühen. Seit zwei Tagen machen wir über das bisher Gesagte auch noch etwas ganz Interessantes. Wir halten uns und der eigenen Gemeinschaft nämlich selbst auch den Spiegel vor. Das, was wir hier machen, ist das Eigene in Frage zu stellen ohne es grundsätzlich zu verdammen und wiederum auf dem „geprüften Eigenen“ etwas Neues und gleichzeitig Vertrautes aufzubauen, damit etwas entsteht, mit dem man einverstanden ist und in dem man seine Wurzeln erkennt.

In diesem Sinne ist Identitätspolitik natürlich keine Einbahnstraße. Ebenso wie man bei der Mehrheitsgesellschaft kritisiert, dass man es dem Subjekt oder der Gemeinschaft nicht selbst belässt, die Inhalte seiner Identität zu bestimmen, ist auch bei uns auch immer wieder kritisch zu hinterfragen, wie viel Identität wir selbst gebildet haben und wie viel Identität uns von Hierarchien und Organisationsstrukturen, von der Gemeinschaft quasi durch kollektiven Zwang aufoktroyiert worden ist. Das heißt, es gilt immer wieder zu fragen: Ist man zu dem geworden, was man ist, weil man gar keine andere Wahl hatte, etwas anderes zu werden? Insbesondere als Nachkommen von Arbeitern, aber doch von Arbeitern, die sich aufgeschwungen haben, die Welt zu verändern, sind wir gezwungen, uns kritisch diesem Diskurs zu stellen.

Was sind denn nun die Grundpfeiler, auf denen unsere Identität aufbaut?

Zum einen macht uns ohne Zweifel die tiefe Verwurzlung im Glauben aus. Dies kann man als wesentlichen Charakterzug unserer Gemeinschaft unterstreichen.

Zweitens charakterisiert uns die Ablehnung staatlicher Einflussnahme auf die Interpretation des Glaubens. Wir haben uns dabei am türkischen Staatsislam abgearbeitet, einem Staatsislam, der durch die DITIB vertreten wurde und von dem wir uns auch demonstrativ, wie z. B. bei der Frage der Festlegung islamischer Feiertage, distanziert haben. Man kann feststellen, dass es immer wieder inhaltliche Auseinandersetzungen gab, die sich vor allem auf die Einmischung des Staates in Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften fokussierten. Dies hat zu Übertreibungen geführt, die uns nach wie vor Bauchschmerzen bereiten, weil die Zusammenführung muslimischer Repräsentanz hier eben auch daran scheitert, dass wir über Jahre hinweg große Gräben aufgebaut haben, die wir jetzt überwinden müssen. Diese Entwicklungen haben die IGMG und ihre Mitglieder geprägt und vor allem dazu geführt, dass wir einen zivilen Charakter entwickelt haben, der uns jede Form von staatlicher Einflussnahme oder auch nur den Versuch suspekt erscheinen lässt.

Als drittes Identitätsmerkmal kann die Erkenntnis, Teil einer großen Gemeinschaft von Gläubigen zu sein, also der Umma-Gedanke, genannt werden. Die IGMG sieht sich als Teil eines Großen Ganzen und leitet daraus Verantwortlichkeits,- Solidaritäts- und Brüderlichkeitsgedanken ab, die für das Handeln in der Gemeinschaft maßgeblich sind.

Ferner charakterisiert uns, viertens, unser Verständnis von gesellschaftlicher Teilhabe und die Weigerung, uns zu assimilieren. Gemeint ist dabei unser Verständnis von Religion und dessen Prinzipien, auch gesellschaftlich aktiv zu werden, sich um das Gemeinwohl zu bemühen und sich gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung zu wehren und sogar diese aktiv zu bekämpfen. Das, was uns immer wieder vorgeworfen wird, ist tatsächlich etwas, was unsere Identität ausmacht, nämlich Religion und Glauben so zu verstehen, dass es neben der persönlichen Dimension auch eine gesellschaftliche Dimension gibt. Diese leitet mich dazu an, mich für das Gemeinwohl des Landes, in dem ich lebe, der Gesellschaft, in der ich agiere, einzusetzen und als bereichernder „neuer“ Teil der Gesellschaft an der Lösung gesellschaftlicher Zukunftsaufgaben mitzuwirken.

Das hier beschriebene Verständnis von Identität, also auch der mit diesem Verständnis einhergehende  Kampf um gesellschaftliche Anerkennung, ist fast deckungsgleich mit soziologischen Definitionen von Ethnizität, als Prozessen von Selbstidentifizierungen, Wiedererkennung der eigenen Vergangenheit, Selbstverortung im Rahmen identitätspolitischer Anerkennungskämpfe bei marginalisierten Gruppen. Nun, gut zu wissen, das auch hier die Wissenschaft Erklärungen für bestimmte Handlungsmuster parat hat. Vor allem deshalb, weil wir immer davon ausgegangen sind, dass wir so agieren, weil es so richtig ist und weil es so unseren Glaubenswerten, unseren Vorstellungen von Identität und Glaubensverwirklichung entspricht. Deshalb führe ich diese Definition der Wissenschaft auch immer mit einem Augenzwinkern an.

Sich über den Anderen definieren

Es ist auch richtig, dass wir in puncto Identitätsbildung natürlich als Gemeinschaft selbst nicht vor dem „Othering“, über das wir gestern und heute gesprochen haben, gefeit sind. Das heißt, dass bei unserer Identitätsbildung Dualität, also etwa der Begriff „Hak“ im Widerstreit zum Begriff „Batıl“ eine wichtige Rolle gespielt hat. Das darauf basierend vereinfachte Weltbilder, Antisemitismus und die Vermutung einer jüdischen Weltverschwörung, teilweise auch eine Rolle in unseren Identitäten gespielt haben, ist so, wie es ist. Dies zu verleugnen, so zu tun als ob das kein Teil unserer Identitätsgeschichte wäre, wäre nicht aufrichtig. Sie aber zum Maßstab zu machen und so zu tun als ob das nach wie vor Quellen unseren Identitätsfindung ist, ist  das große Unrecht, das man dieser Gemeinschaft antut. Die Geschichte zu verleugnen und auch zu verleugnen, dass diese vereinfachten Weltbilder insbesondere bei jungen Leuten auch Rezipienten finden, wäre einfach nicht aufrichtig. Damit sich auseinander zu setzen, mit dem Rassismus und dem Antisemitismus in den eigenen Reihen ist eben die große Herausforderung für die Gemeinschaft und die Vorreiter dieser Gemeinschaft.

Jeder kennt folgendes Gedicht von Necip Fazıl Kısakürek, oder zumindest den Anfang:

„Mein Feind,

mein Ansporn,

Ausdruck meines Ich,

wie der Tag die Nacht,

so brauch auch Ich dich.“

Das war eine große Zeit, als wir noch Identität geformt haben, immer im Gegensatz zu den Anderen, den vermeintlichen Feinden: Ich bin das, was er nicht ist. Hierzu eine kleine Anekdote: Wir hatten einmal einen Wissenswettbewerb organisiert, bei dem beschrieben werden sollte, was Islam ist? Der beste Satz, der damals gewann, lautete: „Islam ist das Gegenteil von allem Schlechten, von allem Bösen,  von allen Kriegen, von allen Menschenrechtsunterdrückungen, die es in der Welt gibt.“

Nun haben wir also Applaus für eine Definition bekommen, die beschreibt, was der Islam nicht ist. Doch was ist er denn? So einfach haben wir uns die Welt dann immer gern gebastelt. Immer als Gegenteil des „Anderen“, nach dem Motto: Sie akzeptieren uns als Kultur nicht, sie sind doch selbst keine Kultur. Haben die überhaupt einen „Ahlak“, haben die noch Sitten und Moral? Die Frage, ob es in dieser Gesellschaft Moral gibt oder nicht, ist eine Frage, die ich als unmoralisch empfinde. Hierbei macht man sich selbst zum Maßstab, nach dem Motto: Die haben uns zu einer primitiven Nation gemacht, dann bezeichne ich sie als primitive Nation, die nichts anderes kennt, als nach Glück zu streben, rastlos durch die Gegend zu irren, obwohl wir doch schon im Besitz des Glückes sind. Da können die noch lange warten. Das sind doch die Debatten, die im internen Kontext  geführt werden, wenn mal keine Kamera dabei ist. Mögen Deutsche ihre Kinder? Weinen sie wirklich um ihre Kinder? Empfinden sie Trauer, wenn Kinder sterben? Das sind Debatten, die natürlich jeglicher Grundlage entbehren bzw. mit haltlosen Stereotypen arbeiten und bei denen schon ein Hausbesuch beim vermeintlich „Anderen“ genügen würde, um einzusehen, dass der „Andere“ die gleichen Sorgen und Nöte hat und sich genauso um die Zukunft seiner Kinder sorgt, wie man es ja selbst auch tut.

Aus diesem hegemonial angehauchten Diskurs müssen wir natürlich herausfinden. Wir müssen selbtverständlich auch kritisch gegenüber dem sein, was uns die Postmoderne suggeriert, dass nämlich die Religiosität nur eine Scheinrealität ist, in die man sich flüchten kann, die aber dennoch keine Antworten gibt. Religiosität ist im Sinne postmoderner wissenschaftlicher Deutung nichts anderes als Nationalismus, also eine Scheinwirklichkeit, die es so nicht gibt und die suggeriert wird, in der man sich quasi sicher fühlt, die jedoch diese Sicherheit nicht garantiert.

Ich finde, mit diesem Ansatz muss man sich  kritisch auseinandersetzen. Da knüpfe ich an das an, was Prof. Dr. Mahmut Erol Kılıç gesagt hat, wonach „ein sinnvolles Leben, ein Leben mit Sinn ist auch in der Limitierung des Sich-Selbst möglich ist“. In diesem Sinne sind religiöse Menschen eben nicht irgendwelche windigen Anbieter im „Suche-nach-dem Sinn-Supermarkt“, sondern glaubwürdige Ansprechpartner die Antworten bieten auf das, was wir sind und auf das, was wir werden.

Auch verweigern wir uns der These, dass es die Konsumkraft ist, die den Wert eines Menschen ausmacht, wie uns die Postmoderne glauben machen will. Unser Maßstab vom Wert des Menschen ist seine Gottesfürchtigkeit (Takwa). Auch da wieder ein koranischer Ansatz. Ebenfalls widersprechen wir zu Recht der postmodernen Rastlosigkeit und der fieberhaften Suche nach Glück und Lebenssinn, weil wir die Quelle für selbige nicht in der Erfüllung von materiellen Wünschen und Erwartungen sehen, sondern dem Bemühen, das Wohlgefallen unseres Schöpfers zu erlangen und uns seinem Willen zu ergeben. In diesem Sinne gilt es nicht etwas zu finden, sondern der Weg ist das Ziel, also das Sich-Bemühen, um der Zufriedenheit des Schöpfers willen. Das ist der Ansporn, der uns immer wieder nach vorne treibt.

Wie sicher sind wir in unserer Identität? Wir kommen immer sehr selbstsicher daher, dies wird Prof. Schiffauer auch bestätigen. Sieht man etwas genauer hin, macht man den Staub weg, wird man sehen, dass in den innergemeinschaftlichen Debatten die Sätze immer so anfangen: „Unsere Kinder gehen verloren!“, „Unsere Familien lösen sich auf.“, „Was macht die Milli Görüş aus?“, „Werden unsere Enkel noch an das glauben, woran wir glauben?“

Besonders selbstsicher klingen diese Fragen nicht, obwohl man doch sehr sichere Antworten zu bieten hat, wie man auch immer wieder im Identitätsdiskurs über die IGMG sagt. Man wirft uns ja vor, an einer eigenständigen Identität festzuhalten und damit desintegrativ zu wirken und somit Parallelgesellschaften zu fördern. Aber blickt man ein bisschen in die Gemeinde hinein, wird man sehen, dass es auch viel Pfeifen im Walde gibt. Oft sagt man, man sei sich sicher, man wisse, worum es gehe und was die Antworten seien. Doch wenn man sich darauf einlässt, kann man Sätze vernehmen, die besagen, dass man sich eben nicht so sicher ist, denn die Kinder denken anders, die Familien sind inzwischen anders strukturiert und Herausforderungen sind andere.

Was ist denn die größte Herausforderung? Die größte Herausforderung ist, sich von den gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft nicht lähmen zu lassen, sich auch als Gemeinschaft nicht lähmen zu lassen, sondern im Kontext des eigenen Religionsverständnisses die Herausforderung anzugehen.

Zeiten wandeln sich, also wandeln sich die Antworten, aber nicht die Quellen. Wenn sich die Quellen nicht wandeln und sich die Antworten auf die Zeit einstellen müssen, ist das die Dynamik, die den Islam innewohnt, auf die wir uns immer wieder berufen sollten. Und auch wenn viele Dinge in Wallung und Bewegung geraten sind, wenn Familienstrukturen sich ändern, wenn Mobilität viele Dinge durcheinander wirbelt, ist doch die eigentliche Herausforderung für die IGMG, eben auch auf diese neuen Fragen Antworten zu geben. Wenn es etwa die Familie z. B. nicht mehr leisten kann, im Familienbund die Älteren zu versorgen, ist die Gemeinschaft gefragt, durch den Betrieb von Altersheimen Antworten zu geben. Ebenso ist die Gemeinschaft aufgefordert Strukturen aufzubauen die, z. B. in Form von Moscheen, Bildungseinrichtungen, Begegnungsstätten und Studentenwohnheimen, Geborgenheit und Heimat bieten. Das sind keine Parallelstrukturen. Das ist auch kein Versuch, sich von dieser Gesellschaft zu verabschieden, sondern es ist das ernsthafte Bemühen, muslimische Antworten zu geben auf Fragen, die im Spannungsfeld von Globalisierung und Individualisierung unweigerlich aufkommen.

(Transkribiert von Şeyma Üçüncü)

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