Freitagspredigt

Machen wir von unserem Wahlrecht gebrauch – Hutba

11. Juni 2004

Verehrte Brüder und Schwestern,

Seitdem die Menschheit angefangen hat, in einem Staatsgebilde zu leben, hat das Thema „regieren und regiert werden“ immer einen wichtigen Platz eingenommen. Oft genug geschah es, dass sich die Regierenden als höher und wichtiger bewerteten, als die, über die sie regierten und sich genau so oft, als die Stellvertreter und als Schatten einer göttlichen Macht präsentierten, um so Teil an der Göttlichkeit zu haben. So war es für diese auch selbstverständlich, dass die Regierten ihnen gegenüber unbedingten Gehorsam zollen und dienen mussten. Diejenigen, die diesen Gehorsam nicht erwiesen, wurden mit Unterdrückung und Grausamkeiten überzogen. Eines der Gründe für die Entsendung der Propheten war es auch, diesen Ungerechtigkeiten ein Ende zu setzen und damit unter den Menschen den freien Geist zu beleben und sie anzuhalten, ihr Leben und ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Besonders unsere Religion weist daraufhin, wenn es gebietet die Verantwortung dem Qualifiziertesten zu übergeben, dass die Muslime bei der Auswahl ihrer Regierenden ihre Wahl gut treffen sollen. So ist es nicht verwunderlich, wenn der Koran dem Propheten (saw) gebietet, jemandem die Schlüssel der Kaaba zu überlassen, obwohl diese Person damals den Islam garnicht angenommen hatte, aber der qualifizierteste für diese Aufgabe war. So heißt es in der Sura Nisa 4, 58: „Siehe, Allah gebietet euch, die euch anvertrauten Güter ihren Eigentümern zurückzugeben, und wenn ihr unter den Leuten richtet, nach Gerechtigkeit zu richten. Siehe, Allah „” wie trefflich ist das, wozu Er euch mahnt! Siehe, Allah hört und sieht.“ Unser Prophet wertete das Nicht-verteidigen-können der Verantwortung als ein Zeichen für die Nähe des Jüngsten Gerichts und sagte zu einem Gefährten, der fragte, was dieses Nicht-verteidigen-können bedeuten soll: „Jemandem die Verantwortung zu geben, der sie nicht tragen kann ist ein Nicht-verteidigen-können der Verantwortung und ein Zeichen für den Jüngsten Tag.“(Buchari, Ilim)

Liebe Muslime,

Es gab Jahrhunderte, in denen konnten wir als Muslime nicht von unserem Recht Gebrauch machen, uns unsere Regierenden auszuwählen. In der jetzigen Zeit haben wir nun endlich die Möglichkeit, wenn auch nicht zu genüge, die Menschen, die uns regieren werden, selbst zu wählen. Leider ist es aber eine Tatsache, dass wir, wie bei vielen anderen wichtigen Themen, durch unsere Ignoranz und unser Desinteresse auch dieses Recht an uns vorbei streichen lassen. Mit den Worten „Was soll sich schon ändern, wenn ich wähle?“ werfen wir unsere Wahlbenachrichtigung in den nächsten Mülleimer und sind zu faul um unsere Stimme im nächsten Wahllokal um die Ecke abzugeben. Aber gerade das sollten wir nicht machen. Auch wenn wir unsere Wahlbenachrichtigungen nicht mehr haben, können wir durch Vorlage unseres Personalausweises an der Wahl teilnehmen. Lasst uns an diesen Wahlen teilnehmen.
An diesem Sonntag, den 13. Juni 2004 werden die Wahlen zum Europa-Parlament abgehalten. Bei dieser Wahl, mit der EU-weit ca 700 Abgeordnete in das Europa-Parlament gewählt werden, wird über die weitere Zukunft Europas entschieden. Und besonders wichtig ist, dass auch die Stellung, die Rechte und Pflichten der in ganz Europa verteilten Muslime hier festgelegt werden. Diese Wahl ist für uns somit genauso wichtig wie die Wahlen zum Bundestag oder zu Landtagen. Beim Wählen sollten wir aber besonders auf die Haltung der Parteien in Bezug zu Migranten und Muslimen achten und die Kandidaten unterstützen, die Migranten nicht als Belastung, sondern als Bereicherung ansehen. Wenn wir heute die Chance zum Wählen und damit Mitentscheiden verpassen, hat es auch kaum einen Sinn, später über die Folgen zu klagen. Wie ich es vorher schon gesagt habe, das Gebrauchen des Wahlrechts und das Unterstützen der am meisten qualifizierten Person, ist auch eine religiöse Aufgabe. Dieser Aufgabe sollte nachgegangen werden. 

Verehrte Gemeinde,
Ich will unsere Hutba mit einem Vers abschließen, der uns zeigt, dass es für unsere Zukunft wichtig ist, welche Entscheidungen wir treffen und ich will noch einmal darauf hinweisen unsere Rechte und unsere Zukunft in die Hand zu nehmen: „Gewiß, Allah verändert die Lage eines Volkes nicht, solange sie sich nicht selbst innerlich verändern.“(Ar-Ra’d 13, 11)

IGMG SEELSORGE-ÖFFENTLICHKEITSARBEIT