Gemeinschaft

Muslime in Sri Lanka – Opfertierkampagne in Sri Lanka II

04. Januar 2007

„Es geht uns als Muslimen ganz gut“, sagt Abdurrahman. „Wir können unsere Religion frei praktizieren, es ist kein Problem zum Beispiel Halal-Fleisch zu finden. Wir haben eine gute Beziehung zu allen.“ Aber so völlig unbeschwert scheint das Leben hier doch nicht zu sein. Auf meine Frage, ob sie denn die Opfertierkampagne auch an die Presse geben würden, wird er zurückhaltender. „Nein“, sagt er zurückhaltend, „wir leben in einem buddhistischen Land“. Die Muslime in Sri Lanka bauen ihre Häuser um die Moschee und die Schule. Sie ziehen es vor zusammenzuleben. „Um die Kultur zu bewahren und wegen der Sicherheit“, sagt der Bruder aus Sri Lanka. „So sind wir sicher vor Angriffen.“ Dabei sind die Preise in muslimischen Gegenden nicht unbedingt billig. Während man in singalesischen Regionen für 1000 $ ein ganzes Hektar Land bekommen würde, könnte man dafür in muslimischen Gegenden gerade mal genug Land bekommen, um ein Haus mit einem oder vielleicht noch zwei Zimmern zu bauen.

Unsere erste Station ist die Hauptstadt Colombo. Die Muslime hier haben schon einige Vorbereitungen getroffen. Aus verschiedenen Regionen Colombos sind Helfer gekommen, an die wir die Opfertiere verteilen. Am Opferfesttag werden wir dann die verschiedenen Orte noch einmal besuchen. Auf dieselbe Art und Weise verfahren wir dann auch in den weiteren Orten, denn die wenigsten Opfertiere gehen an die Bedürftigen um Colombo. In den nächsten Tagen werden wir die Opfertiere inschallah („Wenn Allah will“) im gesamten Land verteilen. Noch 40% der Tsunami-Opfer leben in Notunterkünften. Zurück können sie nicht, weil zum Neuaufbau einfach das Geld fehlt. Mit dem Tsunami haben sie nicht nur ihr Habe verloren, sondern auch ihre Arbeitsstätten.

Die Fahrt führt über Chilaw weiter nach Putalam. In beiden Städten verteilen wir unsere Opfertiere. Auffallend ist, wievielen Witwen und Waisen wir begegnen. „Das Problem ist, dass hier eine Person sieben, acht andere zu versorgen hat“, erklärt Abdurrahman. „Wenn dieser stirbt oder arbeitsunfähig wird, leiden alle darunter.“ Ein staatliches soziales Netz gibt es in Sri Lanka nicht. Wenn jemand fällt, kann er nur noch auf die Milde seiner Mitmenschen hoffen.

Putalam ist eine Stadt an der Westküste. Sechzig tausend Menschen leben hier, Dreihunderttausend in ihrem Umfeld. Mehr als Hunderttausend davon sind Bürgerkriegsflüchtlinge. Sie sind vor dem Konflikt aus dem Norden und dem Osten des Landes geflohen und leben seit über einem Jahrzehnt auf dem Land, das ihnen nicht gehört, in einer Gegend, in die sie nicht gehören. 80.000 Menschen leben auf der Nehrung nach Kalpitiya, ohne Arbeit und ohne Zukunft. Später, am Tag vor dem Kurban-Fest, werden wir hier Nahrungspakete verteilen, doch dazu kommen wir später. In Putalam gibt es 40 Moscheen. Hier werden wir am ersten Festtag mit dem Opfern beginnen. Die Opfertiere werden zentral in zwei Schlachthäusern geopfert und dann vor den Moscheen an die Bedürftigen verteilt. Abdurrahman erzählt, dass unser Engagement hier auch die wohlhabenderen Muslime in der Gegend dazu animiert hätte, auch selbst mehr zu spenden. Zu jedem Rind, das wir hier Opfern, würde zumeist noch eins vor Ort dazu kommen.

Unser Partner vor Ort ist eine srilankische Hilfsorganisation. Es sind Muslime, die im gesamten Land emsig arbeiten. Es sind vertrauenswürdige Leute, die dem allgegenwärtigen Schmutz der Korruption fernbleiben. Doch nicht nur die Korruption, die es hier auf jeder staatlichen Ebene gibt, ist ein Problem. „Eine italienische Hilfsorganisation hat uns einmal die Zusammenarbeit in einem Hilfsprojekt in Mutur angeboten. Sie sagten, es gehe um ein 90.000 $-Projekt. Doch zum Projekt gehörten auch die Ausgaben für einen ausländischen, italienischen Koordinator, seine Spesen, seine Helfer und noch einiges andere. Für die Bedürftigen blieben am Ende gerade einmal 6.000 $“, sagt Abdurrahman. Sie haben abgelehnt, doch stellt dieses Beispiel keine Ausnahme dar. „Wenn ausländische Regierungen Hilfe schicken“, erklärt er weiter, „dann kommen ihre Ingenieure, ihr Material, ja selbst die einfachsten Arbeiter aus dem Ausland. Den Menschen hier hilft dies nur wenig.“

Das Ansehen der Muslime in Sri Lanka hat mit den Jahren sehr gelitten. Besonders ihre Reinheit und ihre Hilfsbereitschaft, auch Nichtmuslimen gegenüber, sorgte für das Wohlwollen ihrer Mitmenschen. „Dies änderte sich, nachdem die ersten Sri-Lanker in die Golfstaaten zum Arbeiten gingen“, sagt Abdurrahman. „Die Muslime die sie dort antrafen, passten nicht unbedingt in das gewohnte Muslimbild der Singhalesen. Besonders die Ausbeutung, die sie dort erfuhren, beeinflusste ihre Meinung von Muslimen.“ Doch selbst heute sieht man noch weiterhin Spuren dieses Ansehen. Als wir einem Bettler etwas Geld in die Hand drücken, schimpft der buddhistische Hotelier mit dem Bettler. Wir seien Muslime, er solle sich damit keinen Alkohol kaufen. „Selbst eine Singhalesin wird einen Muslim nach dem Weg fragen, als einen anderen Singhalesen, weil sie ihm eher vertraut“, sagt unser Begleiter.

Auch die Medienberichterstattung und das Weltgeschehen tragen zum Negativ-Image der Muslime bei. „Immer wieder sieht man Muslime als Mörder, als Terroristen. Und dies prägt das Bild der Muslime, obwohl man sich mit seinem muslimischen Nachbarn sehr gut versteht“, klagt Salahuddin. Manch nationalistischer Politiker nutze dies immer wieder aus, um auf Stimmenfang zu gehen. In diesem Punkt sind sich Deutschland und Sri Lanka wohl näher, als manch einer denken würde. Unsere nächste Station wird Anuradhapura sein. Dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.

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