Gemeinschaft

Mustafa Yeneroğlu: „Es ist wichtig, neben der Verkündung unserer Werte diese vor allem zu repräsentieren.“

13. März 2013

Herr Yeneroğlu, die Öffentlichkeitsarbeit war zuvor als Unterabteilung beim Generalsekretariat angesiedelt. Warum bedurfte es einer Neustrukturierung und der Gründung einer neuen Einheit unter der Bezeichnung Abteilung für Verbandskommunikation?

Nach der Generalversammlung der IGMG am 11. Mai 2011 folgten umfangreiche Beratungen. Wir stellten fest, dass das Generalsekretariat mit den Arbeitsfeldern institutionelle Repräsentanz, der Grundsatz- sowie Rechtsabteilung und die Öffentlichkeitsarbeit sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht übermäßig belastet war. Um den gestiegenen Anforderungen in den jeweiligen Arbeitsfeldern gerecht zu werden, war es notwendig, die verschiedenen Arbeitsfelder weiter aufzufächern und neu zu strukturieren. Dabei sind auch vermehrt moderne Kommunikationsmittel in den Blickpunkt gerückt. Durch die fortschreitende technologische Entwicklung stehen diese in immer unterschiedlicheren Formen zur Verfügung und ermöglichen es, betreffende Zielgruppen viel schneller und einfacher zu erreichen, als es früher der Fall war. Um diese modernen Kommunikationsmittel effektiv einsetzen zu können, ist freilich eine intensive Beschäftigung mit ihnen erforderlich. Dies lässt sich wiederum nur realisieren, wenn das Fachwissen der Mitarbeiter vertieft und die Entscheidungsmechanismen vereinfacht werden. So wurde die Neustrukturierung ausgehend von diesen grundsätzlichen und dynamischen Faktoren her bestimmt.

Jetzt ist die Abteilung für Verbandskommunikation zum einen für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit und die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit durch die Medien- Presse- und Kulturagentur zuständig. Zum anderen ist sie für den eigenen Verlag und die Periodika wie das Bulletin camia und die Zeitschriften Perspektif und Sabah Ülkesi sowie den Buchclub „Kitap Kulübü“ verantwortlich.

Auf welchen Gebieten ist die Presseagentur tätig? Nach welchen Kriterien werden die Themen, zu denen Pressemitteilungen veröffentlicht werden, ausgewählt?

Die Hauptaufgabe unserer Presseagentur besteht darin, Informationen und Meinungen, die in den betreffenden Abteilungen der IGMG entwickelt und zur Verfügung gestellt werden, aufzubereiten und in Ausrichtung auf die Ziele unserer Gemeinschaft sowie unter Verwendung einer angemessenen Sprache, der Presse möglichst zeitnah zur Verfügung zu stellen. Zweck der Pressemitteilungen ist es zum einen, die Tätigkeitsfelder der IGMG bekannt zu machen und zum anderen, gesellschaftliche Entwicklungen aus nächster Nähe zu beobachten, daran teilzuhaben, ihre Bedeutung einzuschätzen und sie auf die Tagesordnung zu bringen. Auf diese Weise soll die Gesellschaft informiert und ein Bewusstsein für wichtige Themen geschaffen werden. Das können allgemeine Angelegenheiten der Muslime, wie die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen oder der Schutz ihrer Grundrechte sein. Sie können aber auch Reaktionen auf Entwicklungen sein, die auf Unrecht und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft hindeuten oder vor allem auf positive Entwicklungen, die dem Wohle aller dienen. Es ist uns wichtig, positive Entwicklungen, die dem Allgemeinwohl dienen, zu fördern und Personen, die sich hierzu verdient gemacht haben, zu würdigen. Gleichzeitig wollen wir aber auch sich abzeichnende negative Entwicklungen mithilfe konstruktiver Kritik in die Öffentlichkeit tragen.

Findet die Arbeit der IGMG Ihrer Ansicht nach ausreichend Anklang in der Presse? Wie erfolgreich ist die IGMG im Hinblick auf die Bekanntmachung ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit? Was sind Ihre Ziele und Erwartungen diesbezüglich?

In der türkischen Presse finden unsere Arbeiten großen Anklang. Das Gleiche kann ich für die deutsche Presse nicht sagen. Das hat mehrere Gründe. Insbesondere positive Ereignisse im Zusammenhang mit Muslimen werden oft außer Acht gelassen. Negative Ereignisse, die Gewalt, Terror, oder Einschränkung von Freiheiten in der islamischen Welt zum Gegenstand haben, werden hingegen in den Vordergrund gerückt. Negative Einzelfälle werden oft generalisierend allen Muslimen angerechnet. Auf diese Weise wird das Stigma erzeugt, negative Ereignisse würden aus dem Wesen des Islams herrühren. Nicht jeder Journalist tut dies bewusst. Allerdings ist die in Jahrhunderten genährte und im Unterbewusstsein verankerte Vorstellung vom „Anderen“ so stark, dass viele ihre Handlung oft nicht reflektieren.

Beispielsweis ist das Konstrukt in der westlichen Welt, den Islam mit Gefahr in Verbindung zu bringen, weit verbreitet. Viele Menschen konnten von dieser vermeintlichen Gefahr überzeugt werden. So wurde es möglich, Feindschaften gegen den Islam sowie Aggressionen gegen Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit zu begründen.

Die bekannten Vorurteile und Klischees folgen nahezu alle dem gleichen Muster, dem auch die aktuelle Politik folgt. Sie läuft darauf hinaus, erkennbare Andersartigkeiten der islamischen Minderheit möglichst zu selektieren und zu marginalisieren. Umso erstaunlicher erscheint es, dass sogar islamische Religionsgemeinschaften heute teilweise soweit sind, die unter dem Namen „Integration“ vorangetriebene Politik der Vereinheitlichung und Assimilation selber zu vertreten und eine ähnliche Sprache zu verwenden. So wächst die Zahl derjenigen, die unsere Andersartigkeiten als eine Gefahr annehmen, von Tag zu Tag.

Leider entspricht die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Presse als objektiver Berichterstatter nicht der Wirklichkeit. Sie bringt staatlichen Institutionen übermäßiges Vertrauen entgegen. Insbesondere, wenn es um Sicherheitsthemen geht, wird sie regelrecht zum Sprachrohr des Staates. In diesem Bereich hat sie im System der Gewaltenteilung niemals eine kritische vierte Gewalt repräsentiert. Wenn wir uns den Verlauf der rechtsterroristischen Ereignisse in Deutschland anschauen, wird das sehr deutlich. Es wurde nichts hinterfragt, bis der Skandal zufällig aufflog.

Es wäre naiv zu glauben, diese für den Großteil der deutschen Presse charakteristische Haltung könnte in Bezug auf die IGMG anders ausfallen. Verschiedenste Einrichtungen der deutschen Presse vertrauen den Berichten der staatlichen Behörden bedingungslos. Auf diese Weise werden die von den Sicherheitsbehörden konstruierten Szenarien zu einem Spielball für die politischen Kräfte. Die Presse serviert es und generiert die gesellschaftliche Unterstützung. Glücklicherweise nimmt die Zahl der Menschen, die erkennen, dass man sich auf diese Weise in einen Teufelskreis manövriert, zu. Das gibt uns zumindest eine kleine Hoffnung auf Besserung.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch Selbstkritik. Gibt es auf unserer Seite überhaupt keine Fehler? Selbstverständlich gibt es sie. Wir müssen die Kommunikation intensivieren und geeignete Umfelder schaffen, die Begegnungen und gegenseitiges Kennenlernen ermöglichen. Zudem ist es unumgänglich, dass sich die junge Generation dem Journalismus zuwendet und wir die Zahl der Muslime, die in den deutschen Medien tätig sind, erhöhen. Außerdem ist es wichtig, dass wir unsere Werte auch tatsächlich selbst praktizieren, wie es unser Prophet vorgelebt hat. Er hat nichts gesagt, was er selbst nicht vorgelebt hat.

Innerhalb der Abteilung für Verbandkommunikation wurde auch eine Kommunikationsagentur gegründet. Auf welchen Gebieten ist diese Agentur tätig?

Aufgrund des Bedarfs war die Gründung einer Kommunikationsagentur eines unserer ersten Projekte mit einer hohen Priorität. Denn jede ernst zu nehmende Institution muss sich gut überlegen, wie sie sich präsentieren will.

Das gilt auch für uns. Es ist sogar unsere religiöse Pflicht, nicht nur nach dem Besten zu streben, sondern uns auch entsprechend zu zeigen. Denken Sie an einen Menschen, der durch seine elegante Bekleidung, seine gepflegte Erscheinung, seiner Eloquenz das Interesse anderer auf sich lenkt. Mit solchen Personen suchen andere Menschen eher den Dialog. Dieses Beispiel lässt sich auch auf Institutionen übertragen. Bekanntlich isst das Auge mit.

Daher war es notwendig, unser Verständnis und unsere Ansprüche auch in entsprechendem Design und entsprechender Gestaltung zu präsentieren. Die Kommunikationsagentur soll helfen, Projekte, die der Öffentlichkeitsarbeit dienen, auf professionellere Weise zu planen und umzusetzen.

Was ist der Zweck der ebenfalls neu gegründeten Kulturagentur? Welche Zielgruppe wollen Sie primär mit dieser Agentur erreichen?

Hauptziel ist es, Muslime über ihre eigene Kulturgeschichte und ihr kulturelles Erbe zu informieren. Außerdem wollen wir einen Anstoß geben, diese Kultur im Rahmen der Möglichkeiten wieder zum Leben zu erwecken, um die eigene kulturelle Identität zu stärken. Denn Kultur bleibt so lange lebendig, wie sie gelebt wird und das stärkt das Selbstbewusstsein. Die IGMG engagiert sich bereits seit ihrer Gründung in diesem Bereich. Und die jetzigen Anstrengungen dienen ebenfalls dem Anspruch, Menschen ihre religiösen und kulturellen Werte zu vermitteln. Die Kulturagentur wird diesem Anspruch ein Format geben. Ich bin überzeugt, dass das zunehmende Angebot an kulturellen und künstlerischen Aktivitäten sich auch auf die Mehrheitsgesellschaft positiv auswirken wird. Auf diese Weise können kulturelle Felder geschaffen werden, auf die sich alle gleichermaßen berufen können – für eine gemeinsame Zukunft, für ein schöneres Leben.

Sie bieten Ihren Lesern mit dem Bulletin camia und den Zeitschriften Perspektif und Sabah Ülkesi drei gedruckte Periodika an. Darf man fragen, warum sie drei verschiedene Publikationen herausgeben?

Es liegt in der Natur der Sache, dass Arbeiten, die unter dem Einfluss bestimmter Ideale gemacht werden, dann auch diese Ideale widerspiegeln und diese dadurch am Leben erhalten. Unsere Publikationen haben den Zweck, den Lesern Informationen zur Verfügung zu stellen und damit ein Bewusstsein zu schaffen, das für eine Meinungsbildung notwendig ist.

Diese Publikationen sollen zuallererst an moralische Werte erinnern sowie die kulturellen und geistigen Wurzeln nähren. Außerdem sollen sie die Beteiligung der Leser am hiesigen Leben fördern. Inhaltlich greifen wir aktuelle Themen genauso auf, wie Themen, die die eigene Identität betreffen und in Bezug auf Werte und Verantwortung wichtig sind. Jede dieser Publikationen ist auf die Erwartungen der angesprochenen Zielgruppen ausgerichtet. Die Camia beispielsweise erscheint alle zwei Wochen mit einer Auflage von 50.000 Stück und spricht insbesondere die Moscheebesucher an. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, die weltweiten Aktivitäten der IGMG besser kennenzulernen und die bereits bestehende Beziehung noch weiter zu stärken.

Perspektif hingegen wird bereits seit 18 Jahren herausgegeben. Sie hat das Ziel, den Blick der Leser auf aktuelle Ereignisse und deren Hintergründe zu richten, um so zur Meinungsbildung beizutragen.

Sabah Ülkesi konzentriert sich auf die Themen Kunst, Kultur und Philosophie. Sie trägt unter anderem dazu bei, dass das Türkische als intellektuelle Sprache in Europa stärker Anwendung findet. Sie wird bereits seit 10 Jahren quartalsweise herausgegeben. Sie sehen, alle drei Publikationen haben unterschiedliche Themenschwerpunkte.

Haben Sie auch Projekte für Publikationen in jeweiligen Landessprachen?

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Vorneweg muss ich hier allerdings eingestehen, dass wir solche Publikationen bisher nicht ausreichend gefördert haben. Dieser Zustand ist ein großer Makel. Außer unserer Internetpräsenz und unseren Informationsbroschüren haben wir im Moment leider keine deutschsprachigen Publikationen. Es ist aber wichtig, dass Publikationen in unserer zweiten Heimatsprache herausgegeben werden. So sind einige Projekte in Planung – darunter Buch- und Internetprojekte. Wenn diese abgeschlossen sind, werden wir uns hoffentlich auch an die Umsetzung von regelmäßigen Printprodukten in deutscher Sprache machen.

Da Sie Buchprojekte ansprechen, möchte ich auf den kürzlich im Rahmen Ihrer Abteilung gegründeten Verlag zu sprechen kommen. Warum hielt man es für notwendig, unter dem Dach der IGMG einen Verlag zu gründen?

Der Verlag soll unter anderem dazu beitragen, die oben erwähnte Lücke bei den deutschsprachigen Publikationen zu schließen. Dazu soll eine Literaturgattung etabliert werden, die der Stärkung der islamischen Identität dient. Ziel ist es, die hiesige Literaturlandschaft zu bereichern. Zwar wird bereits daran gearbeitet, die islamische Kultur bekannter zu machen und fernab der gängigen Klischeebilder zu präsentieren. Es ist aber dringend notwendig, diese Anstrengungen zu verstärken.

Mittlerweile gibt es Fakultäten für islamische Theologie, die hoffentlich wichtige Beiträge leisten werden. Manche Verlagshäuser, wie zum Beispiel das Verlagshaus Beck, lassen wichtige Klassiker übersetzen. Es ist wichtig, dass auch wir uns an diesem Prozess beteiligen und ihn fördern. Wir denken daran, neben Übersetzungen auch neue Werke auf den Markt zu bringen. Außerdem werden wir in diesem Rahmen auch jungen Autoren die Möglichkeit bieten, ihre Bücher herauszubringen.

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