Gemeinschaft

Opferfest 2006 in Kaschmir

25. Januar 2006

Vor genau 12 Tagen hatte unsere Reise in das Erdbebengebiet begonnen. Ich war sehr gespannt auf das, was mich erwarten würde. In den Medien hatte ich schon viel über das Problem in Kaschmir gelesen. Persönlich hatte ich mich schon auf eine schwierige Mission eingestellt, aber das, was ich gesehen und erfahren habe, ist doch wesentlich schlimmer.

Die Kaschmiris haben ein Erdbeben erlebt, doch das, was sie noch erwartet, könnte durchaus viel schlimmer werden. Die Kaschmiris sind ein Bergvolk. Sie haben sich an den Hängen der Berge niedergelassen. Ihre gesamte Lebensweise ist an die rauhe Umgebung der Berge angepasst. Die maroden Straßen machen die Verbindung zwischen den Städten und Dörfern zu einem großen Problem. Für eine Distanz von ca. 90 km benötigt man fünf bis sechs Stunden mit dem Auto.

Jeder einzelne Berg muss umfahren werden. Hinter jeder Kurve lauern Überraschungen. Ich weiß nicht, wie oft wir den Rückwärtsgang einlegen mussten, um ein LKW vorbei zu lassen. Die Straßen um die Berge sind einspurig, bei Gegenverkehr wird jede Begegnung zu einem Ereignis.

Im Rahmen unserer Hilfsaktion für die Erdbebenopfer hat die IGMG die Verantwortung und Finanzierung von 1500 Notunterkünften übernommen. Die Besichtigung dieser Unterkünfte wurde zu einem Abenteuer. Wie in einem meiner vorherigen Berichte erwähnt, konnten wir das Gebiet, in dem die Häuser stehen, im ersten Anlauf nicht erreichen. Beim zweiten Versuch waren wir erfolgreicher.

In dem Bezirk rund um Rawalkot entstehen einige IGMG-Dörfer. Die Notunterkünfte werden direkt neben den vom Erdbeben zerstörten Häusern errichtet ( siehe Bild 1). Viele Menschen haben die Gegend nicht verlassen, sie warten auf den Sommer. Sie beabsichtigen im Sommer, wenn der Winter vorbei ist, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Die Notunterkünfte von der IGMG werden so gebaut, dass sie später zu einem Teil des neuen Hauses werden können.

Die Menschen zeigten sich sehr dankbar für diese Unterstützung. Diese Notunterkünfte erlauben es den Menschen, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben. Sie müssen nicht in ein Massenlager fliehen. Die Situation in diesen Lagern hat sich herum gesprochen. Wir haben während unserer Reise auch einige eilig errichtete Zeltlager gesehen, die leer standen. Die Kaschmiris weigern sich, sich in diesen Zelten niederzulassen. Die Zelte geben keinen ausreichenden Schutz vor dem rauen Wetter der Gebirge.

Einige Hilfsaktionen und Projekte, die wir gesehen haben, wirken planlos. Sollte der Winter so hart werden, wie befürchtet, könnte vielen Kaschmiris der Kältetod bevorstehen. Im Sinne einer wirksamen Hilfe müssen die einzelnen Maßnahmen besser koordiniert werden. Eine effektive Hilfe nach Einbruch des Winters ist schwer oder teilweise nicht möglich, weil die Gebiete nicht erreicht werden können.

Ich bin glücklich darüber, dass ich im Auftrag der IGMG den Kaschmiris in ihrer ungewissen Gegenwart doch ein bisschen Unterstützung geben konnte. Ich möchte mich persönlich bei jedem bedanken, der uns hierbei unterstützt hat. Die Spenden waren sehr wichtig für die Kaschmiris. Wir haben in über 5000 Metern Höhe mit den Kaschmiris das Opferfest gefeiert. Wir haben die Notunterkünfte besucht. Die Worte eines Alten Kaschmiris ( Bild4 ) haben mich alle Strapazen und Probleme vergessen lassen: „Ich danke euch vom ganzen Herzen. An so einem Feiertag habt ihr eure Familien zurückgelassen und seid hierhin gekommen, um mit uns das Opferfest zu feiern. Euch und allen Mitgliedern der IGMG soll Allah gnädig sein.“

Nihat Köse

IGMG Nord-Ruhr

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