Gemeinschaft

Opfertierkampagne in Sri Lanka

30. Dezember 2006

Siebenundsechzig Länder und Regionen will die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) mit ihrer diesjährigen Opfertierkampagne erreichen. Länder und Regionen in denen Menschen nicht nur arm sind, sondern hungern, Länder in denen die Zukunft oftmals nicht weiter liegt, als der nächste Tag, an dem man etwas zu essen findet. Sri Lanka gehört nun schon seit einigen Jahren zu den Stationen der Kampagne; die Tsunami-Katastrophe Ende 2004 sorgte natürlich dafür, dass dem Land noch etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Über 30.000 Menschen starben damals in den Fluten des Tsunamis, hunderttausende verloren damals Haus, Hof, jegliches Hab und Gut. Nur in der Küstenregion Amparas wurden über 64.000 Häuser zerstört. Viele Menschen mussten in Flüchtlingslagern Zuflucht suchen.

Dabei war gerade erst zwei Jahren vor der Katastrophe etwas Ruhe in das Land eingekehrt. Seit 1983 wütete ein Bürgerkrieg zwischen tamilischen Seperatisten und der Staatsmacht in der hauptsächlichen von singhalesen Bewohnten Insel. Im Februar 2002 kam es zwar zu einem Waffenstillstand und zu Friedensverhandlungen, diese kamen jedoch nach dem Tsunami zum Stocken. Die tamilischen Seperatistengruppe LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) warf der srilankischen Regierung vor, Hilfslieferungen in tamilische Gebiete zu behindern und zu unterschlagen. Seitdem kommt es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien. Noch im August 2006 mussten aus der überwiegend von Muslimen besetzten Stadt Mutur nach Angaben des Roten Kreuzes 20.000 bis 30.000 Menschen vor den erneut aufgeflammten Kämpfen fliehen.

Sri Lanka kann auf eine Jahrtausende alte Geschichte blicken, die im Gegensatz zu heute eher ein Bild des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Singhalesen und Tamilen zeichnet. Eine Geschichte, deren letzten Jahrhunderte aber auch geprägt sind vom europäischen Kolonialismus. Um 500 v. Chr. setzten erstmals nordindische Siedler nach Sri Lanka über, die späteren Singhalesen. Die srilankische Urbevölkerung der Veddas ging zum größten Teil in der singhalesischen Volksgruppe auf – heute gibt es nur noch einige hundert dieser, mit den australischen Aborigines verwandten Veddas. Ein erstes buddhistisches Königreich entstand um 200 v. Chr. Der Norden der Insel wurde zumeist von Tamilen bewohnt, seit dem 13. Jahrhundert n. Chr. gab es auf der nördlichen Halbinsel Jaffna ein tamilisches Königreich.

Muslime kamen schon im 8. Jahrhundert nach Sri Lanka und ließen sich vorwiegend als Fischer und Händler an der Westküste nieder. Jahrhunderte lang fuhren muslimische Seefahrer die schützenden Häfen Sri Lankas an. Im 14. Jahrhundert stattete der Reisende Ibn Battuta der Insel einen Besuch ab und erwähnte sie in seinem Reisebericht „Rihla“.

Im 16. Jahrhundert setzten schließlich die Europäer ihren Fuß auf Sri Lanka. Ihr Interesse galt aber nicht nur dem friedlichen Handel mit den Einheimischen. Bis zum Jahre 1518 eroberten die Portugiesen die Küstengebiete, unabhängig blieb nur noch im Bergland das Königreich Kandy. Den Moors genannten Muslime brachten die neuen Herren der Insel nicht besonders viel Sympathie entgegen. Die Portugiesen sahen so kurz nach dem Fall der letzten muslimisch-andalusischen Stadt auf der iberischen Halbinsel (Granada, 1492), ungern eine muslimische Präsenz auf Sri Lanka. Dazu kam noch, dass die Muslime als Händler den portugiesischen Alleinhandelsinteressen im Wege standen. Es war der singhalesische König von Kandy, Senerath (1604-1635), der den Muslimen zu Hilfe kam. Er siedelte die bis dahin vorwiegenden an der Westküste lebenden Muslime östlich des zentralen Berglandes an. Charakteristisch für die portugiesische Zeit waren auch zahlreiche Tempelzerstörungen und eine massive Missionierung der Einheimischen.

Die Portugiesen sollten jedoch nicht die letzten Besatzer in Sri Lanka, damals noch Ceylon, bleiben. 1658 eroberten die Oranier die Insel, 1796 kamen die Briten. 1803 bekam Ceylon den Status einer britischen Kronkolonie und zwölf Jahre später fiel auch der letzte singhalesiche König in Kandy. Erst 1948 erlangte Ceylon seine Unabhängigkeit, verblieb jedoch im britischen Commonwealth. 1972 wurde schließlich die Republik ausgerufen und das Land nannte sich fortan Sri Lanka.

Die lange Kolonialzeit ging nicht spurenlos an Sri Lanka vorüber. So ragen selbst die Wurzeln des heutigen Konflikts zwischen Tamilen und Singhalesen noch in die britische Kolonialzeit hinein. Nach Jahrhundeten der Ausbeutung ist Wohlstand in Sri Lanka eine Ausnahme. Gerade einmal bei 50 bis 60 € liegt das Gehalt eines Beamten, der Normalbürger muss sogar mit wesentlich weniger auskommen, viele kämpfen täglich um das Überleben. Noch immer leben Opfer der Tsunami-Katastrophe in Auffanglager, weil sie einfach keine Mittel haben, zurückzukehren. Der erneut anschwellende Konflikt sorgte wiederum für neue Flüchtlingsströme.

Im Rahmen der Opfertierkampagne konnten wir im letzten Jahr über 30.000 Familien erreichen. Die Not nachhaltig zu lindern, wird uns sicherlich nicht möglich sein. Aber sicherlich können wir mindestens genauso viele Familien wie im letzen Jahr zumindest ein erfreulicheres Fest ermöglichen und ihre Not etwas teilen. Mein Gebet Allah teala gegenüber ist jedoch, uns von den Gebenden sein zu lassen, die er in der Sura Bakara preist, nicht von denen, die er verurteilt:

„Die ihr Vermögen auf Allahs Weg ausgeben, gleichen einem Korn, das in sieben Ähren schießt, in jeder Ähre hundert Körner. Und Allah gibt doppelt, wem Er will, und Allah ist umfassend und wissend.

Die ihr Vermögen auf Allahs Weg ausgeben und, nachdem sie gespendet haben, ihr Verdienst nicht herausstellen und keine Gefühle verletzen, die finden ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht wird über sie kommen, und sie werden nicht traurig sein.

Freundliche Worte und Verzeihung sind besser als ein Almosen, dem Verletzendes folgt. Und Allah ist reich und milde.

O ihr, die ihr glaubt! Entwertet euere Almosen nicht durch Vorhaltungen und Verletzen von Gefühlen, wie derjenige, der Geld spendet, um von den Leuten gesehen zu werden, und nicht an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Sein Gleichnis ist ein Felsen mit Erdreich darüber. Es trifft ihn ein Platzregen und läßt ihn hart. Sie richten mit ihren guten Werken nichts aus. Allah leitet nicht das ungläubige Volk. “ (Sura Bakara, 261-264)

[supsystic-social-sharing id="1"]