Gemeindeentwicklung

Rede des Vorsitzende der IGMG, Yavuz Celik Karahan, anlässlich der nichtöffentlichen erweiterten Versammlung der Führungsfunktionäre

16. Mai 2004

Der Vorsitzende der IGMG, Yavuz Celik Karahan hielt diese Rede auf der erweiterten Funktionärsversammlung der IGMG am 22.06.2003 in Köln. Der bayerische Verfassungsschutz lies die folgende Übersetzung der Rede anfertigen und legte dies dem Verwaltungsgericht München in dem Rechtsstreit der IGMG gegen das bayerische Staatsinnenministerium aufgrund der unwahren Behauptungen im Verfassungsschutzbericht 2001 als Beweis für die Integrationsfeindlichkeit der IGMG vor. Die angebliche Integrationsfeindlichkeit der IGMG gehört nach den Verfassungsschutzberichten zu den Hauptargumenten für die angebliche Verfassungsfeindlichkeit der IGMG. Wir halten es für wichtig, dass die kritische Öffentlichkeit sich ein eigenes Bild über die Bewertungen des bayerischen Verfassungsschutzes macht und präsentieren die Rede in der Fassung, wie es durch den bayerischen Verfassungsschutz dem Gericht vorgelegt wurde. Machen Sie sich ein eigenes Bild: 

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Seit mehr als 30 Jahren verrichten wir unsere Arbeit als eine Institution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen und den Menschen zu dienen, und wir werden dies auch weiterhin tun. Wir werden auch in Zukunft für die gleichen Ziele weiterarbeiten.

Unser Ziel ist es, gemäß unserer Situation und unserem Betätigungsfeld den Muslimen in Europa Dienstleistungen anzubieten und dabei behilflich zu sein, dass die Muslime ihre eigenen Werte bewahren und entwickeln. Indem wir mit sozialen und kulturellen Aktivitäten, mit unserem religiösen und kulturellen Reichtum in der multikulturellen europäischen Gesellschaft eine Brückenfunktion zwischen Europa und der islamischen Welt einnehmen, unterstützen wir den Dialog zwischen den Gesellschaften und Kulturen und leisten unseren Beitrag zu einem Leben in Frieden und Ruhe.

Wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken, sehen wir eine über 30-jährige Geschichte hinter uns liegen. Die Dienstleistungen, die wir in jenem Zeitraum erbracht haben, waren – den Bedingungen jener Zeit entsprechend – wichtig und ausreichend. Nun aber müssen wir unsere bestehenden Dienstleistungen überprüfen und diesen um einer besseren und glücklicheren Zukunft willen neue hinzufügen: Nicht den Kern unserer Dienstleistungen, sondern die Form der Darbietung und die Methode wollen wir der Zeit gemäß neu bewerten.

Um unsere heutige und künftige Situation richtig bewerten zu können, müssen wir auch etwas in die Vergangenheit zurückschauen. Denn für unsere Gegenwart und Zukunft müssen wir aus jenen Tiefen unserer Vergangenheit schöpfen, uns von dort speisen lassen, dürfen unsere Verbindungen zu unseren Wurzeln nicht kappen und nicht entwurzelt werden.

Wir gehen von einer Ansammlung von Informationen aus, die sich von den 70-Jahren, als Menschen unserer ersten  Generation mit denselben Glaubens- und Wertvorstellungen als brüderliche Gemeinschaft zur Stärkung der Solidarität zusammenkamen, um den elementarsten religiösen Verpflichtungen nachkommen zu können, bis in die 2000-er-Jahre, in die dritte Generation derjenigen, die in Europa sozialisiert sind, erstreckt.

In den Ländern Europas, in denen wir leben, leben wir auf Dauer. Durch die Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit sammeln konnten, können wir mit sicheren Schritten in die Zukunft gehen. Lange Zeit lebten wir in der Vorstellung, alles sei nur vorübergehend. Aber die Tatsache, dass die große Mehrheit unserer Menschen nicht in das Heimatland Türkei zurückkehren wird, wird von jedermann akzeptiert, und dies wird sich in Zukunft auch nicht ändern.

Allerdings sind die Verbindungen, die wir zur Türkei unterhalten, für uns sehr bedeutend. Deswegen kann ich nicht umhin, die Verantwortung, die wir im Hinblick auf die Türkei tragen, an dieser Stelle nochmals in Erinnerung zu rufen.

Die Türkei ist unsere Heimat. Ihr Stolz ist unser Stolz, ihr Kummer ist unser Kummer. Die politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen in der Türkei gehen uns, die wir Kinder jenes Landes sind, selbstverständlich etwas an.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Türkei gleichzeitig unser Garant ist. Sehen Sie, wir sind nicht die erste Minderheit, die nach Europa. gekommen ist und hier ihre Rechte einzufordern und ihre Institutionen zu gründen versucht. Vor uns gab es die jüdische Minderheit, die ihre Rechte erhielt, ihre Institutionen gründete, ihre Gotteshäuser eröffnete, sich Achtung in der Gesellschaft erwarb, die Staatsbürgerschaft annahm – kurzum: alles das verwirklichte, was wir heute für notwendig erachten. Alle waren sie deutsche Staatsbürger, und alle konnten sie Deutsch; sie konnten nicht nur Deutsch, sie brachten sogar Dichter hervor, und in Gesellschaft und Politik gelangten sie in geachtete und einflussreiche Positionen. Aber all dies konnte nicht verhindern, dass ein Rassist auftrat und Millionen von Juden einsammeln und verbrennen ließ. Man muss aus der Geschichte Lehren ziehen.

Dennoch glauben wir, dass die Beseitigung all der Grausamkeit, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, der sinnlosen Streitigkeiten und Kriege, die wir derzeit auf der Erde beobachten, durch eine von der islamischen Welt unter Vorreiterrolle der Türkei ausgehende Bewegung der Einigkeit sowie von einem Zusammentreffen der Kulturen, bei dem wiederum die Türkei ein Brückenfunktion einnimmt, möglich sein wird. Und wir glauben von ganzem Herzen, dass dies nur Menschen, die die Milli Görüs-Mentalität verinnerlicht haben, sich vorstellen und auch verwirklichen können.
 
Wir wollen Frieden und Friedfertigkeit; wir wollen Zusammenarbeit und Solidarität unter verschiedenen Kulturen und religiösen Gemeinschaften. Wir verurteilen jegliche Diskriminierung, Erniedrigung und jeden Druck, egal ob religiös, ethnisch oder politisch motiviert, und zwar überall auf der Welt und gegen wen auch immer gerichtet und wir weisen diese zurück.

Daher tragen wir als Institution gegenüber der Gemeinde [ümmet] eine große Verantwortung. Die übrigen Mitglieder der Gemeinde haben großes Anrecht auf unsere [Dienstleistungen]. Wir dürfen nicht vergessen, dass die große Mehrheit der islamischen Gemeinde in Armut, unter dem Druck diktatorischer Regime lebt. Vielerorts sind Muslime der Vernichtung ausgesetzt. Die Muslime in Europa hingegen haben solchen Kummer nicht. Dies erhöht unsere Verantwortung durch unsere Verpflichtung zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit. Wo immer in der islamischen Welt es Leid gab, waren wir als Institution präsent und versuchten zu helfen. Eingedenk des Sprichworts „Wer satt einschläft, während sein Nachbar hungrig ist, gehört nicht zu uns“ haben wir versucht, den Benachteiligten und Unterdrückten zur Seite zu stehen. Dabei haben wir keine Unterscheidung nach ethnischen oder Glaubensunterschieden gemacht.

Wenn wir an die Zukunft unserer Gesellschaft denken, kommen uns zuerst unsere Kinder und die kommenden Generationen in den Sinn: Wenn wir sicherstellen wollen, dass sie unter Bewahrung ihres Glaubens und ihrer moralischen Werte in den europäischen Gesellschaften bewusst als Muslime leben können – was unser aller gemeinsamer Nenner ist -, dann müssen wir wissen, dass wir verpflichtet sind, unsere individuelle und gesellschaftliche Situation zu überprüfen und unsere Arbeit im Sinne dieser Ziele neu auszurichten.

Bestehende Probleme wie Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Wahrung der religiösen und kulturellen Identität lassen sich nicht durch Warten lösen, sondern sie werden noch größer. Deswegen dürfen wir nicht wie eine Gast- oder Ausländerorganisation, sondern müssen wie eine gastgebende, einheimische Institution handeln. Deshalb dürfen unsere auf die Zukunft gerichteten Projekte nicht vorläufig, sondern sie müssen bleibend sein.

Die Voraussetzung hierfür ist die Integration. Integration bedeutet nicht, seine Wurzeln zu kappen oder auf entpersönlichte Weise assimiliert zu werden. Unserer Auffassung nach bedeutet Integration, dass unterschiedliche Kulturen unter Wahrung dieser Unterschiede sich als unverzichtbaren Bestandteil und als Reichtum einer pluralistischen Gesellschaft begreifen. Das Geheimnis erfolgreicher Integration liegt darin, dass alle gesellschaftlichen Faktoren die Anstrengung unternehmen, ihren Beitrag zu einer offenen Gesellschaft zu leisten.

Unsere Probleme, wie auch immer sie geartet sind, ob religiös, sozial oder kulturell, sind beachtlich und werden immer größer. Naturgemäß treten uns diese Probleme je nach den ablaufenden sozialen Prozessen und den Entwicklungen in der Welt in jeweils veränderter Form gegenüber. Deswegen ist es der beste Weg, wenn wir unsere Probleme selbst lösen. Wir wissen auch, dass vielleicht nur die Möglichkeiten, über die die Staaten verfügen, für die Lösung dieser Probleme ausreichend sind. Ausgehend von der bestehenden verfassungsmäßigen Ordnung ist anstelle eines direkten Eingreifens des Staates das gemeinsame Handeln und die Zusammenarbeit religiöser Gemeinschaften, zivilgesellschaftlicher Organisationen und staatlicher Institutionen notwendig. So kann das Bestehen multikultureller und multireligiöser Gesellschaften wie derjenigen Europas auf soliden Fundamenten, durch die von den verschiedenen kulturellen und religiösen Gemeinschaften praktizierte Solidarität, in gegenseitiger Achtung und dem Teilen von Leid und Freude, möglich werden.

Die Gesellschaften, in denen wir leben, kennen zu lernen, ihre Wertmaßstäbe und Traditionen zu verstehen und insbesondere ihre Sprachen zu sprechen, ist der Anfang dieses Integrationsprozesses, von dem wir sprechen. Sich für die Probleme der gesamten Gesellschaft zu interessieren, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen, ist die Hauptaufgabe für uns als Muslime. Wir müssen die Menschen, mit denen wir in Frieden und Ruhe zusammenleben wollen, besser kennen lernen. In jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens und in jedem Bereich, in dem Politik und Staat Einfluss nehmen, müssen wir unsere Denkweise überprüfen.

Wir müssen die Tatsachen sehen, wie sie sind. Islam- und Ausländerfeindlichkeit nehmen in Europa ständig zu. Mit dem Anstieg dieser Feindschaft erstarken die rassistischen Parteien, die Politiker lassen die Diskriminierung von Muslimen zu etwas Alltäglichem werden. Kampagnen gegen die Errichtung von Moscheen haben Zulauf. Obwohl wir sehen, dass sich die Atmosphäre der Zusammenarbeit nach dem 11. September verschlechtert hat, müssen wir auch sehen, dass es zu unserer Arbeit keine Alternative gibt, und wir müssen dies der Gesellschaft, mit der wir zusammen leben, zeigen.

Wie stark der Einfluss christlicher Traditionen in den europäischen Gesellschaften auch zu spüren ist, so gelten doch Religions- und Gewissensfreiheit für jedermann, nicht nur für die Christen. Diese Freiheit schließt auch die Freiheit der Glaubenspraxis und der Glaubensverkündung mit ein. Obwohl die europäischen Verfassungen sich in Nuancen unterscheiden, haben sie doch im Allgemeinen die vertrauensvolle. Zusammenarbeit von Staat und Religionsgemeinschaften zur Grundlage. Das Grundgesetz besagt, dass der Staat zu allen religiösen Gemeinschaften den gleichen Abstand halten muss. In der Theorie kann also der Staat keine Religionsgemeinschaft einer anderen vorziehen. In der Praxis aber beobachten wir alle, dass dies nicht immer so abläuft. Trotzdem müssen wir sehen, dass die Lösung der dringlichsten Probleme der Muslime in Europa den Weg über eine vertrauensvolle institutionelle Zusammenarbeit gehen muss. Bei der Gründung von Lehrstühlen für islamische Theologie an europäischen Hochschulen, der Ausbildung von Imamen hierzulande, der Erteilung von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der Beseitigung von Hindernissen beim Bau von Moscheen, der Beteiligung von Muslimen an den Beratungs- und Entscheidungsgremien aller öffentlichen Institutionen, der Schaffung von Einrichtungen wie Tagesstätten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheimen u.ä., wie sie für andere Religionsgemeinschaften bereits bestehen, kommen bedeutende Pflichten auf uns zu.

Diejenigen, die uns nicht anerkennen wollen, erhoffen sich davon vielleicht einen politischen Nutzen. Und sie wollen uns nicht so darstellen, wie wir sind, sondern so, wie sie uns sehen wollen.

Freilich wissen wir um die Schwierigkeiten, die im Hinblick auf unsere Eigendarstellung vor uns liegen. Eben habe ich es gesagt: Es gibt eine allgemeine Tendenz, die Muslime im Allgemeinen und Milli Görüs im Besonderen dem tagespolitischen Nutzen gemäß zu bewerten. Besonders betroffen ist hiervon das wichtigste organisierte Zentrum der muslimischen Gemeinschaft in Europa, die IGMG. Die ungerechtfertigten und haltlosen Anschuldigungen gegenüber Milli Görüs bestehen nicht deswegen, weil Milli Görüs tatsächlich so wäre.

Diejenigen, die behaupten, wir seien gegen die Gesetze und insbesondere gegen die Werte des Grundgesetzes, lügen, das sage ich ganz offen. .

Diejenigen, die [kritisieren], dass wir als Organisation und als Individuen unseren Glaubensüberzeugungen verbunden bleiben und diesen auch in unserem Leben Platz einräumen, und die dies so interpretieren, als ob wir die Gesetze und die Werte des Grundgesetzes missachteten, sind entweder bösartig, oder aber sie haben keine Kenntnis von den Grundrechten. Gerade diejenigen, die diese Behauptungen in die Welt setzen sind es, die die Religions- und Gewissensfreiheit und den gesellschaftlichen Pluralismus missachten! Sie sind es, die die Werte des Grundgesetzes missachten!

Genau dem treten wir entgegen…

Dass in unseren Moscheen Gebete abgehalten werden, unsere Gemeinde Führung erhält, unseren Kindern an Wochenenden in wenigstens ein, zwei Stunden das arabische Alphabet gelehrt, Koran- und Religionsunterricht erteilt wird, war in der Vergangenheit wichtig und ist es heute noch genau so. Unsere Arbeit, mit der wir unsere Bande der Brüderlichkeit und Freundschaft verstärken, unser gegenseitiges Vertrauen vergrößern und den künftigen Generationen unseren Glauben und unsere Kultur weitergeben und damit sicherstellen, dass auch sie sich dieses Glaubens bewusst sein werden, werden wir weiter verstärken.

Wir richten uns, unsere Institutionen und unsere Aktivitäten im Licht von Koran und Sunna aus, und dies stellt keinen Hinderungsgrund dar, diese in das vorhandene Rechtssystem zu integrieren.

Wir müssen einen Mechanismus entwickeln, der auf Transparenz und einem partizipierenden Beratungsgremium [sura] beruht. Alle zusammen müssen wir sicherstellen, dass in diesem Rahmen alle unsere Programme – von der Zentrale bis zu den Zweigstellen und Nebenorganisationen – einer Bewertung unterzogen werden, die nützlichen Teile berücksichtigt werden, Fehlendes nachbearbeitet und Falsches verworfen wird.

In einer solchen Situation, das heißt in einer Situation, in der versucht wird, uns wegen Dingen, die wir nicht getan und nicht gedacht haben, anzuklagen und zu verurteilen, Dienstleistungen zu erbringen und auf den Beinen zu bleiben, ohne vom eigenen Kern abzuweichen, ist eine Belastung, mit der nur Milli Görüs-Angehörige fertig werden können.

Wir werden selbstsicher und in sicherer Bewertung unserer Leistungen weiterarbeiten. Das heißt, in einer Zeit, in der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit sich ausbreiten, in der staatliche Autorität missbraucht wird und Muslime unterdrückt werden, wird eine Organisation, deren Prinzipien, Regeln und Dienstleistungen bekannt sind, ein Zentrum der Unterstützung für ihre Mitglieder sein und gleichzeitig Garant für die kommenden muslimischen Generationen sein.