Gemeinschaft

Rege Teilnahme am „Tag der Brüderlichkeit und Solidarität“ der IGMG

07. Juni 2006

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) veranstaltete dieses Jahr ihr jährliches Treffen unter dem Motto „Tag der Brüderlichkeit und Solidarität“ im belgischen Hasselt. Über 30000 Besucher nahmen an der Veranstaltung teil. Neben zahlreichen Rednern gab es auch musikalische Vorstellungen und neben dem Bühnenprogramm auch reichhaltige Angebote an den vielen Ständen.

Hauptredner waren an diesem Tag der Vorsitzende der IGMG, Yavuz Celik Karahan und der Generalsekretär Oguz Ücüncü. Außerdem waren als Gastredner Recai Kutan und Prof. Dr. Numan Kurtulmus aus der Türkei anwesend. Auch der frühere Ministerpräsident der Türkei, Prof. Dr. Necmettin Erbakan hielt mit einer Liveschaltung eine Rede. Zur musikalischen Untermalung traten am Abend Ömer Celik, Mustafa Cihat und Sami Yusuf auf.

Yavuz Celik Karahan wies in seiner Rede auf die Dauerhaftigkeit des muslimischen Daseins in Europa hin. „Die Muslime sind nun in Europa sesshaft, der Islam ist in Europa sesshaft. Auch Europa ist nun, wie andere Teile der Welt auch, das Mutterland des Islams. Wie wird jedoch dieser Erdteil zu unserer Heimat, ohne dass wir unsere Identität verlieren“, fragte Karahan. „Auf diese Fragen müssen wir Antworten finden. Als Menschen die nur für eine beschränkte Zeit zum Geldverdienen hierher gekommen sind, müssen wir diese Länder nun als Orte verstehen, an denen wir uns generationenlang für das Gute einsetzen müssen.“ Weiterhin sagte Karahan: „Solange die Muslime nicht als vertrauenswürdig angesehen werden, solange sie nicht Menschen werden, vor deren Hand und Zunge man sicher ist, solange sie nicht gegen Ungerechtigkeiten, egal gegen wen sie sich richten, einstehen, solange Gerechtigkeit nicht im Zentrum ihres Lebens steht, werden Muslime und der Islam nichts als eine Zahl in der Statistik darstellen.“ Während in unserer ersten Zeit in Europa die Umstände unsere Arbeit gestaltet hätten, so würden die Muslime ihre Moscheen aus den Hinterhöfen nun in die Öffentlichkeit tragen. Dieser Umzug müsse jedoch Hand in Hand mit einem Kennenlernen gehen. An Tagen der offenen Tür geöffnete Türen dürften nicht wieder verschlossen werden.

„Wir leben in einer Zeit, in der Diskriminierungen sehr schnell in Rassismus umschlagen. Menschen werden ausgegrenzt, nur weil ihre Hautfarbe, ihre Sprache und Religion eine andere ist. In Potsdam wird ein Mensch nur wegen seiner dunklen Haut fast zu Tode geprügelt. Nur weil sie schwarz ist, werden eine junge Frau und ein zweijähriges Mädchen ermordet, eine Muslimin wird von demselben Täter schwer verletzt. In Ostdeutschland wagen es rassistische Jugendliche auf offener Straße, Zigaretten auf den Augenlidern eines 13-jährigen Jungen auszudrücken und diesen Stunden lang zu quälen. In der Hauptstadt kann sogar ein Abgeordneter mit Migrationshintergrund nur wegen seiner dunkleren Haut verprügelt werden“¦ In der täglichen Polemik mancher Politiker wird der Begriff Integration weiterhin missbraucht. Dazu werden die Rechnung bestehender Probleme den Migranten ausgestellt – ein Missbrauch, der nicht zum Bild des verantwortungsbewussten Menschen passt“, warnte Karahan in seiner weiteren Rede. „Das für politische Vorteile aus seiner eigentlichen Bedeutung herausgerissene Wort „Integration“ ist an sich kein Stoff für Polemiken, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung, an der unter der wohlwollenden Begleitung des Staates alle gesellschaftlichen Gruppen teilnehmen müssen.“

„Auch uns treffen besondere Aufgaben“, sagte Karahan. „Zuallererst müssen wir die Sprache des Landes, in dem wir leben, lernen. Nicht weil dies von irgendjemandem andauernd als Mutter aller Probleme benannt wird, sondern weil Sprachen zu den Zeichen Allah tealas gehören; damit wir die Botschaft des Herren in jeder Sprache verkünden, damit wir in dem Land in dem wir leben nicht blind und taub werden. Wir müssen diese Sprachen nicht nur soweit lernen, dass es uns heute über den Tag hilft, sondern so gut, dass es unserer Zukunft hilft. Sowie wir die Sprache lernen, müssen wir aber auch die Kultur des Landes, in dem wir leben, kennenlernen.“

Der Generalsekretär Oguz Ücüncü resümierte in seiner Rede die Arbeiten der IGMG. Ücüncü kritisierte, dass Themen wie Ehrenmorde und Zwangsheirat, die gerade durch die positive Arbeit von Religionsgemeinschaften wie der IGMG zu Randerscheinungen geworden sind, von der Mehrheitsgesellschaft verallgemeinernd als ein generelles Problem der Migranten angesehen werden. „Die Diskussionen um die Vollmitgliedschaft der Türkei, die Kopftuchverbote in verschiedenen Staaten und Bundesländern, Gewissensprüfungen, verdachtsunabhängige Kontrollen vor Moscheen und zuletzt die Verunglimpfung unseres Propheten mit Karikaturen im Namen der Pressefreiheit zeigen jedem vernünftigen Menschen, dass hier eine Religion, eine ganze Zivilisation, eine Lebensweise verurteilt, zur Zielscheibe gemacht und als das Andere etabliert wird“, warnte Ücüncü. „Unsere Gemeinschaft und ihre Mitglieder sieht sich einer Hexenjagd ausgesetzt, was uns auch in unserem Alltagsleben entgegenschlägt. Berichte über uns werden veröffentlicht, unsere Einbürgerungsanträge und Moscheebauanträge werden abgelehnt, selbst der Status der Gemeinnützigkeit wird einigen Gemeinden aberkannt. Dabei möchte ich feststellen: Wenn die Ursache dieser Probleme darin liegt, dass unser Integrationsverständnis Assimilation ablehnt, dass wir uns Koran und Sunna verbunden fühlen, dann nehmen wir diese Schwierigkeiten gerne auf uns.“

Weiter sagte Ücüncü: „Unsere politischen und juristischen Bestrebungen, diese Schwierigkeiten zu lösen, werden natürlich weitergehen. Zuletzt konnten wir mit zwei erfolgreichen Verfahren gegen die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen das Verbreiten von Lügen und Verleumdungen über uns unterbinden. Auch mit Hinweis auf diese juristischen Erfolge, will ich denjenigen, die sich mit uns beschäftigen nur freundschaftlich raten: Lasst ab davon, die Milli Görüs Gemeinschaft für eure politischen Ziele zu missbrauchen. Einen Vorteil wird dies nicht bringen, aber das gesellschaftliche Klima wird es vergiften“¦ Wenn ihr wirklich eine erfolgreiche Integration der Migranten, insbesondere der Muslime in diese Gesellschaft wünscht und wenn ihr dies ernst meint, dann müsst ihr eins wissen: Dies wird ohne Milli Görüs nicht funktionieren.“

Ücüncü erklärte darüber hinaus, dass zu 23 Koranrezitationsveranstaltungen der IGMG über 50000 Menschen zusammengekommen sind, weitere 50000 kamen im April zu insgesamt 20 Gedenkveranstaltungen anlässlich der Geburtswoche unseres Propheten zusammen. In dem vom Erdbeben erschütterten Bem, in Indonesien, Pakistan und Kaschmir wurden zahlreiche humanitäre Projekte finanziert. Anlässlich der Opfertierkampagne wurden 76.926 Opfertiere den Notleidenden in 65 Ländern dieser Welt überbracht.

Als Zielvorgabe für die Zukunft sagte Ücüncü: „Wir werden zu den Arbeiten, die wir geleistet haben, immer stehen, ohne uns zu verstecken. Jedem, der uns von uns kennenlernen will, werden wir unsere Türen weit öffnen. Für eine noch professionellere Arbeit müssen wir fähigen jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich in unserer Zentrale, unseren Regionalverbänden und unseren Gemeinden einzusetzen“¦ Wir müssen darauf achten, dass sich unser Anspruch auch mit unserer Arbeit deckt.“

Der Vorsitzende der türkischen Saadet Partei, Recai Kutan, wies in seinem Grußwort darauf hin, dass das muslimische Dasein in Europa nun eine dauerhafte sei und dass die Muslime im Westen eine Brücke zur muslimischen Welt sein müssen. Kutan bemerkte, dass man fast in jedem Katastrophengebiet der Welt auf die Hilfe der IGMG stößt.

Der stellvertretende Vorsitzende der Saadet Partei, Prof. Kurtulmus sagte: „Der Westen braucht die islamische Welt und die islamische Welt braucht den Westen. Dabei tragen auch die Muslime in Europa eine Verantwortung.“ Kurtulmus wies darauf hin, dass viele Probleme globaler Natur sind, auch wenn sie sich eher lokal auswirken. „Hunger, Armut, Okkupationen und Unterdrückungen beeinflussen alle Menschen gleichermaßen. Während wir auf der einen Seite einen maßlosen Reichtum haben, haben wir auf der anderen Seite eine große Armut. Während für die Aufrüstung Milliarden Dollar ausgegeben werden, sterben jede Minute Kinder an Hunger und Durst. Menschliche Werte, Werte wie Moral und Familie kommen immer mehr ins Hintertreffen. Freiheiten werden eingeschränkt, Unterdrückung und Folter nehmen zu. Und dies alles sind globale Probleme. Wir brauchen jedoch eine Welt, in der es Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für jeden gibt. Selbst für unsere Gegner muss es Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand geben.“

Mit einer Liveschaltung und einem Grußwort nahm auch der frühere Ministerpräsident der Türkei, Prof. Necmettin Erbakan, an der Veranstaltung teil. Erbakan wies darauf hin, dass es ein großer Fehler sei, den Islam zusammen mit Terror zu nennen. „Unser Buch selbst beginnt mit Barmherzigkeit“, sagte Erbakan. Es müsse ein Eifern im Guten geben, Ungerechtigkeiten und Folter müsse man sich alle gemeinsam entgegenstellen.

Das Programm endete schließlich in der Nacht mit Konzerten von Ömer Celik, Mustafa Cihat und Sami Yusuf.

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