Frauenorganisation

Selbst- und Fremdwahrnehmung der IGMG

11. März 2008

Ücüncü führte in seinem Vortrag den Zuhörern zunächst die Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung der IGMG vor. So fallen im Zusammenhang mit der IGMG, etwa im Verfassungsschutzbericht Hessen Formulierungen wie Parallelgesellschaft, Islamisierung, Bedrohung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, Weltherrschaft etc. Die Mitglieder der Gemeinschaft würden mit der IGMG dagegen positive Begriffe assoziieren, so Ücüncü. So verbinde man mit der IGMG zum Beispiel Brüderlichkeit, Solidarität, Streben nach dem Wohlwollen Allah tealas, Jenseitsglauben und insbesondere Koran und Sunna als Maßstab des Handelns.

Fraglich sei ob die negativen Bewertungen der IGMG durch den Glauben bedingt sind oder einem mangelhaften Ausdrucksvermögen entspringen? Hat das teilweise negative öffentliche Image nicht oftmals auch öffentlichen Äußerungen von Einzelpersonen zu tun die eigentlich unserem Religionsverständnis wiedersprechen?“ fragte Ücüncü. Am Beispiel des Berliner Imams, der behauptet hatte, dass die Europäer die Parfumindustrie nur deswegen erfunden haben, weil sie sich nicht waschen und deswegen stinken, zeigte Ücüncü auf, dass Muslime ebenso anfällig für Vorurteile und Stereotype sind, wie die Mehrheitsgesellschaft.

„Ehrlichkeit ist die einzige Möglichkeit, um Vorurteile abzubauen“

Er appellierte an die Zuhörerinnen, immer ehrlich und aufrichtig zu sein. „Denn Ehrlichkeit ist die einzige Möglichkeit, um Vorurteile abzubauen“, so Ücüncü. Auch wenn das Gesagte nicht in den allgemeinen Konsens der Gesellschaft passe, gewährleiste es Standhaftigkeit in der Argumentation. Ehrlichkeit bringe zwar auch hin und wieder Probleme, „aber man respektiert uns dafür, auch wenn man uns nicht mag. Wenn wir glauben, dass wir etwas Richtiges tun, dann sollten wir auch dafür geradestehen“, sagte Ücüncü.

Diesbezüglich nannte er einige Beispiele. So werde der schulische Schwimmunterricht jedes Jahr aufs Neue diskutiert und problematisiert. Obwohl in dieser Angelegenheit einschlägige Gerichtsurteile die Befreiung vom Schwimmunterricht aus Glaubensgründen erlauben, werde die IGMG für ihr juristisches Engagement und die Unterstützung von Betroffenen kritisiert. „Viele Direktoren und auch Lehrer schalten bei der Thematik auf Stur“, sagte Ücüncü.

Am Beispiel der Thematik Schächten verwies Ücüncü auf ein weiteres Feld juristischer Auseinandersetzungen. „1933 ist unter dem NS-Regime ein Gesetz erlassen worden, dass das koschere Schlachten verbot und bis zum Jahr 2002 war es offiziell nicht möglich Tiere betäubungslos zu schlachten“. Im Jahre 2002 habe es zwar ein höchstrichterliches Urteil gegeben, das das Schlachten von Tieren nach islamischen Ritus erlaubt, die Umsetzung In der Praxis wird von den Behörden nach wie vor verhindert. Und die Muslime würden „öffentliche Prügel“ beziehen, weil sie angeblich Tiere quälen.

Auch bezüglich der Kopftuch-Problematik bei Lehrerinnen seien die Muslime genötigt gewesen, den juristischen Weg zu gehen. Dabei wurden durch die Ländergesetzgebungen praktisch Berufsverbote für muslimische Frauen mit Kopftuch im öffentlichen Dienst ausgesprochen. Nun werden Stimmen laut, so Ücüncü, die sagen: „Toll, jetzt haben wir wegen eurer Klagewut ein Kopftuchverbot! Aber, ohne den rechtlichen Weg, hätte die Lehrerin ja auch nicht arbeiten können. So steht man immer wieder vor der Wahl: Entweder wir treten öffentlich für das, was wir für richtig halten ein, oder wir blenden einen Teil unserer Religion aus“, resümierte Ücüncü.

„Kein Rassismus im Islam!“

Im Kampf gegen die Ungerechtigkeit dürfen Muslime selbst nicht ungerecht werden. Insbesondere Stereotype und Vorurteile dürfen nicht die Basis unserer Argumente sein. Vor allem aber Muslime seien etwa gegenüber Juden mit Vorurteilen belastet, erklärte der IGMG-Generalsekretär selbstkritisch. So könne der Terror gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung nicht allen „Juden“ angelastet werden. Außerdem kritisierte Ücüncü, dass in punkto Ungerechtigkeit auch Muslime mit zweierlei Maß messen. Wieso boykottierten Muslime zum Beispiel nicht China und chinesische Produkte, obwohl Muslime dort nur wegen ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden und eine harsche Assimilationspolitik herrscht, so der Generalsekretär.

Genauso sei es falsch Missstände zu generalisieren. „Warum schmeißt man uns in den gleichen Topf wie die Terroristen, die den Terroranschlag am 11.9. verübt haben?“, haben wir Muslime immer wieder auch im Rahmen der „Schläferdebatte gefragt, aber „tappen wir nicht mit unseren eigenen Argumenten nicht in die gleiche Falle, indem auch wir allzu oft auch generalisieren, wenn wir von den Deutschen, den Juden oder dem Westen sprechen?“

„Die IGMG muss sich an den gesellschaftlichen Prozessen partizipieren und als Teil der Gesellschaft, diese mitgestalten“

Ücüncü rief die Zuhörerinnen überdies dazu auf, sich mit ihrer Religion inhaltlich auseinander zusetzten. „Wir müssen unsere Begriffe, wie Jihad oder  Scharia selbst ausfüllen. Es ist nicht wichtig, ob die Leute diese Begriffe falsch verstehen (wollen!). Wir dürfen und können sie einfach nicht aus unserem religiösem Vokabular herausstreichen. Ist das Wort weg, kann man die Idee dahinter nicht artikulieren und sie geht verloren. Wir müssen die Begriffe inhaltlich so füllen, dass sie unser Selbstverständnis wiedergibt und Missverständnissen vorbeugt“, erklärte der IGMG-Generalsekretär.

Diese Auseinandersetzung mit dem „Selbst“ sei auch die Grundlage für Partizipation. Die IGMG müsse an den gesellschaftlichen Prozessen partizipieren und als Teil der Gesellschaft diese mitgestalten. Sozialgesellschaftliche Probleme, wie zum Beispiel die Debatte um Kindestötungen oder die Behandlung von alten Menschen in der Gesellschaft könnte man zum Beispiel als Anlass nehmen, sich in die Debatte einzumischen und der Gesellschaft islamische Standpunkte aufzeigen.

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