Pressemitteilung

Terrordebatte – Islamische Gemeinschaft ruft zu mehr Sachlichkeit auf

11. November 2020
Pressemitteilung

„Terror bekämpft man nicht mit Populismus und Aktionismus. Wir rufen zu mehr Sachlichkeit und Weitsicht auf“, erklärt Bekir Altaş, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), anlässlich der Debatte nach den jüngsten Terroranschlägen in Frankreich und Österreich. Bekir Altaş weiter:

„Die Terroranschläge in Frankreich und Österreich stellen unsere Gesellschaft und Politik vor eine harte Probe. Trotz der Schmerzen, den diese feigen Anschläge hinterlassen haben, wird jede Reaktion darauf an unseren demokratischen Grundsätzen, unserer Rechtsordnung und unseren Werten gemessen werden. Deshalb sind Nüchternheit, scharfe Analyse und langfristige Strategien die Gebote der Stunde. Populismus und Aktionismus hingegen lösen einen Boomerang-Effekt aus.

Täter solcher Anschläge haben oft eine entscheidende Gemeinsamkeit: Es handelt sich um Personen, die sich in der Gesellschaft, in der sie leben, nicht angenommen, abgestoßen fühlen, oft am Rande der Gesellschaft leben. Ihr Leben ist geprägt vom Gefühl der Benachteiligung und Ausgrenzung, von Arbeits- und Perspektivlosigkeit. In dieser Situation sind sie besonders empfänglich für extremistische Ideologien, Verschwörungstheorien und deshalb leichte Beute für Terroristen.

Deshalb sind populistische und aktionistische Äußerungen und Maßnahmen, die Vorurteile schüren und zur weiteren Ausgrenzung von Personen führen können, kontraproduktiv. Ziel muss es sein, dem Terror den Boden zu entziehen, ihn langfristig zu bekämpfen. Das gelingt durch durchdachte und langfristige Strategien: Wir müssen es schaffen, dass kein Kind in unserem Bildungssystem verloren geht; wir müssen es schaffen, dass die Menschen ein Teil unserer Gesellschaft werden, sich heimisch fühlen, Perspektiven und Hoffnungen haben.

Vor diesem Hintergrund geben die Reaktionen der Politik auf die jüngsten Terroranschläge Anlass zur Sorge. Sie sind teilweise geprägt von Populismus, Aktionismus und sind mehr Problem als Lösung.

Problematisch ist auch die gemeinhin genutzte Etikettierung solcher Schandtaten als ‚islamistisch‘. Diese Sprache hat einen denkbar negativen Effekt, weil sie – allen entgegen lautenden Bekundungen zum Trotz – pauschal Muslime brandmarkt, wie Wissenschaftler bereits mehrfach herausgearbeitet haben.

Ähnlich verhält es sich mit dem wieder populären Begriffskonstrukt ‚politischer Islam‘. Jeder versteht etwas anderes darunter, aber jeder verbindet etwas Negatives damit. Ein Begriff, der mangels Definition unbrauchbar ist, zugleich aber geeignet ist, pauschal alle Muslime zu brandmarken. Wir rufen mit Nachdruck zu mehr Sachlichkeit und Weitsicht auf. Das ist gerade in schwierigen Zeiten bitter nötig.“