Gemeinschaft

Zwei Jahre nach dem Tsunami – Opfertierkampagne Sri Lanka III

05. Januar 2007

Anuradhapura ist keine 100 km von Puttalam entfernt. Trotzdem brauchen wir zweieinhalb Stunden für die Strecke. Anuradhapura gehört zu den Königsstädten der Sri Lanker. Es gibt sehr viele Tempel im Stadtbereich. Für die buddhistischen Singhalesen ist dies ein heiliger Bereich. Den Muslimen ist deswegen nur die Ansiedlung außerhalb der Stadtgrenzen erlaubt. Auch hier begegnen uns Bürgerkriegsflüchtlinge. Diese Leben ganze 18 km außerhalb der Stadt. Seit 15 Jahren leben sie hier, ohne eine Hoffnung auf Rückkehr. Eine Chance auf ein Sesshaftwerden haben sie jedoch auch nicht. „Zurück dürfen sie nicht und hier bleiben können sie nicht“, sagt Siddik, einer der Helfer vor Ort, der sich um die Flüchtlinge kümmert. „Sie leben immer noch in denselben Camps, in die sie vor 15 Jahren gesetzt worden sind. Geld haben sie nicht, Arbeit ist Mangelware“, erklärt er traurig. Sie halten sich mit Tagelöhnerarbeit über Wasser, doch selbst diese Arbeit ist rar. Stimmt das Wetter, haben sie Arbeit, stimmt es nicht, müssen sie mit der geringen Lebensmittelration auskommen, die ihnen vom Staat gegeben wird.

Wir verteilen auch hier unsere Opfertiere und fahren weiter nach Kanniyai an der Ostküste. Auf dem Weg dorthin bekommen wir sehr deutlich das Hauptproblem des Landes vor Augen geführt. Alle 500 Meter steht ein Armeeposten an der Straße, es vergeht keine halbe Stunde zwischen den Checkpoints, in denen wir mindesten eine Viertel Stunde auf Durchlass warten. Kinniyai liegt zwischen Trincomalee und Mutur. Die LTTE beansprucht dieses Gebiet und immer wieder kam es hier auch in der nahen Vergangenheit zu Kämpfen. Obwohl sich die Muslime nicht an den Kämpfen beteiligen, bekommen sie die Folgen mehr als deutlich zu spüren. Noch im November mussten mehr als 20.000 Menschen aus Mutur fliehen.

Der Tsunami traf diese Gegend mit all seiner Wucht. Fast einen Kilometer weg liegt der Punkt, an dem das Wasser an die Dächer der einstöckigen Häuser reichte. Es ist ein beklemmendes Gefühlt an diesem Ort zu stehen und Richtung Meer zu sehen, dass man aus der Entfernung nur schwer ausmachen kann. Im Krankenhaus an der Küste verloren sowohl Personal als auch Patienten ihr Leben, in einer Madrasa daneben starben mehr als 100 Kinder. Der Küstenstreifen ist noch auf einer Breite von 50 Metern leer. „Eigentlich war es verboten, auf einer Breite von 200 Metern an der Küste zu bauen“, sagt Mohammed, unser örtlicher Führer, „doch wo sollen die Menschen hin. Hier ist ihr Land, sie haben alles verloren und das Grundstück auf dem ihr Haus stand, ist oftmals das Einzige, was sie noch besitzen.“ Deswegen hätte die Regierung das Verbot auf einen 50-Meter-Streifen gekürzt. Auf diesem Streifen stehen wir nun, auf der einen Seite das nun ruhige Meer, auf der anderen Seite die Fundamente der fortgespülten Häuser.

Wir nehmen die Fähre um Kanniyai zu verlassen. Es geht diesmal in das Zentrum des Landes, nach Kandy. Die Fahrt wird lang, nicht wegen der Distanz, eher wegen der häufigen Checkpoints die uns manchmal eine Halbe Stunde aufhalten. Auch in Kandy verteilen wir einige Opfertiere. 1200 waren für Sri Lanka vorgesehen. Am Ende werden es wohl mehr, wir konnten die Tiere alhamdulillah („Allah sei Dank“) günstig einkaufen. In Kandy herrschte der letzte König Sri Lankas, bevor schließlich auch er von den britischen Invasoren enttrohnt wurde. Die Spuren dieser Zeit sind aus der Stadt jedoch nicht verschwunden. Auch in dieser Region leben Muslime. Besonders gut ist ihre wirtschaftliche Situation nicht. „Muslime bekommt grundsätzlich keine Arbeit in der Administration“, nennt Abdulgafur als einen der Gründe. „In diese Bereiche werden Muslime erst gar nicht vorgelassen. Viele müssen im Ausland arbeiten, auch ich musste das. Fünf Jahre habe ich in Singapur gearbeitet, zehn in Saudi Arabien. Es reichte um mir hier eine Existenz aufzubauen. Jetzt verdiene ich umgerechnet 500 $ aus einem Geschäft und habe genug Zeit um mich für die Gemeinschaft einzusetzen. „Reiche Muslime gibt es in der Region kaum“, sagt Abdulgafur weiter. Die Teeplantagen würden hauptsächlich von ausländischen Firmen betrieben, in die Hände der Einheimischen falle nicht viel zurück.

Von Kandy aus geht es wieder zurück an die Ostküste, nach Kalmunai, einer Stadt südlich von Batticaloa. Auf 200 Metern ist der Küstenstreifen leer. „Mich hat das Wasser einfach mitgerissen“, erinnert sich der 17-jährige Mustafa an die schrecklichen Momente. „Ich wollte auf den Markt, als die Fluten mich erfassten. Ich habe es nur Allah teala zu verdanken, dass ich überhaupt lebe.“ Zwölf nahe Verwandte hat er an diesem Tag verloren. „Ich versuche nicht in Richtung Meer zu schauen, sonst kommt alles wieder hoch.“ Die Häuser standen an dieser Stelle bis an die Wasserkannte, heute ist hier nur Brachland. Das Schadirwan, das Waschbecken der großen Moschee von Kalmunai, ist das Einzige, das von dieser vormals prächtigen Moschee übrig geblieben ist. Die Fundamente weisen noch auf ihre alte Größe hin. Die Muslime bauen hier ihre Häuser eng an ihre Moscheen. Hier ist alles um die Moschee leer, kein einziges Haus ist übrig geblieben.

Wir treffen hier auf Muhammad Sabik, der uns in sein Haus einlädt. Er serviert uns ein srilankisches Mittagessen, bestehend aus Mangos, Ananas, Bananen und anderen Früchten. Inländische Früchte sind hier günstig, Fleisch und anderes Obst kommt nicht häufig auf den Tisch. Mohammed ist 37 Jahre alt und hat erst vor kurzem geheiratet. Wieso er denn so spät geheiratet hat, wollen wir wissen. „Wegen der Davri“, sagt Mohammed. Die Muslime im Osten des Landes haben die Mitgift-Tradition der Hindus übernommen. Keine besonders fruchtbare Übernahme. Die zukünftigen Ehemänner haben horrende Forderungen an ihre zukünftigen Ehefrauen. Ohne ein eigenes Haus, das an den Ehemann überschrieben werden muss, kommt kaum eine unter die Haube. Oftmals gehören noch ein Fahrzeug und die Wohnungseinrichtung mit zu den Forderungen. Je nachdem, was der Bräutigam an Beruf und Stand zu bieten hat. „Damit meine Schwestern heiraten konnten, musste ich beiden ein Haus bauen“, sagt Mohammed. „Viele Jahre musste ich im Ausland arbeiten, um meine Schwestern verheiraten und dann selbst heiraten zu können.“ Mohammed selbst hat keine Dawri von seiner Frau bekommen. „Für mich war es schon genug, dass sie mich heiratete“, lacht er verschmitzt. „Wir versuchen den Menschen zu zeigen, dass dies keine islamische Tradition ist, doch es ist kein leichtes Unterfangen.

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