Gemeinschaft

Bilder gerade rücken – Der Tag der offenen Moschee als Angebot und Chance

21. Oktober 2011

Was tun die Muslime oder was können sie überhaupt unternehmen, um Vorstellungen aufzuheben, die nicht ihrem Selbstverständnis entsprechen? Unter anderem der Tag der offenen Moschee (TOM), der dieses Jahr unter dem Motto „Muhammad – Prophet der Barmherzigkeit“ durchgeführt wurde, ist eine Antwort auf diese Frage. Er wird von den islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland seit 1997 jedes Jahr bundesweit am 3. Oktober veranstaltet. An diesem Tag bieten mehr als tausend Moscheen Führungen, Vorträge, Ausstellungen, Informationsmaterialien und Begegnungsmöglichkeiten an. Diese Angebote werden jährlich von mehr als hunderttausend Besuchern verschiedenen Alters, Nationalität und Religion wahrgenommen. Mit ihrer Einladung in die Moschee, zum Gespräch und zum Kennenlernen, kommen die Muslime ihren nichtmuslimischen Mitbürgern entgegen.

Allein die Besichtigung der Moschee und der erste Kontakt mit Muslimen ist schon hilfreich. Der Besucher wird nämlich kaum Anknüpfungspunkte finden, an denen er die bestehenden Stereotype festmachen könnte. Er wird beobachten können, dass es Muslime aller Couleur gibt, die genau dieselben Sorgen und Anliegen haben, wie man selbst. Hier der alte Mann aus der ersten Einwanderergeneration, der das Geschehen aus seiner Ecke in der Moschee beobachtet, während er auf den Gebetsruf wartet. Sicher hat er viele deutsche Arbeitskollegen gehabt. Jedoch hat kaum einer von ihnen die Moschee besucht, weil einfach kein Interesse bestand. Vielleicht wundert er sich nun, woher dieses Interesse kommt und wieso sich die jüngeren Gemeindemitglieder solche Veranstaltungen organisieren. Vielleicht war er sich aber gar nicht bewusst, dass er eine solche Aufgabe hatte. Denn ursprünglich wollte er ja nicht lange bleiben, hatte also keinen Bedarf sich näher mit der hiesigen Gesellschaft vertraut zu machen.

Im Moscheeeingang zerrt währenddessen ein kleines Mädchen an dem Ärmel ihres Vaters, um ihn in das Gemeindelokal zu bringen, wo sie Süßigkeiten kaufen kann. Dieser lässt sich aber kaum aus der Ruhe bringen und unterhält sich weiterhin mit dem Gemeindevorsitzenden. Das Mädchen wird am Wochenende zusammen mit ihrem Bruder in die Moschee gehen, um am Religionsunterricht teilzunehmen. Indes laufen die Vorbereitungen für die Hauptveranstaltung des Tages. Jungen Männer und Frauen begleiten die Gäste in die Moschee, da nun ein Vortrag stattfinden soll. Einige der Helfer engagieren sich außerhalb von Studium und Ausbildung in der Jugendarbeit ihrer Gemeinde, geben Nachhilfeunterricht, organisieren Ausflüge, Fortbildungen und Treffen mit muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen. Sie tun das aus einem Verantwortungsgefühl heraus, das ihnen ihre Religion gegeben hat. Ihr Prophet, um den es in dem Hauptvortrag geht, ist ihr Vorbild.

Vielleicht wird sich der Moscheebesucher im Laufe des Tages mit der Architektur-Studentin unterhalten, unter deren Leitung der Tag der offenen Moschee in der Gemeinde organisiert wurde. Bevor er geht, wird er sich sicherlich einige der Broschüren und Zeitschriften über die Moschee, die Hadithe des Propheten Muhammad (saw), den Ramadan und die Festtage der Muslime mitnehmen können.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Beurteilung nach dem ersten Moscheebesuch fast immer positiv ausfällt. Denn dem Bild, das der Moscheebesucher oft im Kopf hat, wurde die Grundlage entzogen. Ohne diese Erfahrung würde er, um beim Propheten zu bleiben, einem falschen Verständnis vom Propheten Muhammad (saw) folgen. Denn während der Gesandte Allahs für Muslime das beste Beispiel eines barmherzigen und gerechten Menschen ist, verbinden nicht wenige Nichtmuslime mit Muhammad (saw) leider nur Gewalt und Fanatismus. Während also das Motto des Tages der offenen Moschee nichts Besonderes aussagt, klingen die Worte „Muhammad“ und „Barmherzigkeit“ in den Ohren eines nichtmuslimischen Moscheebesuchers irgendwie „falsch“, wenn nicht provokativ.

Die meisten, die so denken, also zum Beispiel unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Mitschüler, tun dies aber nicht aus Boshaftigkeit. Hier müssen die Muslime Verständnis für das Missverständnis haben. Denn das Bild des gewalttätigen und fanatischen Propheten des Islams hat sich über Jahrhunderte gehalten und ist bis in unsere Zeit gelangt. Die Vorstellungen über den Gesandten Allahs basieren eher auf fehlendem Wissen. Aus diesem Grund wurde beim TOM 2011 genutzt, um die Perspektive der Muslime auf ihren Propheten zu verdeutlichen und das verzerrte Bild von ihm geradezurücken.

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