Gemeinschaft

Kontextwandel und Bedeutungsverschiebungen – Die Ambivalenz neuer und alter Identitäten

19. April 2010

Beginnen möchte ich mit einer grundlegenden Frage. Warum wurde das Thema „Identität“ für das ausgewählt?

Süer: Bekanntermaßen wird das Thema „Identität“ überall als das Problem unseres  Zeitalters betrachtet. Der Übergang von der traditionellen Gesellschaftsform zu der modernen Gesellschaftsform hat bei dem Menschen auf individueller und gesellschaftlicher Basis zur Identitätskrise geführt.

Nachdem die früheren Faktoren, die die Identität formten, an Wirkung verloren haben, zu denen die Religion gehört, sind die  bedeutungstragenden und zusammenhaltenden Werte im menschlichen Leben und in der Gesellschaft – das kollektive Bewusstsein- nach und nach aus dem Leben verschwunden. Mit diesen Änderungen begannen die Menschen sich mit der Frage „Wer bin ich?“, sowie mit der Frage „Wer sind wir?“ zu befassen und eine Antwort darauf zu finden.

Nun gibt es eine solche Behauptung und wir werden diese Thesen unter die Lupe nehmen und ihre Gültigkeit überprüfen. Dies ist der erste Grund warum das Thema „Identität“ ausgesucht wurde. Der zweite Grund ist, dass wir als Muslime des modernen Zeitalters uns ebenfalls mit diesen Fragen auseinandersetzen. „Was heißt es in dieser Zeit Muslim zu sein?“. Zu dem ist zu beobachten, dass sich die nationalen Identitäten langsam aufheben bzw. ihre Wirkung verlieren. „Türkischer Muslim, arabischer Muslim“: diese Bezeichnungen haben ihre Funktion verloren. Auch vor dem Hintergrund der Migration der Muslime nach Westeuropa beschäftigt die Frage nach der Identität die Muslime. „Wer sind wir?“ „Sind wir europäische Muslime?“, „Gibt es einen Widerspruch zwischen der Identität als Europäer und der muslimischen Identität? Kann beides zugleich sein oder nicht?“ Hinter all diesen Fragen verbirgt sich im Grunde die Frage „Wer bin ich?“, oder besser „Wer sind wir?“.  Ich denke, dass es nun anhand der aufgezählten Aspekte verständlich ist, warum ein solches Symposium notwendig ist.

Wenn wir uns den Programmablauf des Symposiums anschauen, dann sehen wir, dass das Thema als Ganzes betrachtet und anschließend eingegrenzt wird. Daher wird während des Symposiums vermutlich spezifisch die Identitätsdefinition der in  Europa lebenden Muslime zum Inhalt gemacht.

Süer: Wenn man auf die Tagesordnung schaut, so erkennt man, dass „Identität“ einen wichtigen Teil der Vorträge einnimmt. Aus diesem Grund heraus stimme ich der Feststellung, dass es um Spezifikation geht, nicht zu. Natürlich werden die Identitätsfragen, die die Muslime in Europa betreffen, besprochen werden. Jedoch ist es falsch zu sagen, dass der Schwerpunkt darauf liege. Vielmehr soll am Beispiel der europäischen Muslime das Thema Identität diskutiert werden. Hierbei steht die Frage „Haben die Muslime ein Identitätsproblem oder sollten Muslime sich mit diesem Thema auseinandersetzen?“ im Vordergrund.

Ausgehend von dieser Fragestellung werden wir in der ersten Sitzung das Menschenbild im klassischen islamischen Denken unter die Lupe nehmen und versuchen eine Antwort darauf zu finden. Wie sah das Menschenbild in jener Zeit aus? Welche Unterschiede gibt es bezüglich des Menschenbilds zwischen dem klassischen islamischen Denken und der Sicht der Moderne? Zuerst wollen wir feststellen, ob es einen Unterschied zwischen diesen Auffassungen gibt und uns dann der Gegenwart widmen. Der Schwerpunkt liegt auf der ersten Sitzung, da die Ergebnisse den weiteren Verlauf des Symposiums bestimmen werden. In der zweiten Sitzung werden wir das Thema aus einem historischen Blickwinkel betrachten. In der darauffolgenden Sitzungen soll schließlich das Thema „das Andere“ thematisiert werden.

In der dritten Sitzung sollen auch die Themen „Minderheiten in der islamischen Welt“ und „Geschichte der europäischen Juden in der islamischen Welt“ behandelt werden. Offen gestanden interessieren mich die Gründe für diese Auswahl…

Süer: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die häufig zur Sprache gebrachten Entwicklungen lenken. Die europäischen Muslime vergleichen ihre Lage desöfteren mit der früheren Situation der Juden in Europa. Diese Ansicht wird auch von vielen jüdischen Intellektuellen vertreten.

Dieser Ansicht nach verdeutlichen die Kampagnen gegen die Muslime, dass sie (die Muslime) die neuen Juden Europas sind. Das heißt die Muslime berufen sich auf die Minderheitenerfahrung der Juden. Auf diese Weise versuchen sie, sei es bewusst oder unbewusst, ihren Äußerungen und Forderungen eine Art Gültigkeit zu verschaffen.

Können wir hier vielleicht sagen, dass die Muslime von der Erfahrung der jüdischen Minderheit Gebrauch machen bzw. Nutzen ziehen?

Süer: Nein, ich stimme mit der Wortwahl „Nutzen ziehen“ nicht überein. Denn ich denke nicht, dass hinter diesem Verhalten eine negative Absicht steckt. Im Gegenteil, das ist vielmehr ein verständliches und rationales Verhalten. Die Juden sahen sich mit denselben Diskussionen und Auseinandersetzungen konfrontiert, denen die Muslime nun ausgesetzt sind. Auch sie beschäftigte die Frage „Jüdisch und europäisch zu sein“. Sie waren gezwungen Antworten auf Fragen solcher Art zu finden. Daher ist der Ansatz der Muslime verständlich und nützlich. Ich sehe das nicht als ein Versuch dies „für eigene Vorteile zu nutzen“. Unser Ziel ist es die Erfahrungen der Juden, die einst als „die Anderen“ betrachtet wurden, näher zu durchleuchten und herauszustellen wie sie diese Probleme angegangen sind.

Gibt es auch einen Grund warum das Thema „Minderheiten in der islamischen Welt“ ausgewählt wurde?

Süer: Wenn wir uns die Debatten anschauen, sehen wir einerseits, dass wir uns gegen die uns aufgezwungenen Dinge beschweren und andererseits sehen wir, dass wir beispielweise Andalusien immer als ein gutes Beispiel angeben und eine heile Welt zeigen. Bei dem Beispiel Andalusien stellt sich die folgende Frage: „Gab es Probleme bei den Minderheiten unter muslimischer Herrschaft?“ „Wie können wir die dort erworbenen Erfahrungen in unserer Zeit anwenden?“ Wenn das Thema Minderheiten in der islamischen Welt aus diesem Blickwinkel betrachtet wird, wird sich das positiv auf die Debatten auswirken.

In der vierten Sitzung wird ein spezifisches Thema behandelt werden.

Süer: Ja, in der vierten Sitzung wird die Situation der Muslime in Europa zum Gegenstand gemacht. In diesem Rahmen werden die Beispiele Deutschland, England, Frankreich und die Niederlande besprochen. Experten, die die europäische Migrationspolitik verfolgen, sagen, dass Migranten zunehmend als Sicherheitsproblem betrachtet werden. „Menschen, die eine andere Identität haben, stellen eine Gefahr für uns dar“, heißt es.  Es wird eine direkte Verbindung zwischen Identität und Sicherheit hergestellt. Das macht eine Identitätspolitik unabdingbar. Daher werden wir in der vierten Sitzung ausgehend von der Politik der entsprechenden Länder uns mit der nach Sicherheit orientierten Identitätspolitik auseinandersetzen.

Zudem werden wir über Selbstwahrnehmung sprechen. Beispielweise gibt es in Deutschland den Begriff der „Leitkultur“. Wenn jemand sagt, dass man nicht dazu gehört, solange man nicht seine eigene Identität ablegt, dann muss geschaut werden, wie der Muslim mit dieser Behauptung umgeht und wie er sich selber wahrnimmt. Denkt er: „Stimmt, ich kann nicht Einer von ihnen sein“ oder „Ein Mensch kann zugleich Muslim und Deutscher sein“? Welche Antwort hat er auf diesen Vorschlag? Vor diesem Hintergrund sind Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sehr wichtig.

Als letztes möchte ich Sie noch fragen: Das Symposium wird von der IGMG organisiert. Wieso veranstaltet die IGMG ein solches Symposium?

Süer: Die IGMG wird im Rahmen des ausgewählten Themas zum Gegenstand der Diskussion gemacht. Die IGMG ist in den Diskussionen über Identität ein wichtiger Faktor. Aus diesem Grund ist die IGMG dazu verpflichtet sich zu fragen, wo sie steht und wie sie sich versteht. Daher ist es ein wichtiger Schritt, dass die IGMG dieses Problem mit Experten aus aller Welt durchleuchtet. Es nützt niemandem die Ergebnisse von anderen zu wiederholen und sich auf ihre Aussagen zu stützen. Folglich wird IGMG auf dem Symposium sich selber hinterfragen und zugleich einen wichtigen Beitrag zu den Debatten über Identitätsprobleme leisten. (ke)

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