Freitagspredigt

Charakter und Gesetz als Gesellschaftsvertrag

27. August 2026 Minbar
Minbar

Verehrte Muslime!

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir leben nicht allein, sondern in Gemeinschaft. Und damit wir friedlich zusammenleben können, benötigen wir gemeinsame Werte. Dazu gehören Vereinbarungen, auf die sich die Gesellschaft einigt und stillschweigend unterschreibt. Unser Charakter schützt unser Gewissen und das Recht schützt die Ordnung der Gesellschaft. Beide sind grundlegende Werte. Und dort, wo beide einander ergänzen, erfahren wir Gerechtigkeit, Vertrauen und Frieden. Im edlen Koran sagt unser Schöpfer: „O ihr, die ihr glaubt! Steht in Gerechtigkeit fest, wenn ihr vor Allah bezeugt. Der Hass gegen (bestimmte) Leute verführe euch nicht zu Ungerechtigkeit. Seid gerecht, das entspricht mehr der Gottesfurcht.[1] Mit diesen Worten hat Allah uns die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens vor Augen geführt.

 

Liebe Geschwister!

Das Recht sichert die Rechte der Menschen. Der Charakter sorgt dafür, dass diese Rechte auch von Herzen geachtet werden. Gesetze können das Unrecht verhindern. Doch das Gute in die Herzen zu pflanzen, ist Aufgabe des Charakters. Ein starker Charakter zeigt sich darin, dass wir das uns Anvertraute auch dort wahren, wo niemand uns sieht; dass wir uns davor hüten, die Rechte anderer zu verletzen; dass wir uns nicht von der Aufrichtigkeit abwenden und dass wir auf die Stimme unseres Gewissens hören.

Unser Prophet (s) hat in Medina eine gesellschaftliche Ordnung aufgebaut. In dieser Ordnung konnten Menschen aus verschiedenen Religionen und Völkern friedlich zusammenleben. Sie beruhte auf Gerechtigkeit und gegenseitiger Verantwortung. Diese Ordnung wurde in der „Charta von Medina“ festgehalten. Das Leben unseres Propheten ist das deutlichste Beispiel dafür, wie sich Recht mit einem guten Charakter verbinden lässt. Denn wo keine Gerechtigkeit ist, dort gibt es kein Vertrauen. Und wo keine Charakterstärke ist, dort gibt es keinen dauerhaften Frieden.

 

Geschätzte Muslime!

Heute müssen wir mehr denn je die Werte eines schönen Charakters lebendig halten und das Recht achten. Das beginnt in unserer eigenen Familie. Es setzt sich fort in allen Bereichen der Gesellschaft. Im Straßenverkehr, im Berufsleben, im Handel und im Verhältnis zu unseren Nachbarn. Kurz: in jeder Beziehung, die wir mit der Gesellschaft, mit öffentlichen Einrichtungen und mit allem, was uns umgibt, eingehen. Das Recht zu achten gehört zu unserem Muslimsein. Wer die Rechte anderer wahrt, sein Wort hält, das Anvertraute schützt und aufrichtig handelt, der erlangt das Wohlgefallen Allahs. Und er baut zugleich das Vertrauen in der Gesellschaft auf. Unser Prophet (s) hat gesagt: „Ein Muslim ist derjenige, vor dessen Zunge und Hand die anderen Muslime sicher sind. Und ein Gläubiger ist derjenige, dem die Menschen bezüglich ihres Lebens und ihres Besitzes vertrauen.[2]

 

Geschätzte Geschwister!

Vergessen wir nicht: Starke Gesellschaften bestehen nicht allein durch Gesetze. Sie bestehen durch hohe Charakterwerte und durch Menschen, die diese Werte in sich tragen. Möge unser Herr uns zu Dienern machen, die nicht von der Gerechtigkeit abweichen. Zu Dienern, die das Recht achten und den guten Charakter zum Leitfaden ihres Lebens nehmen. Und möge Er unserer Gesellschaft Einheit, Frieden und Vertrauen schenken. Amin!

[1] Sure Maida, 5:8

[2] Tirmizi, Iman, 12

 

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