Grundsätze sind zentrale Prinzipien und Werte, die den Tätigkeiten der Gemeinschaft zugrunde liegen. Die Grundsätze der IGMG beruhen auf der Verpflichtung, den Islam auf Grundlage des Korans und der Sunna zu leben und weiterzugeben, die Grundrechte und Freiheiten aller Menschen in Würde zu schützen sowie die Solidarität mit der Umma des Propheten Muhammad (s) zu wahren. Diese Grundsätze lassen sich nach thematischen Schwerpunkten gliedern.
Glaubensgrundsätze
Als religiöse Gemeinschaft beruhen unsere Glaubensgrundsätze auf dem Glauben an Allah, seine Propheten und den Jüngsten Tag.[1] Die Quellen dieser Glaubensinhalte basieren auf dem Verständnis der Ahl as-Sunna wal-Dschamâa (im Rahmen der theologischen Schulen der Mâtûrîdiyya und Aschariyya), dem Koran, der Sunna, dem Idschmâ (Konsens der Gelehrten) und dem Kiyâs (Analogieschluss).
Mensch und Schöpfung
Der Koran macht deutlich, dass in Himmel und Erde unzählige Zeichen für die Existenz, Einheit und Macht Allahs zu finden sind. Der Koranvers „Und an wie vielen Zeichen in den Himmeln und auf Erden gehen sie achtlos vorüber?“[2] fordert den Menschen dazu auf, über die Schöpfung nachzudenken, die Zeichen der göttlichen Existenz zu erkennen und die Vollkommenheit des Schöpfers zu begreifen.[3] Die Vielfalt in der Natur, die Ordnung der Sterne und Planeten sowie die Harmonie und Funktionsweise des menschlichen Körpers sind Beispiele, die den Menschen zum Nachdenken anregen.
Im Koran heißt es: „Allah ist der Schöpfer aller Dinge“[4]. Der Mensch nimmt innerhalb der Schöpfung eine besondere Stellung ein. Der Vers „Und wahrlich, wir haben die Kinder Adams geehrt.“[5] beschreibt ihn als „Aschraf al-Mahlûkat“, den Edelsten unter den Geschöpfen. Diese Auszeichnung bedeutet nicht nur Würde, sondern auch Verantwortung: Der Mensch hat Pflichten gegenüber seinem Schöpfer, gegenüber anderen Menschen und allen anderen Lebewesen. Nachdem Allah den ersten Menschen Adam (a) erschaffen hat, befahl er den Engeln, sich vor ihm niederzuwerfen. Dies ist ein Zeichen für die herausgehobene Stellung des Menschen in der Schöpfung.
Nach islamischem Verständnis ist der Mensch nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Wesen mit Bewusstsein und Seele. Der Vers „Die Wahrheit ist von eurem Herrn. Wer nun will, der glaube, und wer will, der glaube nicht“[6] zeigt, dass der Mensch über Vernunft und freien Willen verfügt. Er kann wählen und trägt Verantwortung für seine Handlungen. Dies wird an anderer Stelle im Koran so formuliert: „Wer Gutes tut, tut es für sich selbst, und wer Böses tut, der tut es gegen sich selbst.“[7]
Das Prophetentum (Nubuwwa) wird als das Seil verstanden, das den Menschen mit Allah verbindet und ihm seine göttliche Verantwortung vermittelt. Laut dem Koranvers „Ich überbringe euch die Botschaft meines Herrn, und ich bin euch ein treuer Berater.“[8] liegt die Aufgabe der Propheten in der Übermittlung der göttlichen Botschaft und der Einladung zum Glauben. Nach islamischem Verständnis ist der Mensch von Natur aus mit der Fähigkeit ausgestattet, Allah zu erkennen. Er wird ohne Sünde geboren und besitzt Vernunft sowie Entscheidungsfreiheit. Damit ist der Mensch das einzige Geschöpf, das individuelle, gesellschaftliche und universelle Verantwortung trägt.
Maßstäbe und Werte
Die IGMG bemüht sich, den Islam auf Grundlage seiner wesentlichen Quellen, also Koran und Sunna, zu verstehen und zu leben. Solange regionale und kulturelle Unterschiede im Einklang mit diesen Hauptquellen stehen, betrachtet sie diese als Bereicherung und Chance.
Der Islam ist die letzte und wahre Religion. Seine Prinzipien und Werte sind nicht auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort beschränkt, sondern universell und zeitlos. Der Islam richtet sich an die gesamte Menschheit, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Sprache. Zum Ausdruck kommt dies im Vers: „(O Muhammad!) Und wir entsandten dich fürwahr als eine Barmherzigkeit für alle Welten.“ Mit dem Begriff „Welten“ wird verdeutlicht, dass der Islam universell ist und an die gesamte Menschheit gesandt wurde. Er ist eine Religion, die ihren Ursprung bis in alle Ewigkeit bewahren wird.
Im Rahmen des Monotheismus (Tawhîd) gründet der Islam auf Glauben (Iman), Ethik (Ahlâk), Gottesdienst (Ibâda) und Wissen (Ilm). Die IGMG handelt im Einklang mit den Maßstäben und der Verantwortung, die der Islam Menschen und Gemeinschaft auferlegt. Der Mensch ist nicht sich selbst überlassen; er wurde aus einem bestimmten Zweck erschaffen.[9] Dieser besteht darin, das Bewusstsein der Dienerschaft (Ubûdiyya) zu bewahren. Das überträgt dem Einzelnen wie auch der Gemeinschaft eine hohe Verantwortung auf. Die IGMG erkennt diese Verantwortung an und stellt in all ihren Aktivitäten grundlegende ethische Prinzipien in den Mittelpunkt: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Teilen, Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit. Diese ethische Verantwortung leitet sich ab aus dem Hadith: „Der beste Mensch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist“[10], und wird lebendig durch das Prinzip „das Gute gebieten und vom Verwerflichen fernhalten“[11]. Die IGMG versteht sich als Anhängerin dieses prophetischen Auftrags.
Muslimsein bedeutet, den Menschen ihre Verantwortung gegenüber Allah und den anderen Menschen bewusst zu machen. Dieses Verantwortungsbewusstsein beschränkt sich nicht auf individuelle Gottesdienste, sondern schließt den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf lokaler und globaler Ebene ein. Der Prophet Muhammad (s) sagte: „Wer von euch ein Übel sieht, der soll es mit seiner Hand ändern; wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seiner Zunge; und wenn er auch dazu nicht fähig ist, dann soll er es in seinem Herzen verabscheuen. Das ist die schwächste Stufe des Glaubens.“[12] Die IGMG betrachtet es als grundlegende Pflicht, sich jeder Art von Unrecht entgegenzustellen und in jeder Situation Gerechtigkeit zum Maß einzufordern.
Im Islam gibt es sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche Pflichten. Die Verwirklichung gemeinsamer religiöser Aufgaben – wie das gemeinsame Gebet, der Schutz bedürftiger und benachteiligter Menschen, das Engagement gegen Ungerechtigkeit und für Gerechtigkeit und Güte – erfordert eine kollektive Anstrengung. Auch hier nimmt sich die IGMG den Propheten Muhammad (s) zum Vorbild. Dieser übernahm bereits in jungen Jahren gesellschaftliche Verantwortung. So war er das jüngste Mitglied des „Hilf al-Fudûl“ („Bündnis der Tugendhaften“), das in Mekka gegründet wurde, um Unrecht zu verhindern und Unterdrückte zu schützen. Aus diesem Beispiel leitet die IGMG ab, dass gemeinsames Handeln eine grundlegende islamische Verantwortung ist. Sie folgt dem Leitsatz „Allahs Barmherzigkeit liegt auf der Gemeinschaft“ und misst dem gemeinschaftlichen Wirken große Bedeutung bei.
Die IGMG möchte die individuelle geistige und moralische Entwicklung des Einzelnen fördern und unterstützt Muslime dabei, ihr Leben in ausgewogener Weise zu führen.[13]
Die IGMG lässt sich von der Philosophie Yunus Emres leiten, der sagte: „Achtung gebührt der Schöpfung, um des Schöpfers willen.“ In diesem Sinne sucht sie den Dialog mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen, um gegenseitiges Verständnis und Toleranz zu stärken. Sie fördert eine Kultur des Zusammenlebens, um gesellschaftlichen Frieden und gegenseitiges Vertrauen zu festigen.
Das gesellschaftliche Zusammenleben
Der Mensch wurde als Statthalter (Halîfa) auf Erden eingesetzt. Allah sagt im Koran zu den Engeln: „Siehe, ich will auf der Erde für mich einen Statthalter einsetze.“[14] Diese Stellung ist Aufgabe und Verantwortung zugleich: die Bemühung, das Gute, Schöne, Gerechte und Wahre zu verwirklichen. Die Schöpfungsaufgabe des Menschen wird im göttlichen Wort ausgedrückt: „Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie mir dienen.“[15] Diese Dienerschaft bedeutet, den Schöpfer zu erkennen, sich selbst zu erkennen und durch die Schöpfung das Universum und die eigene Existenz zu verstehen.
Der Koranvers „Wir erschufen den Menschen gewiss in schönster Gestalt“ weist darauf hin, dass der Mensch sowohl körperlich als auch geistig in schönster Weise erschaffen wurde. Die Bezeichnung „schönste Gestalt“ ist eine Orientierung, damit der Mensch sich selbst erkennt und seinem Schöpfer näherkommt. Jedes Geschöpf besitzt aufgrund der Vollkommenheit der Schöpfung Würde und verdient Respekt. Allah hat alle Menschen gleich erschaffen, ihnen gleiche Rechte verliehen und sie in verschiedene Völker und Gemeinschaften eingeteilt, damit sie einander kennenlernen. Die IGMG pflegt daher eine offene und vorurteilsfreie Haltung und Kommunikation mit allen Menschen an.
Im Koran heißt es: „Gewiss, der vor Allah am meisten Geehrte von euch ist der Gottesfürchtigste unter euch.“[16] Damit wird klargestellt, dass Überlegenheit nicht in Herkunft, Abstammung oder Reichtum liegt, sondern in moralischer Reife. Diese zeigt sich etwa darin, für andere dasselbe zu fordern wie für sich selbst. Das Fundament dieser Haltung ist Gerechtigkeit. Der Koran lehrt: „Seid gerecht! Das steht der Gottesfurcht am nächsten.“ Gerechtigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil von Gottesfurcht (Takwâ). Sie ist ihr konkreter Ausdruck, die sich im gerechten Handeln in allen Lebensbereichen zeigt. Auf dieser Grundlage betrachtet die IGMG alle Menschen als die edelsten Geschöpfe der Schöpfung und erkennt an, dass die fünf grundlegenden Schutzgüter des Islams für alle Menschen gelten. Diese sind: Leben, Verstand, Nachkommenschaft, Glaube und Eigentum.
Im Koran heißt es: „Er ist es, der euch aus einem einzigen Menschen erschuf.“ Alle Menschen, ganz gleich welcher Religion, Weltanschauung oder Kultur, stammen ab von Adam und Eva, Friede sei mit ihnen. Die Vielfalt der Religionen, Ethnien, Kulturen, Sprachen und Völker ist ein Zeichen Allahs: „Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennenlernt.“, „Zu Seinen Zeichen gehört auch die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenartigkeit euerer Sprachen und euerer (Haut-)Farben. Darin sind fürwahr Zeichen für die Wissenden.“ Aus dieser Tatsache leitet die IGMG ab, dass die Gleichheit der Menschen einer der wichtigsten Grundsätze für das gemeinsame Leben ist.
Dschihad
Das Wort „Dschihad“ bedeutet „sich anstrengen“, „bemühen“ und kommt im Koran an vielen Stellen vor. Die IGMG versteht darunter das umfassende Bestreben, ein Leben zu führen, das Allahs Zufriedenheit entspricht. Dschihad ist die aufrichtige Anstrengung, den Islam zu lernen, ihn zu leben und anderen zu vermitteln; zum Guten zu führen und von Verwerflichem fernzuhalten; sich dafür einzusetzen, dass das Gute, Schöne und Gerechte in der Gesellschaft wirksam wird und das Schlechte, Ungerechtigkeit und Unterdrückung ein Ende finden. Dschihad ist der bewusste, gemeinsame Einsatz, um für alle Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.
Dschihad bedeutet, die eigenen Aufgaben verantwortungsvoll und nach Kräften zu erfüllen und in allen Lebensbereichen nach Allahs Wohlgefallen zu streben. Dschihad ist eine individuelle Aufgabe, denn der Prophet Muhammad (s) sagte: „Wer Dschihad betreibt, der tut es für sich selbst.“ In diesem Bewusstsein betont die IGMG, dass der Mensch über sich und sein Dasein in dieser Welt reflektiert und sich darum bemüht, den Zweck seiner Schöpfung zu verwirklichen. Denn Einsatz und Anstrengung beginnen beim eigenen Selbst. So kommt es auch in folgendem Hadith zum Ausdruck: „Der wahre Kämpfer ist derjenige, der sich bemüht, sein eigenes Ego zu überwinden.“ Diese Überlieferung verdeutlicht, dass die innerliche Auseinandersetzung die grundlegendste Dimension des Dschihads ist.
Eine weitere wichtige Dimension des Dschihads sind alle Bemühungen auf dem Weg des Wissens. Der Prophet (s) sagte: „Wer in unsere Moschee kommt, um etwas zu lernen oder zu lehren, ist wie jemand, der auf dem Weg Allahs Dschihad führt.“ Diese Aussage zeigt, dass das Streben nach Wissen eine Form von Dschihad. Wissen erhöht den Rang des Menschen im Diesseits und im Jenseits. Das Streben danach ist eine Aufgabe, die Ausdauer und Geduld erfordert.
Zugleich ist Dschihad eine soziale Verantwortung. Schon vor der Offenbarung war der Prophet (s) Mitglied des „Hilf al-Fudûl“, das gegründet wurde, um Stammeskonflikte zu verhindern und die Rechte der Unterdrückten zu schützen. Er sagte: „Bei Allah, wir werden in der Stadt Mekka, wenn jemandem Unrecht oder Unterdrückung widerfährt, alle gemeinsam und geschlossen handeln. Ob diese Person gut oder schlecht ist, ob sie zu uns gehört oder ein Fremder ist, wir werden handeln, bis sie ihr Recht vollständig erhält.“ Diese Worte machen deutlich, dass eine gemeinsame, solidarische Haltung eine Form des Dschihads ist, die im Koran unterstrichen wird: „Aus euch soll eine Gemeinschaft werden, die zum Guten einlädt, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Sie sind es, denen es wohl ergehen wird.“ Der Weg, den Muslime dabei wählen, wird ebenfalls im Koran beschrieben: „Rufe auf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung.“ Demnach betrachtet die IGMG den Dschihad als eine individuelle Pflicht und zugleich als eine gemeinschaftliche Form des religiösen Dienstes, der darauf abzielt, allen Mitgliedern der Gesellschaft ein würdiges Leben zu ermöglichen. Dschihad bedeutet, dass der Mensch – im Bewusstsein seiner Verantwortung, im Streben nach Wissen und in seinem gesellschaftlichen Engagement – sich nach Kräften darum bemüht, Allahs Wohlgefallen zu erlangen.
Das Gleichgewicht im Universum
Allah hat das Universum in vollkommener Harmonie und Ordnung erschaffen. Es ist erfüllt von Zeichen, die seine Existenz und Macht bezeugen. Alles Geschaffene steht als Werk des einen Schöpfers in einem ausgewogenen Verhältnis (Mîzân) und bildet ein harmonisches Ganzes. Diese Ordnung und all ihre Möglichkeiten wurden dem Menschen anvertraut, der als Statthalter (Halîfa) auf Erden eingesetzt wurde. Der Mensch ist als Teil dieses Gefüges nicht dazu bestimmt, zu zerstören, sondern zu erbauen.
Deshalb trägt der Mensch Verantwortung – für sich selbst, für seine Familie, für seine Mitmenschen, für die Tiere, die Natur und für alles, was ihn umgibt. Er ist nicht Eigentümer dieser Ordnung, sondern Treuhänder für die kommenden Generationen. Es ist eine religiöse Pflicht, dass der Mensch seine eigene schöpfungsgemäße Natur bewahrt und zugleich die Natur und die Tierwelt schützt. Dieses Bewusstsein verpflichtet ihn, den nächsten Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Gegen jede Handlung, die das von Allah geschaffene, empfindliche Gleichgewicht stört, muss entschieden eingetreten werden. Die negativen Folgen menschlichen Fehlverhaltens haben sich längst zu gravierenden Problemen für Natur und Gesellschaft entwickelt. Wenn der Mensch die ihm anvertraute Welt ihrer Lebensfähigkeit beraubt, bekommt er die Folgen seines Tuns in vielerlei Hinsicht zu spüren.
Die IGMG ist sich bewusst, dass das Universum von einem einzigen Schöpfer in Harmonie und Gleichgewicht erschaffen und dem Menschen als anvertrautes Gut übergeben wurde. In Dankbarkeit und Verantwortungsbewusstsein glauben wir, dass der Mensch nicht Besitzer, sondern Bewahrer dieser Welt ist. Denn das Leben schenkt dem Menschen Frieden, wenn er im Einklang mit allen Geschöpfen lebt.
Die Umma
Die IGMG leistet ihren Beitrag in den Gesellschaften, in denen ihre Mitglieder leben, und versteht sich zugleich als verantwortungsbewusster Teil der islamischen Umma. Sie teilt deren Freude und Leid und nimmt sich aller Angelegenheiten an, die die Gemeinschaft betreffen.
Die Umma ist die Gemeinschaft der Muslime, die auf dem Glauben an Allah, seine Gesandten und den Jüngsten Tag gründet. Sie wendet sich in ihren Gebeten der gleichen Kibla zu und ist in Freude und Leid eng miteinander verbunden.
Der Koran betont diese Einheit mit den Worten: „Das ist eure Gemeinschaft – eine einzige Gemeinschaft“, „Die Gläubigen sind wahrlich Geschwister“ und „Und so haben wir euch zu einer maßvollen und ausgewogenen Gemeinschaft gemacht, damit ihr Zeugen für die Menschen seid, und der Gesandte Zeuge für euch sei.“ Auch der Prophet Muhammad (s) hielt dieses Bewusstsein lebendig, wenn er sagte: „Die Gläubigen gleichen in ihrer gegenseitigen Liebe, Barmherzigkeit und Zuneigung einem Körper: Wenn ein Glied leidet, reagiert der ganze Körper mit Fieber und Unruhe.“ und „O Diener Allahs, seid Geschwister.“ Diese Worte verdeutlichen, dass das Band der Umma auf Mitgefühl, Zusammenhalt und gemeinsamer Verantwortung beruht.
Die Bedeutung der Bezeichnung „Millî Görüş“
Gemäß islamischem Glauben stammen alle Menschen von dem ersten Menschen und Propheten Adam (a) und seiner Gattin Hawwâ (Eva) ab. Seit Adam (a) hat Allah die Menschheit durch Propheten und Offenbarungsschriften geleitet, damit sie den rechten Weg findet. Einer der bedeutendsten Propheten in dieser Reihe ist Ibrâhîm (a), Abraham, der als Vater der Bekenner des Tawhîd gilt. Der Name unserer Gemeinschaft verweist direkt auf ihn.
Das Wort „Millî“ leitet sich vom koranischen Begriff „Milla“ ab. In mehreren Versen des Korans – unter anderem in den Suren Nahl (16:123), Âl-i Imrân (3:95) und Nisâ (4:125) – wird die Wendung „Milla Ibrâhîms“ verwendet, mit der die Gemeinschaft derer gemeint ist, die an einen Propheten glauben und sich um die von ihm überlieferten Werte, Ideale und Traditionen versammeln.
In diesem Sinne beschreibt der Ausdruck „Millî Görüş“ das Verständnis einer islamischen Gemeinschaft, die sich im Glauben und in ihrer Weltanschauung als Teil der Gemeinschaft Ibrâhîms (a) begreift und dem Weg des Propheten Muhammad (s) folgt. Dieses Selbstverständnis bedeutet, dass sie sich im Lichte dieser Werte und Überzeugungen für das Wohl und den Frieden der gesamten Menschheit einsetzt.
Aufgaben und Verantwortung
Die IGMG ist eine islamische Gemeinschaft, die – ausgehen von den oben genannten Glaubensprinzipien – umfassende religiöse, soziale und kulturelle Dienste leistet. Ihre Mitglieder betrachten es als eine Form des Gottesdienstes, den Menschen zu dienen, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen. Sie beteiligen sich an allen Aktivitäten in der aufrichtigen Absicht, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, und mit dem Bewusstsein, den Menschen von Nutzen zu sein. Sie leisten ihre Beiträge ehrenamtlich, sowohl materiell als auch geistig, in der Überzeugung, dass jede gute Tat in dieser Welt im Jenseits ihre Belohnung finden wird. Ehrenamtliches Engagement hat für sie Vorrang; sie handeln in dem Bewusstsein, dass Dienen eine geistige Verantwortung ist. Die von der IGMG angebotenen Dienste zielen darauf ab, den materiellen und geistigen Bedürfnissen der Muslime in allen Lebensphasen – von der Geburt bis zum Tod – in einem ganzheitlichen Ansatz zu begegnen.
Die IGMG betrachtet die Familie als das grundlegende, tragende Element der Gesellschaft. Die Familie ist eine lebenswichtige Institution im Zentrum des religiösen, sozialen und moralischen Lebens. Sie bildet die Grundlage dafür, die seelischen und körperlichen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, Generationen zu erziehen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Deshalb legt die IGMG großen Wert auf die Förderung von Familien.
Die IGMG betrachtet es als Grundprinzip, die Dienste ihrer Moscheen und Vereine allen Menschen zugänglich zu machen – unabhängig von ethnischer Herkunft oder weltanschaulichen Unterschieden. Ihre Einrichtungen sollen Orte sein, an denen sich Menschen jeden Alters in Frieden und Geborgenheit fühlen und Solidarität und Gemeinschaft erleben können, Orte, an denen Vielfalt als Bereicherung gesehen wird.
Die IGMG vertritt ein Menschenbild, das die Würde des Menschen ins Zentrum stellt und sowohl das materielle Wohl als auch die spirituelle Entwicklung des Einzelnen fördert. Sie betrachtet Frau und Mann als in ihrer Schöpfung gleichwertig, in ihrer Verantwortung und ihrem Beitrag einander ergänzend. Die IGMG ist überzeugt, dass Frauen ebenso wie Männer aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollen und fördert diese Teilhabe. In Übereinstimmung mit dem Koranvers „Der Mensch erlangt nur, worum er sich bemüht“ misst die IGMG nicht dem Geschlecht, sondern der Anstrengung und dem Verantwortungsbewusstsein eines Menschen Bedeutung bei. Daher bemüht sie sich, jedem Einzelnen die Möglichkeit zu geben, sein Potenzial zu entfalten.
Die Mitglieder der IGMG sehen sich als integralen Bestandteil der Gesellschaften, in denen sie leben und betrachten diese als ihre Heimat und Orte ihrer Zugehörigkeit. Sie fühlen sich mitverantwortlich für das Wohlergehen und den Frieden ihrer Gesellschaft. Ausgehend von koranischen und prophetischen Grundsätzen wie „Und die Gläubigen, Männer und Frauen, sind einer des anderen Freund. Sie gebieten das Rechte und verhindern das Verwerfliche“, „Übe Nachsicht, gebiete das Rechte und meide die Unwissenden.“ sowie „Bei dem, in dessen Allmacht meine Seele ist: Entweder ihr gebietet das Gute und verbietet das Schlechte, oder Allah wird euch eine Strafe auferlegen, dann werdet ihr ihn bitten, doch er wird euer Bittgebet nicht erhören“ vertritt die IGMG die Position, dass gesellschaftliche Beziehungen auf Gerechtigkeit gründen müssen und der Fokus auf Gemeinsamkeiten gerichtet werden muss.
Die IGMG legt großen Wert auf den Dialog mit Menschen verschiedener Religionen und Kulturen und auf eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohl der Gesellschaft. Sie betrachtet den Austausch mit allen gesellschaftlichen Gruppen, mit muslimischen und nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften sowie mit staatlichen Institutionen als eine individuelle, soziale und religiöse Pflicht.
Die IGMG fühlt sich der gesamten Menschheit gegenüber verantwortlich. Deshalb engagiert sie sich aktiv in der Suche nach Lösungen für wirtschaftliche, kulturelle und soziale Probleme. Sie vertritt eine klare Haltung, wenn es um globale Ungleichheiten im Zugang zu Ressourcen, Bildung und Wohlstand geht. Sie steht an der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten, tritt entschieden gegen jede Form von Unrecht ein und fördert Güte und Solidarität. Ebenso unterstützt sie Initiativen zum Schutz der Umwelt und der Tierwelt. In all ihren Tätigkeiten handelt sie mit einem bewussten Verständnis für die nachhaltige Nutzung der Ressourcen der Erde. In diesen Fragen sucht die IGMG den Dialog mit staatlichen Einrichtungen, politischen Akteuren, religiösen Gemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen und unterstützt alle Bestrebungen, die dem Erhalt und der Stärkung dieser Werte dienen.
[1] Sure Bakara, 2:2-5
[2] Sure Yûsuf, 12:105
[3] Sure Âl-i Imrân, 3:190-191
[4] Sure Zumar, 39:62
[6] Sure Kahf, 18:29
[7] Sure Dschâthiya, 45:15
[8] Sure Arâf, 7:68
[14] Sure Bakara, 2:30











