Öffentliches Leben und politische Teilhabe

Unsere Verantwortung als Muslime in den Ländern, in denen wir leben

Die von Allah gesandten Propheten haben den Menschen nicht nur die moralischen Grundlagen des individuellen Lebens vermittelt, sondern auch die Prinzipien für ein gemeinschaftliches, friedliches Zusammenleben. Gerechtigkeit, Freiheit, Toleranz, Solidarität, Barmherzigkeit und Ausgewogenheit sind Werte, die alle Propheten gelehrt haben und die kulturelle sowie geografische Grenzen überschreiten. Im Mittelpunkt steht hierbei der Schutz von Leben, Religion, Eigentum, Nachkommenschaft und Vernunft. Das Wesen des Islams besteht darin, die Gebote Allahs zu achten und allen Geschöpfen mit Mitgefühl zu begegnen.

Gesellschaften haben auf Grundlage ihrer jeweiligen historischen Voraussetzungen, kulturellen Unterschiede und regionalen Entwicklungen verschiedene politische Ordnungen und Systeme hervorgebracht. Diese politischen Systeme sind infolge von Krisen, Kriegen und Umbrüchen im Laufe der Geschichte in einem dynamischen Prozess entstanden. In den west­europäischen Gesellschaften haben die großen Volksbewegungen, Kriege und globalen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte zur Herausbildung demokratischer Rechtsstaaten geführt, in denen die individuellen Freiheiten stark ausgeprägt sind.

Im Zentrum dieser Ordnung stehen die Volkssouveränität sowie grundlegenden Rechte und Freiheiten. In manchen Ländern gestalten sich die Beziehungen zu Religionsgemeinschaften auf der Grundlage säkularer Modelle, wodurch die Rolle von Religion, religiösen Menschen und Gemeinschaften unterschiedlich definiert wird. In einigen Gesellschaften ist Religion zu einem freiheitlichen und partizipativen Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden, in anderen hingegen ist das Religiöse aus dem öffentlichen Raum verdrängt und das Potenzial religiöser Gemeinschaften nicht genutzt worden.

Die freiheitliche Demokratie erhebt den Anspruch, Menschen verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen die Möglichkeit zu geben, ihren Glauben zu leben, ihre Bürgerrechte auszuüben und gemeinsam in einer pluralen Gesellschaft zu existieren. Der Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit, der diese Ordnung trägt, beansprucht, für jede Person in gleichem Maße zu gelten.

Gleichzeitig erfordert die Neutralität staatlicher Autorität eine säkulare Ausrichtung des Staates, was die theoretische Unparteilichkeit gegenüber Religionsgemeinschaften und die Gewährleistung von Pluralismus gewährleistet. Dass Religionsgemeinschaften ihre Lehre und religiöse Praxis im Rahmen der Religionsfreiheit frei ausüben und vermitteln können, ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Ordnung. Diese Rahmenbedingungen werden jedoch durch gesellschaftliche Entwicklungen und Spannungen fortwährend herausgefordert.

Die IGMG setzt sich für die freiheitliche, multikulturelle und inklusive verfassungsmäßige Ordnung ein. Sie ist davon überzeugt, dass Muslime im Sinne des Prinzips „Gutes bewirken, Verwerfliches verhindern“ aktiv zu dieser Ordnung beitragen müssen. Der Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung, die auch die Rechte der Muslime gewährleistet, verpflichtet Muslime in gleicher Weise, Verantwortung für Frieden und Wohlstand zu übernehmen.

Nach Auffassung der IGMG verpflichtet sie ihre Religion dazu, den gesellschaftlichen Frieden zu fördern. Die verfassungsmäßige Ordnung kann nur bestehen, wenn die Bürgerinnen und Bürger sie schützen und weiterentwickeln. Dies gilt auch für Muslime, die dem Primat der Gerechtigkeit höchste Priorität einräumen. Denn Allah hat den Menschen als Statthalter auf Erden eingesetzt, was Verantwortung, den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden mit sich bringt.

Als islamische Religionsgemeinschaft versteht sich die IGMG innerhalb der verfassungsmäßigen Ordnung als ein aktiver Akteur mit gesellschaftlicher und politischer Verantwortung. Mit diesem Bewusstsein richtet sie ihre Arbeit am materiellen und geistigen Wohl der Gesellschaft und an den Bedürfnissen der muslimischen Gemeinschaft aus. In gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen übernimmt sie eine korrigierende, ermahnende, aufbauende und gestaltende Rolle.

Die IGMG schützt im Besonderen die Rechte der Muslime und setzt sich im Allgemeinen für Frieden und Harmonie in der Gesellschaft sowie in der Umma ein. Sie bekämpft Ungerechtigkeit und schafft Räume, um Verständigung zu ermöglichen. Die IGMG ist der Überzeugung, dass religiöse Verantwortung nicht allein in individuellen Gottesdiensten besteht, sondern den Einsatz für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Geschwisterlichkeit und Ausgewogenheit in der Welt erfordert.

 

Extremistische Strömungen, Gewalt und Terror

Die IGMG orientiert sich – wie in ihren Grundsätzen dargelegt – an der Tradition der Ahl al-Sunna wa al-Dschamâa. Sie verfolgt ein inklusives, umfassendes Religionsverständnis und betrachtet innerhalb der reichen muslimischen Geistesgeschichte jede Bemühung im Rahmen dieser Tradition als wertvollen Weg auf der Suche nach Allahs Wohlgefallen.

Alle Institutionen und Strukturen der IGMG grenzen sich von marginalen Gruppen ab, gleich ob muslimischer oder nichtmuslimischer Art. Die IGMG pflegt eine Kultur der Beratung und des Austauschs und ruft ihre Mitglieder dazu auf, maßvoll zu handeln und sich von jeder Art von Extremismus zu widersetzen.

Ausgehend vom Koranvers „Richtet nicht Unheil auf der Erde an, nachdem sie in Ordnung gebracht wurde“ distanziert sich die IGMG von Strömungen, die darauf ausgerichtet sind, die Gesellschaft zu schädigen. Extremistische Aussagen und Handlungen sind Fehlinterpretationen betrachtet, die nicht mit dem Wesen des Islams vereinbar sind. Solche Randpositionen verkennen die reiche Tradition des Islams und versuchen deshalb Religion in sehr oberflächlicher Weise der Gesellschaft aufzuoktroyieren. Deshalb betrachtet die IGMG die Pflege der klassischen islamischen Tradition und ihre dynamische Verbindung mit der Gegenwart als den stärksten Schutz gegen extremistische Auslegungen und fördert die gemeinschaftliche, moscheeorientierte und traditionsverbundene Sozialisation der Muslime.

Als Religionsgemeinschaft, die dem Weg der Mitte folgt, betont die IGMG, dass extremistische Ränder nicht die traditionsreiche, muslimische Gemeinschaft repräsentieren, sondern anfällig sind für extreme Ideen, gerade weil ihnen die Verwurzelung in der islamischen Geistesgeschichte und Tradition fehlt.

Darüber hinaus kritisiert die IGMG ab, dass öffentliche Diskurse über extremistische Bewegungen zu einer pauschalen Stigmatisierung aller Muslime führen. Sie wendet sich gegen den pauschalen und ausgrenzenden Einsatz von Begriffen wie Radikalismus, Fundamentalismus oder Extremismus und warnt davor, dass unter dem Vorwand vermeintlicher Extremismusvorwürfe rassistische Vorurteile gegen Muslime reproduziert werden.

Moscheen sind zentrale Orte, an denen die religiöse Identität von Muslimen gepflegt und gelebt wird. Die IGMG weist alle unbegründeten Behauptungen gegenüber Moscheegemeinden sowie muslimischen Einrichtungen und Gemeinschaften zurück, die diese in einen Kontext mit Radikalismus oder Extremismus setzen.

 

Rechtsextremismus und Terror

Die IGMG lehnt sowohl rechtsextreme als auch linksextreme politische Ideologien ab. Sie betrachtet rechtsextreme Auffassungen, die nationale oder ethnische Identitäten in den Mittelpunkt stellen, gesellschaftliche Hierarchien auf dieser Grundlage bilden, Polarisierung verstärken und häufig autoritäre oder gewaltorientierte Züge tragen, als ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft.

Die IGMG betrachtet Gewaltfreiheit als grundlegenden Konsens bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme. Als Religionsgemeinschaft setzt sie auf gewaltfreie Mittel zur Konfliktlösung und distanziert sich von jeder Haltung, die Gewalt als legitime Methode ansieht. Sie ist überzeugt, dass jede Herangehensweise, bei der sich eine Person über das Recht stellt und Gerechtigkeit auf illegalem Wege erzwingen will, Chaos und Unheil hervorbringt. Daher sucht sie Lösungen ausschließlich im rechtlichen Rahmen. Auch in Situationen, in denen internationale Normen durch Unterdrückung, Ausbeutung oder Besatzung verletzt werden, plädiert sie dafür, dass legitimer Widerstand aus einer Haltung der Gewaltfreiheit heraus erfolgen muss.

Die IGMG ist sich bewusst, dass Recht ein dynamisches System ist. Gemeinsam mit allen Partnern des Rechtsstaates tritt sie für die freiheitlich-demokratische Grundordnung und eine wehrhafte Demokratie ein und stellt sich gegen Strukturen und Bestrebungen, die Ungerechtigkeit nicht nur nicht verhindern, sondern sogar hervorbringen. Die IGMG betont, dass der Staat sein Gewaltmonopol nur im Rahmen der Prinzipien des Rechtsstaats und demokratischer Normen ausüben darf.

Terrorakte sind Handlungen, die rechtliche und moralische Grundsätze verletzen und darauf abzielen, die bestehende Ordnung zu zerstören. Die IGMG distanziert sich eindeutig von jeglichem Terror. Gleichzeitig verurteilt sie die schrecklichen Massaker und Verbrechen, die – insbesondere an muslimischen Gemeinschaften in Vergangenheit und Gegenwart im Namen globaler Terrorbekämpfung begangen wurden.

Muslime wurden in den letzten fünfzig Jahren immer wieder mit Begriffen wie „Islamismus“, „politischer Islam“, „Terrorismus“, „Radikalismus“ oder „Fundamentalismus“ konfrontiert. Die IGMG stellt fest, dass diese Begriffe häufig aus ihrem Kontext gerissen und dafür genutzt werden, um bestimmte Gruppen als Feinde oder Fremde darzustellen. Deshalb fordert die IGMG einen sachlichen, vernünftigen und gerechten Umgang mit diesen Begriffen, die in westlichen Gesellschaften oft negative Auswirkungen auf Muslime haben.

 

„Politischer Islam“ und „Islamismus

In westeuropäischen Ländern werden die Begriffe „politischer Islam“ und „Islamismus“ häufig als Bezeichnungen für politische Bewegungen verwendet, die gegen Demokratie und den verfassungsmäßigen Staat gerichtet seien und darauf abzielten, diese Ordnungen zu untergraben oder zu übernehmen. Die IGMG lehnt – ähnlich wie bei Vorwürfen des Radikalismus oder Fundamentalismus – eine solche pauschale Stigmatisierung von Muslimen ab. Sie weist auch jene Definitionen zurück, die etwaige gesellschaftliche oder politische Teilhabe von Muslimen, wie die jeder anderen Religion oder Weltanschauung, ignorieren, und in ein ausschließlich negatives Licht rücken. Die IGMG bezeichnet sich ausdrücklich und ohne zusätzliche Etikettierung als „islamische Gemeinschaft“.

Die IGMG beurteilt es als klaren Missbrauch und lehnt es kategorisch ab, wenn Strömungen oder Gruppen versuchen, die bestehende freiheitlich-demokratische Ordnung abzuschaffen. Genauso widerspricht sie, wenn Einschränkungen der Religionsfreiheit oder eine Schädigung der Gesellschaft mit religiösen Bezügen begründet wird. Wie aus ihrer Geschichte ersichtlich, hat sich die IGMG bereits Anfang der 80er Jahre entschieden und dauerhaft von Strömungen distanziert, die derartige Ziele verfolgten.

Die aktive Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger stärkt die demokratische Gesellschaftsordnung. Die IGMG ermutigt Muslime, sich auf Grundlage islamischer Werte als verantwortungsbewusste Bürger in allen sie betreffenden Fragen einzubringen. Dazu gehört auch, dass sie sich an zivilgesellschaftlichen Initiativen beteiligen und politische Parteien oder Gruppen unterstützen, die innerhalb des verfassungsmäßigen Rahmens handeln und zum Wohl der Gesellschaft beitragen. Jede Bestrebung, diese Teilhabe zu behindern, lehnt die IGMG als undemokratisch ab. Die politische Teilhabe von Muslimen sieht sie als Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Friedens, zur Bereicherung des Pluralismus und zur Förderung des Gemeinwohls.

Die IGMG distanziert sich von allen ideologischen oder religiös begründeten Ansätzen, die dem pluralistischen Verfassungsstaat schaden und gegen geltendes Recht verstoßen. Ihrem Selbstverständnis entsprechend erlaubt sie nicht, dass derartige Ideologien in ihren Strukturen Fuß fassen. Die IGMG fördert Verständigung, nicht Konflikt, sie möchte einschließen, nicht ausgrenzen, aufbauen, nicht zerstören.

Politische Teilhabe ist eine von vielen Möglichkeiten, um als Muslim am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und entsprechend seiner Überzeugungen einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Dieses Engagement begrüßt die IGMG, sofern sie mit der Verfassung des jeweiligen Landes vereinbar ist und dem Gemeinwohl dient. Als Religionsgemeinschaft tauscht sich die IGMG mit zivilgesellschaftlichen und politischen Akteuren über Themen aus, die Muslime und die gesamte Gesellschaft betreffen. Solche Gespräche bedeuten nicht, dass die IGMG die Positionen ihres Gesprächspartners übernimmt oder sich mit diesen identifiziert. Innerhalb der Gemeinschaft wird weder parteipolitische Propaganda betrieben noch eine politische Richtung vorgegeben. Jedoch ermutigt die IGMG ihre Mitglieder zu politischer Teilhabe, damit Muslime der gesamten Gesellschaft dienen. Dieser Ansatz entspricht islamischen Prinzipien wie, Verantwortung den dafür geeigneten Personen zu übergeben und Gerechtigkeit zu verbreiten.

Die IGMG betont, dass die Ansichten, Empfindlichkeiten und parteispezifischen Positionen von Personen, die in politischen Parteien aktiv sind, für die IGMG nicht bindend sind. Solche Positionen dürfen in den Strukturen der Gemeinschaft weder aufgezwungen noch bestimmend hervorgehoben werden und politische Fragen dürfen nicht zu Spaltungen führen.

Die IGMG unterstützt die Ausübung der Religion sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich und sieht darin einen Teil des Auftrags zur Vermittlung und Einladung. Sie ist überzeugt, dass religiöse Pflichten des Islam, die den Alltag unmittelbar betreffen – wie das Gebet, das Fasten oder die Bedeckung für Frauen und Männer –, nicht nur privat, sondern bei Bedarf auch im öffentlichen Raum frei ausgeübt werden müssen. Den politischen und rechtlichen Einsatz für den Schutz dieser Freiheit betrachtet sie sowohl als natürliche Folge der Religionsfreiheit als auch als unverzichtbare Voraussetzung freiheitlicher und pluraler demokratischer Systeme. Dass manche Kreise diese Forderungen als Versuch darstellen, die verfassungsmäßige Ordnung zu untergraben, bezeichnet die IGMG als unbegründete und im Kern verfassungswidrige Unterstellung.

Die IGMG bewertet es ebenfalls als unbegründete und böswillige Etikettierung, wenn manche Institutionen oder Gruppen die Forderung, religiöse Pflichten auch im öffentlichen Raum erfüllen zu dürfen, als Versuch darstellen, die verfassungsmäßige Ordnung auf legalem Wege zu verändern. Solche Vorwürfe spiegeln eine nicht-plurale, auf Einheitlichkeit zielende Gesellschaftsvorstellung wider, die Vielfalt ablehnt. Die IGMG wendet sich entschieden dagegen, dass Muslime auf diese Weise stigmatisiert und ihre Bürgerrechte eingeschränkt werden. Denn die Möglichkeit, dass unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen sich im öffentlichen Raum ausdrücken und zu gesellschaftlichen Diskussionen beitragen können, ist eine unverzichtbare Voraussetzung demokratischer Ordnung.

Dass jede Religion und jede Weltanschauung ihre Vorstellungen vom gesellschaftlichen Zusammenleben öffentlich äußern kann, ist ein wesentlicher Bestandteil einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Die IGMG ist überzeugt, dass ihre eigene Haltung zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sie aus ihren Grundprinzipien heraus entwickelt, ebenfalls einen wertvollen Beitrag hierzu leistet.

Die IGMG lehnt es ab, Religion ausschließlich auf den privaten Bereich zu beschränken oder sie aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Sie betrachtet es als Eingriff in den religiösen Bereich und die Grundrechte religiöser Bürger, wenn Menschen – ob muslimisch oder nicht – aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen gezwungen werden sollen, ihren Glauben zu verbergen und ihn nicht im gesellschaftlichen Leben sichtbar werden zu lassen. Gleichzeitig weist die IGMG jede Form religiöser oder weltanschaulicher Zwangsausübung oder Instrumentalisierung entschieden zurück.

 

Unser Appell für eine gesellschaftliche Haltung, die sensibel für Vielfalt ist – am Beispiel von Migration und Flüchtlingen

Im 21. Jahrhundert haben globale Entwicklungen wie Gewalt, Krieg, Hunger, Armut, Unterdrückung und die Klimakrise zu einer Zunahme von Flucht und erzwungener Migration geführt. Vor allem Menschen aus dem globalen Süden sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und machen sich auf den Weg nach Westeuropa. Diese Bewegung wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen und viele Gesellschaften vor neue Herausforderungen stellen.

Die IGMG, eine religiöse Gemeinschaft, die auf den Schultern der aus der Türkei nach Westeuropa eingewanderten Menschen gewachsen ist, verfolgt die Entwicklungen rund um Migration und Geflüchtete aufmerksam. Sie betont, dass der Blick auf Migrantinnen und Migranten von rassistischen und kolonial geprägten Denkmustern befreit werden muss. Zugleich erinnert sie daran, dass der politische und gesellschaftliche Umgang mit den „Neuankömmlingen“ ein Prüfstein dafür ist, ob Gesellschaften Vielfalt wirklich als Wert begreifen.

Die Tatsache, dass der Prophet nach der Hidschra in Medina die Ansâr und die Muhadschirûn zu Geschwistern erklärte, steht für ein vorbildliches Verständnis von Solidarität und Aufnahme gegenüber Menschen, die vor Unterdrückung fliehen und in einer neuen Gemeinschaft Schutz suchen. Dieses Prinzip gilt auch heute als wichtige Orientierung für Musliminnen und Muslime. So heißt es im Koran: „Diejenigen, die vor ihnen hier (in Medina) im Glauben zu Hause waren, lieben die, welche zu ihnen auswanderten, und fühlen in sich kein Verlangen nach dem, was ihnen gegeben wurde. Sie ziehen (die Flüchtlinge) sich selber vor, auch wenn sie selber bedürftig sind. Wer so vor seiner eigenen Habsucht bewahrt ist – denen ergeht es wohl.

Die IGMG betrachtet das Recht auf Asyl aus islamischen Grundsätzen heraus als ein grundlegendes Recht. Sie versteht Hilfe und Unterstützung für Geflüchtete als eine Verpflichtung. Sie ist überzeugt, dass eine „Willkommenskultur“, die Menschen unabhängig von Bildung, sozialem Status oder ethnisch-religiösem Hintergrund wertschätzt, eine wesentliche Grundlage für eine gesunde Gesellschaft ist.

Die IGMG wendet sich gegen die entwürdigenden Praktiken, die im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts an den europäischen Außengrenzen zu beobachten waren und grundlegende menschliche Werte verletzen. Dass tausende Menschen im Mittelmeer dem Tod überlassen, von Schleusern ausgebeutet oder in staatlichen Verfahren erniedrigt werden, ist inakzeptabel. Ausgehend von der Würde des Menschen und den Grundrechten setzt sich die IGMG dafür ein, dass Migrantinnen und Migranten in den Ländern, in denen sie ankommen, gleichberechtigt Zugang zu Arbeitsmarkt, Bildung und Wohnraum erhalten.

Erzwungene Migration hat ihre Wurzeln in Krieg, Unterdrückung, Völkermord und strukturellen Ungleichheiten. Diese Probleme sind häufig die Folgen kolonialer Praktiken, die bis heute nachwirken. Flucht ist somit ein Resultat tiefgreifender struktureller Ursachen. Deshalb betont die IGMG, dass es nicht ausreicht, nur auf die Migration selbst zu blicken. Vielmehr müssen die Ursachen bekämpft werden, die Menschen zur Flucht zwingen. Dauerhafte und gerechte Lösungen sind nur möglich, wenn Konflikte beendet werden, globale Ausbeutungsverhältnisse verändert werden, die Balance der Schöpfung geachtet wird und überall menschenwürdige Lebensbedingungen herrschen. Aus diesem Grund unterstützt die IGMG politische Maßnahmen, die die strukturellen Ursachen erzwungener Migration beseitigen.

Für die IGMG ist Migration nicht nur eine humanitäre Verantwortung, sondern auch eine Chance, Gesellschaften auf der Grundlage von Frieden und Gerechtigkeit neu zu gestalten. Daher ruft sie Politiker, zivilgesellschaftliche Organisationen und religiöse Gemeinschaften dazu auf, politische Ansätze umzusetzen, die sensibel für Vielfalt sind, die Teilhabe aller fördern und die menschliche Würde in den Mittelpunkt stellen. Eine gerechte und nachhaltige Zukunft ist nur möglich, wenn die Rechte von Geflüchteten geschützt werden und Gesellschaften ihre Unterschiede als Bereicherung anerkennen.

 

 

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