Muslimisches Leben in westlichen Gesellschaften wie jenen in Europa, Australien, Kanada und den USA ist weder neu noch vorübergehend, sondern ein fester und integraler Bestandteil der Gesellschaft. Auch wenn die Geschichte muslimischer Gemeinschaften je nach Land unterschiedlich verlaufen ist, leben Muslime in zahlreichen westlichen Staaten bereits seit vielen Jahrzehnten. Zahlreiche Institutionen und Moscheen sowie muslimische Beiträge zu Bildung, Kultur, Politik und Wirtschaft zeigen deutlich, dass diese Länder zu ihrer Heimat geworden sind. Diese Beheimatung bringt Verantwortung mit sich, nämlich die, sich nachhaltig in die Gesellschaft einzubringen und ihre sowie die eigene Zukunft aktiv mitzugestalten.
Die Ost-West-Dichtotomie
Die IGMG betrachtet das wissenschaftliche und kulturelle Erbe, das die Menschheit im Laufe der Geschichte hervorgebracht hat, sowie den modernen freiheitlichen Rechtsstaat als Gewinn und gemeinsames Erbe der Menschheit. Zentralen Werte dieses Erbes sind Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Pluralismus, Unparteilichkeit und Gleichheit sowie Grundrechte wie die Gedanken-, Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit. Die IGMG erkennt diese Werte als universale, gemeinsame Grundlagen an und widerspricht der Vorstellung, dass es sich hierbei ausschließlich um „westliche“ Werte handele.
Nach Auffassung der IGMG kann der Islam überall auf der Welt gelebt werden. Als die letzte, universelle Religion, die alle Menschen anspricht, ist der Islam weder an eine bestimmte Region noch an eine bestimmte Kultur gebunden. Ausgehend von diesem Verständnis setzt sich die IGMG für umfassende Werte wie Gerechtigkeit, Recht und Solidarität ein, anstatt die Welt politisch, kulturell oder wirtschaftlich in zwei Pole zu teilen. Sie pflegt eine Sprache, die zur Einheit in Vielfalt einlädt und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt setzt. Sie agiert nicht im Spannungsverhältnis von „westlich sein“ und „muslimisch sein“, sondern glaubt, dass es möglich ist, auf der Grundlage von Recht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu handeln.
Die IGMG widerspricht der in westlichen Gesellschaften verbreiteten Auffassung, dass Muslime in eine „übergeordnete Kultur“ integriert werden müssten, und vertritt stattdessen die Ansicht, dass Muslime gleichberechtigte gesellschaftliche Partner sind. Sie beobachtet, dass Freiheit, Menschenrechte und demokratische Werte auch in vielen westlichen Ländern, die sich selbst auf diese Werte berufen, verletzt werden, und wendet sich gegen die rassistischen Hierarchien in und zwischen Gesellschaften.
Vielfalt und Vorbild im religiösen Leben
Der Islam lässt sich weder auf eine geografische noch auf eine ethnische Identität reduzieren und ist nicht auf eine bestimmte Region begrenzt, sondern kann in allen Regionen und Kulturen gelebt werden. Daher lehnt die IGMG ein starres, auf geografische oder ethnische Zugehörigkeit beschränktes Islamverständnis ab. Bezeichnungen wie „türkischer Islam“, „arabischer Islam“ oder „europäischer Islam“ hält sie für unzutreffend. Zugleich erkennt sie an, dass lokale Bräuche und Traditionen, sofern sie nicht im Widerspruch zu grundlegenden Glaubensprinzipien des Islams stehen, eine Bereicherung und kulturelle Vielfalt innerhalb des religiösen Lebens darstellen. So ist es selbstverständlich, dass sich in der religiösen Praxis und im Verständnis des Islams Unterschiede etwa zwischen Muslimen in Europa und Muslimen in Asien zeigen können. Dieser Ansatz ermöglicht es Muslimen, ihr Leben in Einklang mit den eigenen Traditionen und den kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu gestalten.
Die Gestaltung muslimischen Lebens und einer islamischen Identität im Rahmen des jeweiligen Landes und der dort lebenden Muslime obliegt den Muslime selbst. Ein von außen auferlegtes, politisch motiviertes Verständnis eines „geografisch begrenzten Islams“ lehnt die IGMG ab. Ihrem Verständnis nach basiert die muslimische Identität auf Glauben, Charakter, guten Werken und dem Bewusstsein für die Umma.
Muslime verstehen den Islam nicht als eine Religion, die nur in mehrheitlich muslimischen (Herkunfts)Ländern praktiziert werden kann, sondern als eine Religion, die in jeder Gesellschaft gelebt werden kann. Sie betrachten die Länder, in denen sie leben, nicht als Orte der Gefahr und Einschränkung, wo sie nur vorübergehend leben, sondern definieren sie als ihre Heimat, in der sie ihren Glauben frei ausüben und in Frieden leben können.
Aus Perspektive der IGMG impliziert die Präsenz der Muslime im Westen die Verantwortung und den Anspruch, religiöse Werte wie Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Barmherzigkeit in vorbildlicher Weise zu leben. Das Leben des Propheten Yûsuf (a) ist ein Beispiel für diese Haltung: Sein gerechtes und am Gemeinwohl orientiertes Handeln in Ägypten trug zu gesellschaftlichem Wohlstand bei und machte ihn zu einem Symbol des Vertrauens. In diesem Sinne folgen Muslime dem göttlichen Wort, welches besagt: „Das Gute und das Böse sind fürwahr nicht gleich. Wehre (das Böse) mit Besserem ab, und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war, dir wie ein echter Freund werden.“ Folglich sollten Muslime nicht nur am gesellschaftlichen Leben teilhaben, sondern auch aktiv zum Fortschritt ihrer Gesellschaft beitragen.











